THE ONE Grand Show: Optik ist nicht alles

Meine Meinung zur neuen Show im Friedrichstadt-Palast Berlin

THE ONE: Grand Show im Friedrichstadt-Palast Berlin

Eine Augenweide

Auf der weltweit größten Theaterbühne des Friedrichstadt-Palast Berlin lässt sich derzeit das Bühnenwerk “THE ONE Grand Show” bestaunen. Diese Chance ergab sich auch am vergangenen langen Wochenende wieder zahlreichen Zuschauern. Doch eines steht fest: Nach “THE WYLD” aus dem vergangenen Jahr waren die Erwartungen — auch von meiner Seite — sehr hoch.

Das Besondere an dieser Show sind die Kostüme von Designer Jean Paul Gaultier. Sie werden so stark beworben, dass der Name Gaultier schon fast im Showtitel integriert scheint. Dementsprechend sollten die Outfits sich diese Ehre auch verdient haben und das ist voll und ganz der Fall. Ob farbenfroh gemusterter Ganzkörperanzug oder in schlichtem schwarz gehaltene Kleidungsfetzen — die Kostüme sind gelungen und einzigartig für eine Bühnenshow. Sie wirken nicht aufgezwungen und verleihen dem Werk das gewisse Etwas, doch machen Kostüme alleine noch keine Show und das ist hier scheinbar in Vergessenheit geraten. Dazu jedoch später mehr.

Akrobatik mit Höhen und Tiefen

Nicht fehlen durften natürlich die Akrobaten, welche mit außergewöhnlichem Können das Publikum überzeugten. Die sportlichen Höchstleistungen beginnen über der Bühne mit spektakulärer Solo-Tuchakrobatik, die den Zuschauern immer wieder den Atem stocken lässt. Anschließend trotzte eine weitere Artistin mit ihrem Reifen den Gesetzen der Physik mit einer kaum zu übertreffenden Ausstrahlung von Gelassenheit und konnte ebenfalls einen langen Applaus für sich gewinnen. Übertroffen wurde dies von der dritten akrobatischen Meisterleistung, die THE ONE zu bieten hatte: ein Duo am Trapez. Teilweise nur über ihre verhakten Füße miteinander verbunden, sorgten die Akrobatinnen immer wieder für langanhaltenden Applaus und etablierten sich für die allermeisten Zuschauer zu den Stars des Abends.

Doch neben diesen drei Auftritten, blieb die Show weitestgehend am Boden — und das in jedem Hinblick. Häufig waren die Akrobaten mehr Beiwerk und Kulisse als alles andere und nicht zuletzt stellte sich ab und zu auch die Frage: Beiwerk zu was? Denn eine “Hauptattraktion” suchte man in einigen Abschnitten vergeblich. Aber es gibt ja noch Sänger und Tänzer, die dem ganzen Leben einhauchen — das hätte man zumindest so erwarten können.

Ein Protagonist ohne Bühne

In THE ONE verfällt der Protagonist, junger Gast einer “Underground-Party” in einem verlassenen Revuetheater, in einen Wachtraum durch welchen das Publikum ihn begleitet. Gezeigt werden sollen Glanz und Glamour vergangener Tage während der junge Gast nach dem Menschen sucht, der ihm alles bedeutet: THE ONE. Doch eine Frage stellte sich in vielen Szenen der ersten Programmhälfte: Wo ist er denn, der Protagonist? Tatsächlich war er in seinen eigenen Träumen entweder gar nicht präsent oder nur zu Gast. Lediglich an einigen wenigen Stellen durfte der Partybesucher, gespielt von Roman Lob (ja, das ist der vom ESC 2012), sich auch in einem kurzen Song selbst in seinem Traum zu erkennen geben. Dementsprechend mau war auch der Applaus für eine Rolle, der es schlichtweg an Bedeutung fehlte.

