So, liebe Genossen

Doppelspielband rauscharm: Im Dezember 1989 machte ein Sonderparteitag der SED den langen Weg der Erneuerung unwiderruflich. Über Probleme des Rückblicks, Strafe auf Holzsitzen und eine fast vergessene Vorstandssitzung

Die schwarze Kiste

Eines Tages stand diese Kiste in meinem Büro. Schwarz, verstaubt, mit einem Plastikreißverschluss. Rrrritsch. Darin ein knappes Dutzend alter ORWO-Tonbänder, Typ 122-LN-360 m. Das »Doppelspielband rauscharm« war einmal für 23,20 Mark zu haben. Damals in der DDR. Ein Preisschild als Zeithorizont. Was würde hier zu hören sein? Auf einem Pappcover mit schwarzem Stift eine Antwort: »PV, 15.12.89« Parteivorstand also. Es musste sich um eine Sitzung vom Dezember des Wendejahres handeln, abgehalten zwischen den beiden Wochenenden, an denen der Sonderparteitags der SED stattfand.

Wer den Mitschnitt heute hört, vernimmt als erstes die unverkennbare Stimme des jungen Gregor Gysi. Der war damals Anfang 40, er klingt erschöpft und leicht kurzatmig: »So, liebe Genossinnen und Genossen, ich begrüße euch zur ersten Parteivorstandssitzung nach der Konstituierung.«

Die Konstituierung des Parteivorstandes der SED, der noch ein paar Tage zuvor Zentralkomitee geheißen hatte, lag nicht einmal eine Woche zurück, als Gysi das neue Gremium an jenem 15. Dezember 1989 begrüßte. »Ihr könnt schon aus der Tatsache, dass der Saal höchstens halbvoll ist, entnehmen, wie beachtlich wir uns verkleinert haben«, begann der neue SED-Vorsitzende. 98 der 101 Vorstandsmitglieder waren gekommen, verzeichnet das Protokoll.

Die Tonbandaufnahme ist nicht akustisch spektakulär. Aber sie ist das Zeugnis einer Zeit, über die gerade wieder viel gesprochen wird. Stimmen die Bilder, die man sich macht, mit denen überein, die überliefert sind? Wieviel hat das, was inzwischen als »die Geschichte« gilt, mit dem zu tun, was damals geschah? Und was kann uns die Vergangenheit heute noch erzählen?

In einer Berliner Sporthalle

Im Dezember 1989 kamen in einer Berliner Sporthalle 2714 Delegierte der SED zusammen, um über das Schicksal der Staatspartei zu beraten. Es wurde ein in vielerlei Hinsicht denkwürdiger Parteitag: Es war die Basis, welche die Zusammenkunft im Lichte der Krise von SED und DDR erzwungen hatte. Die SED-Oberen hatten gemauert, mehr noch: den Willen der Mitglieder nach einem Sonderparteitag hintertrieben. Es sollte lediglich eine Parteikonferenz abgehalten werden. Doch die Zeit raste und sie raste über die Blockade der alten Männer hinweg.

Am 3. Dezember trat Egon Krenz mit dem kompletten Politbüro der SED zurück. Er hatte erst 49 Tage zuvor Erich Honecker abgelöst, aber eine Erneuerung, nach der die Parteibasis nun immer lauter rief, traute ihm kaum jemand zu. Das Ende des alten Zentralkomitees der SED war der Startschuss für eine »Arbeitsausschuss« genannte Übergangskonstruktion, deren wichtigste Aufgabe darin bestand, den Parteitag zu organisieren. Der sollte ursprünglich vom 15. bis 17. Dezember stattfinden. Doch auch diese Planung hielt der Geschichte nicht lange stand. Und so wurde der Beginn des Außerordentlichen Parteitags vorgezogen.

Am Freitag, den 8. Dezember, um 19 Uhr, trat Herbert Kroker, der im November zum Ersten Sekretär der SED-Bezirksleitung Erfurt gewählt worden war und den zeitweiligen Arbeitsausschuss leitete, ans Mikro in der Dynamo-Sporthalle in Berlin: »Die Lage im Lande und in unserer Partei« habe zu der vorfristigen Einberufung veranlasst, sagte Kroker. Man sehe es als »lebensnotwendig für unsere Partei an«, demokratisch legitimierte Gremien zu wählen. Und weiter: »Diese Aufgabe duldet keinen Tag Aufschub mehr.«

Bilder vom Parteitag

Der Parteitag wurde zum Schlusspunkt eines Niedergangs und zum Startschuss für einen Neubeginn gleichermaßen. Wie der Parteitag ausgehen würde, war weder in den Tagen unmittelbar davor abzusehen, noch hätte man zwischen den beiden Tagungswochenenden Anfang und Mitte Dezember auf irgendein konkretes Ergebnis wetten wollen.

