Wie ich wegen meines Namens fast aus einem Zug geworfen wurde

Da ich auf Twitter zu einem Tweet, in dem ich erwähne, wie ich fast von der Bundespolizei aus einem Zug geworfen wurde, gerade immer wieder gefragt werde, was denn passiert ist, hier die ganze Geschichte:

Für die, die mich nicht kennen: Ich bin Lilith, 21 Jahre alt und arbeite für ein großes Beratungsunternehmen im Bereich Emerging Technologies. Erstmal nicht sonderlich ungewöhnlich, bis auf mein Alter vielleicht. Was vielleicht leider als nicht so gewöhnlich in unserer Gesellschaft angesehen wird: Ich bin trans und laut meinem Ausweis heiße ich auch nicht Lilith sondern F. Seit mehreren Jahren kennen mich die meisten Leute aber unter Lilith und viele wissen gar nichts von F., auch wenn ich wirklich kein Geheimnis daraus mache, dass ich trans bin.

In Deutschland haben Menschen wie ich seit 1980 die Möglichkeit, ihren Namen und ihr Geschlecht in ihrem Ausweis zu ändern. Das ist im sogenannten Transsexuellengesetz geregelt. Laut diesem Gesetz ist dafür allerdings ein Gerichtsverfahren notwendig, außerdem zwei psychologische Gutachten und ganz günstig ist das auch nicht. Die Kosten für das Verfahren bewegen sich, je nachdem, wie teuer die psychologischen Gutachten werden, zwischen etwa 1000€ und 3000€. Ich finde das unfair und habe mich deswegen irgendwann dazu entschieden, meinen Namen nicht zu ändern, solange es dieses Gesetz noch gibt. In vielen anderen Ländern ist die Namensänderung nur noch ein Verwaltungsakt und ich hoffe, dass wir auch in Deutschland in wenigen Jahren soweit sein werden. (Einen guten Artikel zum TSG findet ihr auf bento)

Mein Job bringt es mit sich, dass ich viel reisen muss. In einer durchschnittlichen Woche fahre ich etwa 1000km mit der Bahn, besitze eine Bahncard 50 und buche Handytickets. Auf der Bahncard stand lange Zeit einfach F., liest ja eigentlich eh keine Zugbegleitung, was da draufsteht. Naja, irgendwann hat es dann doch mal jemand gelesen und dieser wollte mir in dem Moment auch trotz Personalausweis erstmal nicht glauben, dass ich F. bin. Hat er natürlich eigentlich recht, steht aber so in meinem Ausweis. Da sowas dann noch ein zweites und ein drittes mal passierte, bat ich irgendwann die Bahn, ob man nicht vielleicht Lilith auf meine Bahncard schreiben könne.

Diskussion mit Bahn über Namensänderung 2015

Nach einer längeren Diskussion mit der Bahn auf Twitter und dem Bahncard Service waren sie damals irgendwann bereit, meinen Namen zu ändern und in den letzten 1,5 Jahren hatte ich keine Probleme mehr mit Zugbegleitenden, die mir nicht glaubten, dass ich auch wirklich ich bin.

Ende letzten Jahres kam die Deutsche Bahn jedoch auf die Idee, zum 01.01.2017 eine Bahncard nicht mehr als Identifizierungskarte anzuerkennen, sondern immer zusätzlich nach dem Personalausweis zu verlangen.

Rückfrage über Neuregelung zum 01.01.2017

Da in den ersten 2 Monaten dieses Jahres aber keine einzige Zugbegleitung meinen Ausweis zu meiner Bahncard sehen wollte, ging ich davon aus, dass sich für mich nichts ändern wird. Bis gestern Abend.

Gestern Abend war ich wie üblich auf dem Weg nach Hamburg und es passierte zum ersten mal, dass mich bei der Kontrolle ein älterer Zugbegleiter aufforderte, meinen Ausweis vorzuzeigen, nachdem ich mein Ticket und meine Bahncard vorgezeigt hatte. Wie üblicherweise in solchen Situationen zeigte ich ihm meine Krankenversichertenkarte, auf der auch Lilith steht und die den meisten Leuten als Lichtbildausweis reicht. Er gab sich damit allerdings nicht zufrieden und verlangte nach meinem Ausweis. Ich gab ihm meinen Personalausweis und begann sogleich zu versuchen, ihm zu erklären, warum auf meinem Personalausweis F. und meiner Bahncard Lilith steht. Das interessierte ihn allerdings nicht sonderlich und er meinte, er rufe jetzt die Bundespolizei und die würden mich in Hannover aus dem Zug werfen, Fahrpreisnacherhebung, Anzeige… Ich, von der für mich ziemlich peinlichen Situation ziemlich aufgewühlt, bat ihn, mir meine Bahncard und meinen Perso zurückzugeben und das dann gemeinsam mit der Bundespolizei zu klären. Er weigerte sich jedoch, mir die Sachen zurückzugeben, und ich nahm sie ihm ohne jede Gewaltanwendung aus der Hand (dafür habe ich Zeug*innen im Zug). Daraufhin ging er los und fragte per Durchsage im Zug, ob Bundespolizei anwesend sei und, dass diese sich wegen eines Problems zu Wagen 7 begeben solle. Ich wurde netterweise von einer Person, die in meiner Nähe saß und die Situation beobachtet hatte, beruhigt.

Kurz vor Hannover kam ein Kollege des Zugbegleiters (relativ aggressiv) zu mir und wollte wieder meine Bahncard, meinen Perso, … sehen und eine Erklärung haben, warum da ein anderer Name auf dem Ausweis steht als auf der Bahncard. Nach einigen Minuten hatte er dann die Situation endlich verstanden und meinte, dass jetzt allerdings die Bundespolizei schon am Gleis warte, ich aber nichts falsch gemacht hätte. Er holte den Zugbegleiter, der mich kontrollierte, hinzu und versuchte, ihm die Situation zu erklären, beide verwendeten von da an männliche Pronomen für mich. Der erste meinte, dass er von sowas ja noch nie gehört hätte und dass er das ja nicht wissen könne (außer natürlich, er hätte mir zugehört).

Immerhin fing er in Hannover die Bundespolizei noch vor dem Zug ab und ich konnte im Zug bleiben. Während der Weiterfahrt nach Hamburg kamen beide Zugbegleiter noch mal zu mir, entschuldigten sich bei mir für die Situation und schenkten mir zwei Getränkegutscheine “gegen den Schreck”.

Wahrscheinlich kann ich den Zugbegleitern auch wirklich keine Schuld geben. Sie haben nur versucht, ihren Job zu machen. Okay, natürlich hätten sie etwas freundlicher und verständnisvoller sein können…

Allerdings habe ich von der Deutschen Bahn den Eindruck, dass sie Menschen wie mich einfach nicht als ihre Kund*innen haben wollen (mein Jahresumsatz bei der Bahn beträgt aktuell 3500€). Anders kann ich mir jedenfalls solche Regeln und die Uneinsichtigkeit, für solche Fälle Ausnahmen zu schaffen, nicht erklären. Wäre es denn wirklich so schwer, mir zur Bahncard einen Brief, in dem die Situation für die Zugbegleitung erklärt wird, dazuzugeben? Ist der Personalausweis zu einer Bahncard als Identifizierungsmedium wirklich nötig?

Aber natürlich ist es eigentlich ein Problem, das auf politischer Ebene gelöst werden muss. Änderungen am TSG wurden allerdings in den letzten Jahren immer wieder durch die große Koalition blockiert und zumindest in dieser Legislaturperiode wird sich daran vermutlich nichts mehr ändern. :-/