An der Stelle unseres Partygastes hatten jedoch zahlreiche Tänzer die Gelegenheit, sich auf der Bühne zu präsentieren. Leider war dies dann aber über weite Strecken auch recht langweilig und nur zwei, drei Synchrontanz-Szenen konnten die Zuschauer mitreißen. Mit der Zeit kam dann doch die Frage auf, welchen Wert einzelne Szenen für den Zuschauer haben sollten, wo doch alle Personen auf der Bühne eher als Beiwerk erschienen. Vielleicht wurde gerade deshalb noch vor Beginn von THE ONE darauf hingewiesen, dass es sich um ein Revue handelt, dass keinem roten Faden folgt. Mal abgesehen davon, wie es zu interpretieren ist, dass der Friedrichstadt-Palast es für nötig hielt, seinen Zuschauern zu erklären, wie das künsterische Format einer Revue ausgestaltet ist, steht jedoch eines fest: Dieser Show fehlte nicht nur der rote Faden, sondern schlichtweg auch ein Gesamtkonzept. THE ONE war die erste Show meines Lebens, bei der das Publikum erst mitten im Finale langsam angefangen hat zu klatschen, da schlichtweg niemand erkannt hatte, dass es sich um das Finale handelt.

Musikalisch einfallslos

Wie die Überschrift schon sagt, ist Optik nicht alles. Schöne Kostüme machen noch keine Show und gerade die musikalische Gestaltung der Show hätte es noch rausreißen können. Es kam jedoch ganz anders.

Neben Roman Lob in der Rolle des Protagonisten gab es nur noch eine weitere Sängerin: Brigitte Oelke, welche die ehemalige Theaterchefin im Wachtraum verkörperte. Schon an dieser Stelle wird die Problematik klar: Zwei Sänger für eine ganze Show — das ist knapp. Es ist aber durchaus machbar, wenn man die Vielfalt dieser beiden Stimmen auskostet und auch unterschiedliche Genres und Facetten geschickt ausnutzt. Leider ist das alles in THE ONE nicht passiert.

Während die Artisten über weite Strecken ohne Gesang durch doch einigermaßen langweilige, aber von Szene zu Szene unterschiedliche Musik begleitet wurden, hatten die Tänzer-Szenen meist Oelkes Stimme mit immer gleichen Melodien und Tonfolgen zur Begleitung. Doch natürlich gab es auch einige Stücke, die aus diesem Muster ausbrachen. Leider konnten diese dann mit ziemlich offensichtlich kopierten Melodien aus allerlei Radio-Klassikern überzeugen. Das letzteres gewollt war, um die Zeitreise durch die Tage des alten Revuetheaters zu untermalen, bezweifle ich stark. Nicht zuletzt waren die Sänger ohnehin der etwas zu hoch eingepegelten Begleitung unterlegen. Auch hier gilt: Es war kein Gesamtkonzept erkennbar, sofern es nicht ausgediente und recht einfallslose Melodien sein sollten.

Trotz fehlendem Gesamtkonzept eine gute Show

Das Werk “THE ONE Grand Show” leidet hauptsächlich darunter, dass es als Revue eine doch etwas zu getrennte Struktur der einzelnen Szenen aufweist und musikalisch eher einfallslos gestaltet ist. Dennoch präsentieren Akrobaten und Tänzer eine meisterliche Performance und auch die Sänger geben ihr Bestes, wo sie doch durch die Arrangements stark eingeschränkt sind. Für alle, die sich eine zumindest einigermaßen spektakuläre oder mitreißende Show wie bei THE WYLD erwarten, ist THE ONE definitiv nicht zu empfehlen, denn damit kann diese Inszenierung nicht aufwarten. Wer allerdings eine Show mit Akrobatik, Tanz und nicht zu vergessen großartigen Kostümen sehen will und dabei auch in den Genuss möglichst vieler verschiedener Bühnenbilder kommen möchte, ist hier genau richtig. All das kann THE ONE im Friedrichstadt-Palast Berlin seinem Publikum bieten.

Zuerst erschienen auf meinem offiziellen Blog:

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