Vom Ende der Geschichte her betrachtet scheint dagegen alles klar, bekannt, logisch: Die SED löste sich nicht auf, machte aber den ersten Schritt auf dem schwierigen Weg zu Modernisierung und Selbstbefreiung. Sie brach mit dem strukturellen Stalinismus, der ihre Herrschaft als Staatspartei und so auch die Gesellschaft geprägt hatte, in der eine Führungsrolle einzunehmen sie sich 40 Jahre angemaßt hatte. Es wurden neue Köpfe gewählt, der Name erhielt einen Zusatz.

Doch wenn man ehrlich sein will, ist auch das nur ein Bild, eine komprimierte Vorstellung, die mit dem heutigen Wissen imprägniert ist. Es gibt nicht nur eine heutige Version dieses Sonderparteitags der SED. Es gibt mehrere und sie erzählen unterschiedliche Geschichten, erfüllen unterschiedliche Zwecke.

Es gibt zum Beispiel eine Perspektive auf den Sonderparteitag, die einem radikaleren Moment der Erneuerung den Vorrang bei der Erinnerung einräumt, jenen Versuchen nämlich, damals einen deutlicheren Bruch mit der SED-Geschichte zu vollziehen: die Auflösung der Partei und eine Neugründung. Aus diesem Blickwinkel ging der Sonderparteitag nicht weit genug. Diese Sicht gehört gleichwohl zur linken Geschichtsschreibung. Der Politikwissenschaftler Jürgen P. Lang zeichnet für die Bundeszentrale für politische Bildung ein anderes Bild des Sonderparteitags. In diesem wird »die Rettung des riesigen Parteivermögens« zu einem »nicht unwesentlichen« Moment des Dezember-Parteitags, der Bruch mit dem Stalinismus der SED wird als unaufrichtig skizziert — er habe »vor allem apologetische Funktion« gehabt.

Innerhalb der heutigen Linkspartei dominiert ein Bild, das von zwei Farben bestimmt ist: Neuanfang und Gründungskonsens. »Für die PDS und somit auch für die LINKE steht der Sonderparteitag am Beginn ihrer eigenständigen Geschichte«, hat der Historiker Detlef Nakath einmal über das Ende der alten SED gesagt. Eine Inauguration ist das Delegiertentreffen mehrfach genannt worden. So werden in der Kirche die feierlichen Einführungen in eine Amtswürde bezeichnet. Wörtlich übersetzt heißt augurium Vorzeichen — so gesehen markierte der außerordentliche Parteitag also schon die Zukunft jener Partei, die erst anderthalb Monate später dann so heißen sollte: PDS.

Es ist dies ein Bild von der Geschichte, aus der 20 Jahre später immer noch programmatischer Geist gezogen wurde. Als PDS und Wahlalternative 2007 fusionierten, spielte die Vorvergangenheit der Ostsozialisten natürlich eine Rolle. Dass die Mehrheit von ihnen im Neuanfang des Dezembers 1989 mehr sah als bloß ein wichtiges Ereignis in der Parteichronik, dessen man hier und da in Feierstunden würde zu gedenken haben, verstand im Westen nicht jeder. Auch nicht im Osten.

Doppelspielband rauscharm

Man kann sich als Historiker für den Sonderparteitag der SED interessieren oder als jemand, der sich zu einer gesellschaftlichen Linken rechnet, die ohne die fortdauernde Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte, dieser immer wieder schmerzhaften Selbstkritik, keine Linke wäre. Man kann auch eine persönliche Erinnerung haben. Und manchmal fällt alles zusammen.

Der Sonderparteitag im Dezember 1989 fand in der Dynamo-Sporthalle in Berlin-Hohenschönhausen statt. Ich habe dort das eine oder andere »Auswärtsspiel« der DDR-Jugendliga im Volleyball erlebt. Wir vom Berliner TSC haben damals gegen die aus unserer Sicht privilegierten Jungs vom SC Dynamo immer gewonnen. Die Underdogs gegen den Stasiverein. So ist es jedenfalls in meiner Erinnerung abgebucht. Die kann täuschen. Vielleicht haben wir auch verloren damals. Oder die Sache mit dem Trainingsgeld bei Dynamo war gar nicht so üppig. Es gibt keine Bücher oder Texte darüber.

Aber über den Sonderparteitag. Schon 1990 sind im Dietz Verlag Berlin »Materialien« erschienen, ein Bändchen, das die nach Meinung der Herausgeber wichtigsten Reden und Berichte enthält. 1999 haben Lothar Hornbogen, Detlef Nakath und Gerd-Rüdiger Stephan dann einen großartigen Protokollband herausgegeben, in dem die vollständigen Beratungen des Parteitags nachzulesen sind — wortgetreu. Auch die konstituierende Sitzung des neuen SED-Vorstandes vom 9. Dezember ist darin dokumentiert. Die zweite Sitzung des Gremiums vom 15. Dezember, die von der Tonbandaufnahme aus der schwarzen Kiste in meinem Büro, aber leider nicht. Und auch sonst findet sich darüber erstaunlich wenig.

Sind die ORWO-Tonbänder, die jemand über die Zeiten rettete, der erst später aus dem Westen zur PDS stieß, etwa gar nicht echt? Oder falsch datiert? In der »Chronik der PDS 1989 bis 1997«, die radikal ausführlich zu nennen noch eine Untertreibung wäre, ist die Sitzung des SED-Parteivorstandes vom 15. Dezember nicht einmal erwähnt. Obwohl es doch nicht nur die zweite Tagung war — sondern auch die letzte. Die SED wurde tags darauf in SED-PDS umbenannt. Also weitersuchen.

Im Archiv

Das Archiv Demokratischer Sozialismus hat seinen Sitz im selben Haus wie die Redaktion des »nd«. Die von der der Linkspartei nahestehenden Rosa-Luxemburg-Stiftung betriebene Einrichtung liegt sogar nur einen langen Gang und vier Glastüren entfernt. Einen Tag nach meiner Anfrage liegen drei blaue Mappen auf dem Tisch im Lesezimmer. Unter der Signatur PDS-PV-049 findet sich auch das Protokoll der zweiten Sitzung des SED-Parteivorstandes vom 15. Dezember 1989 — es umfasst nur eine Seite und als sechsseitige Anlage die Anwesenheitsliste.

Wer führte die SED-PDS eigentlich damals in ihren Neuanfang? Hinter dem Namen Gregor Gysi steht kein Beruf, wahrscheinlich ging man seinerzeit und ganz zu Recht davon aus, dass so ein Parteivorsitzendendasein ein tagesausfüllender Job genug ist. Auch die Namen vom SED-Reformer Wolfgang Berghofer, der Anfang 1990 die Partei bereits verlassen wird, und vom damaligen DDR-Ministerpräsidenten Hans Modrow kennt man. Beim dritten Stellvertreter »Genosse Wolfgang Pohl« werden viele schon im Lexikon nachlesen müssen.

Was auffällt: Die Spitze der damaligen SED-PDS ist kein Hort des Berufspolitikertums gewesen, wie man es heute von Parteien kennt. Natürlich waren auch neu gewählte erste Sekretäre der SED-Bezirksleitungen mit dabei oder Funktionäre, die schon auf eine längere Karriere im Apparat zurückblicken konnten. Aber eben auch: zwei Kraftfahrer, ein Hobler, eine Kunstwissenschaftlerin, mehrere Offiziere, eine Montiererin, ein Theaterleiter, ein Botschafter, ein Kreishygienearzt. Gewählt worden waren sie in einer Nachtsitzung am 9. Dezember 1989.

Als ich mich in die »Benutzerverzeichnisse« der drei blauen Archivmappen eintrage, fällt eines sofort auf: Wenn diese vollständig sind, hat sich vor mir nicht einmal eine Handvoll Menschen diesen Bestand angesehen. Weil über den Sonderparteitag schon alles bekannt ist? Weil es genügend Sekundärliteratur darüber gibt? Oder weil es des Blickes ins Archiv nicht mehr bedarf, wenn die Bilder der Vergangenheit ohnehin schon feststehen?

Was ich gesucht habe, finde ich dann auch in einem der Bände: das stenografische Protokoll der zweiten und letzten Sitzung des SED-Parteivorstands. Die 129 Seiten sind großzügig mit elektronischer Schreibmaschine beschriftet, oben links auf jeder Seite finden sich die Kürzel der Stenografen und Protokollanten. Ei/hr. Oder: ran/Schö. Es muss eine ganze Menge an Personal gewesen sein, das damals für das Protokoll zur Verfügung stand. Alle paar Seiten ein neues Kürzel-Tandem.

Nach einer guten Stunde Vergleich steht fest: Die Niederschrift stimmt nicht in jedem Wort mit der Abschrift überein, die wir vom ORWO-Tonband haben anfertigen lassen. Aber das hat mit der Qualität der Aufnahme zu tun. Und mit Übertragungsfehlern durch die Stenografie. Der Inhalt der schwarzen Kiste, die eines Tages in meinem Büro stand, ist echt.

Warum die zweite Tagung des SED-Parteivorstandes am 15. Dezember 1989 damals nicht in den Protokollband aufgenommen wurde, die erste dagegen schon, frage ich Detlef Nakath und Gerd-Rüdiger Stephan, die nach wie vor zu den kundigsten Experten der Wende in der SED zählen. Man habe den Band editorisch auf das Ereignis selbst beschränkt, sagt Stephan. Nakath verweist ebenso auf die editorischen Usancen, findet es im Rückblick aber »eigentlich bedauerlich«, dass nicht auch die zweite Vorstandssitzung zwischen den beiden Parteitagswochenenden Aufnahme fand.

Die Sitzung

Wie mag das damals gewesen sein, was hatten die neuen SED-Oberen an? Wie sahen die Tische aus? Wie die Tonbandgeräte, auf denen »Typ 122-LN-360 m Doppelspielband rauscharm« lief?
Es gibt so etwas wie ein ästhetisches Raster politischer Veranstaltungen. Von Grünen-Parteitagen zum Beispiel wird auch 2014 noch gern mit Bildern berichtet, die strickende Delegierte aus dem alternativen Milieu zeigen. Parteitage der CDU werden meist mit Langeweile assoziiert. Und die der alten SED mit einer Mischung aus endlosen Reden, politbarockem Bühnenbild und einer Sitzordnung, welche nicht den geringsten Anlass für die Vermutung gab, dass die Delegierten womöglich einmal lachen würden.

Der Sonderparteitag der SED im Dezember 1989 war ganz anders. Ein singuläres Ereignis, das gar nicht erst zu einem ästhetischen Markenzeichen werden konnte. So wird das Bild vom Sonderparteitag vor allem inhaltlich bestimmt — keine Auflösung der SED, Schumann-Rede, Namens-Debatte. Selbst das bekannteste Motiv des Parteitags, das Gregor Gysi mit einem Besen zeigt, ist vor allem das: bildhafte Darstellung des Inhalts, des Neuanfangs, des Auskehrens.

Aber es musste doch auch gegessen werden. Der Physiker Max Klein, Jahrgang 1951, hat vor Jahren schon »persönliche Erinnerungen« an den außerordentlichen Parteitag »für einige Freunde« aufgeschrieben. »Die Verpflegung war schlecht, der Qualm und die Enge in den Gängen unerträglich, die Wahlgänge quälend lang — es kamen Scherze darüber auf, wie gut man es doch bei Erich gehabt hätte im Palast der Republik mit fürstlicher Speisung, geordneten, weil belanglosen Wahlen. Ich brachte mir ein Kissen mit, um die gerechte Strafe für die Genossen zu mildern, die nun Holzsitze hatten«, heißt es da unter anderem.

Kleins Schilderung mag nicht im vordergründigen Sinne politisch sein, aber sie erzählt mehr von der Stimmung, von der Unmittelbarkeit des Ereignisses als die meisten Fachbücher über das Ende der alten SED zusammen. Das gilt auf seine Weise auch für den Inhalt der schwarzen Kiste in meinem Büro. Was auf dem ORWO-Tonband »Typ 122-LN-360 m Doppelspielband rauscharm« zu hören ist, wirft nicht die Geschichte der PDS über den Haufen. Aber es zeugt davon, was es heißt, eine kleine Revolution auf eine große folgen zu lassen, praktisch unvorbereitet, in nächtelanger Arbeit. Und draußen vor der Tür hielt ein welthistorisches Beben an.

»Bald haben wir die Grenze erreicht, dessen auch, was physisch möglich ist. Ich muss das mal sagen, es gab in den letzten zwei Wochen für mich keine Nacht, die mehr als vier Stunden hatte«, sagt Gysi eingangs dieser zweiten Vorstandssitzung am 15. Dezember. »Und was dabei zustande kommt, muss natürlich einfach auch Schwächen zeigen.«

Dass der gerade neu gewählte Vorsitzende ein guter Redner ist, war schon damals kein Geheimnis. Gysi nimmt die 98 nun auch demokratisch gewählten führenden Genossen mit auf einen Parforceritt durch den Umbruch: der Apparat der SED in Auflösung, die immer neuen Amtsmissbrauchs- und Korruptionsskandale, die Ende 1989 bekannt werden, die Weltlage, zu der auf der Sitzung Hans Modrow einen längeren Ausblick gibt, die Schwierigkeiten, den nun neuen Selbstanspruch an Transparenz und Demokratie auch zu erfüllen.

Es wird über alles Mögliche gesprochen. Über die Frage des künftigen Parteinamens, einer Satzung und eines neuen Programms, der Finanzen, der Mitarbeiter, der kommenden Wahlen. Über die Parteitagsregie natürlich auch — »Jawoll, da muss mal dazwischengehauen werden« — und über das Verhältnis zum Runden Tisch. Wie schnell kann eine Partei, die eben noch selbst Staat war, auf Parteipolitik umschalten? Wie soll man sich zu den Basisbewegungen verhalten? Eines der Wörter, die immer wieder fallen: Arbeitsfähigkeit. »Ich stelle meinen restlichen Urlaub, vier Wochen, den habe ich dieses Jahr noch, der Arbeiterpartei zur Verfügung«, hört man einen Mann auf dem Tonband.

Es klingt von heute aus betrachtet ein bisschen so, als habe die, nennen wir sie: Erneuerungsführung der SED, binnen weniger Stunden nachholen müssen, was die Vorgängerpartei nicht für nötig hielt — sich der Wirklichkeit zu stellen, die dabei zutage tretenden Widersprüche auszuhalten und demokratisch zu bearbeiten, Fehler einzugestehen und trotzdem immer weiterzumachen.

Das Ding

»Das Ding muss eine Anschrift haben, das muss einen Namen haben, da muss jeder Genosse wissen, wo er sich hinwendet«, sagt Gysi auf dem ORWO-Tonband. Das Ding — war mehr als eine neue Führung, es war die ganze Partei. Ihre Selbstbefreiung aus der SED konnte mit dem Sonderparteitag im Dezember 1989 nicht abgeschlossen sein. Es gab nicht wenige, die damals schneller und weiter gehen wollten, einen radikaleren Bruch anstrebten. Es gab einige, die den Sonderparteitag als einen »inszenierten Parteiputsch« von »Reformsozialisten« diffamierten.

Wer die Debatten jener vier Tage im Dezember 1989 heute noch einmal liest, erfährt nicht nur mehr, als manche Bilder des Rückblicks über die Geschichte von damals erzählen. Die Lektüre trägt auch dazu bei, manches von dem neu zu erden, das heute mit so viel Bedeutung aufgefüllt ist, dass es droht, in den Himmel der Illusionen aufzusteigen. Es liegt auch ein besonderer Zauber darin, den Neuanfang noch einmal so zu sehen, wie er war: eine so wichtige, aber hektische, eine wegweisende, aber chaotische, eine bedeutende, aber auch irrsinnige Angelegenheit.

Auf dem Tonband aus der Kiste in meinem Büro sagt Gregor Gysi kurz vor 20.55 Uhr am 15. Dezember 1989: »Wir haben alle keine Zeit mehr.« Am nächsten Tag hält Michael Schumann das berühmte Referat »Zur Krise der Gesellschaft und zu ihren Ursachen, zur Verantwortung der SED«. Kurz nach dessen Rede tritt jemand ans Mikrofon in der Berliner Dynamo-Sporthalle und sagt: »Die Kinder haben Angst davor, dass bald keiner mehr weiß, was er will.« Einen Tag darauf hat sich die SED den Zusatz PDS und das Versprechen gegeben, eine ganz neue Partei zu werden. »Wir gehen an die Arbeit«, sagt Berghofer bei der Verabschiedung der Delegierten.

Die Arbeit ist noch längst nicht zu Ende.

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