Genug – mehr als genug

Eine kleine Parabel zum Thema Genügsamkeit.

Ein Bauer beklagte sich bei seinem Nachbarn, er mache sich große Sorgen vor dem nahenden Winter. Die Ernte sei schlecht ausgefallen, die Scheune reparaturbedürftig und zwei seiner sieben Kinder ernsthaft erkrankt.

Dem Nachbarn – betroffen von dem schweren Schicksal, das diesem armen Bauern offenbar zuteil geworden war – ließ das Gespräch keine Ruhe. Tagelang ging ihm die Not des armen Mannes und seiner Familie durch den Kopf, in der Nacht wachte er immer wieder auf und machte sich so seine Gedanken.

Eines morgens sprach er darüber mit seiner Frau:

“Frau, die Not unseres Nachbarn geht mir nicht aus dem Kopf. Er hatte eine schlechte Ernte, seine Scheune ist reparaturbedürftig und zwei seiner Kinder sind ernsthaft erkrankt. Uns geht es gut, wir waren gesund und fleißig und hatten Glück dieses Jahr. Lass uns ihm in seiner Not beistehen.

Geh, sammle Kräuter für seine Kinder und bring einen Sack von dem Weizen, den du uns für den Winter zurückgelegt hast. Ich lade inzwischen Werkzeug und Bretter auf meinen Wagen und werde ihm helfen, seine Scheune noch vor dem ersten Schnee zu reparieren.“

Die Frau, ganz einverstanden mit der Großherzigkeit ihres Mannes, machte sich sogleich an die Arbeit. Bereits wenig später war der Wagen gepackt mit allem Notwendigen und die beiden machten sich auf den Weg zum Hof ihres Nachbarn.

Dort angekommen bereitete die Frau mit ihrer Nachbarin heilsamen Tee zu und wickelte die kranken Kinder in warme Tücher, während die beiden Männer das an so mancher Stelle bereits morsche Dach reparierten.

Auf dem Heimweg waren beide müde, aber zufrieden mit dem gelungene Tagwerk und mit der Hilfe, die sie der in Not geratenen Familie zukommen lassen konnten.

Wenige Tage später trafen sich die beiden Nachbarn wieder auf dem Feld. Abermals klagte der in Not geratene Bauer, er mache sich große Sorgen vor dem herannahenden Winter. Seine warme Winterjacke sei schon ganz zerschlissen, die Stiefel hätten ein Loch und das über den Sommer geschlagene Brennholz werde wohl nur bis Weihnachten reichen.

Wieder ließ es dem hilfsbereiten Nachbarn keine Ruhe. Die Not des armen Bauern ging ihm tagsüber nicht aus dem Kopf und ließ ihn nachts nicht schlafen.

Und wieder wandte er sich an seine Frau und bat:

„Geh, bring deine Lederflecken und das Schusterflickzeug und hole meinen alten Wintermantel. Zur Not wird der genügen. Ich fahre sogleich in den Wald – dort habe ich noch ein paar Festmeter gut gelagertes Brennholz, das ich für schlechte Zeiten beiseite gelegt habe. Ich will es auf den Wagen laden und so soll unserem Nachbarn noch einmal geholfen werden.“

Die Frau, erneut zufrieden mit dem Vorschlag ihres Mannes, ging sogleich und sammelte zusammen, was gebraucht wurde. Ihr Mann aber machte sich damit auf den Weg in den Wald, lud von dem Brennholz dazu und brachte das so dringend Benötigte zu seinem Nachbarn.

Auf dem Heimweg – es war schon dunkel geworden und der erste strenge Herbstfrost hatte dem Weg arg zugesetzt – geriet der Wagen des guten Mannes in einer Kurve ins Rutschen. Er verlor den Halt, viel vom Kutschbock und wurde von seinem eigenen umstürzenden Wagen erschlagen.

Fast zur selben Zeit fand auch der arme Bauer, dem nur wenige Stunden zuvor erneut so unerwartete Hilfe zugekommen war, ein ebenso schlimmes Ende.

In Sorge um die Gesundheit seiner Kinder war dieser in der Dämmerung mit seinen frisch geflickten Stiefeln und dem neuen alten Wintermantel seines Wohltäters hinaus zum wieder randvoll gefüllten Brennholzlager gegangen, schwer beladen mit den prächtigen Holzscheiten rutschte er auf dem bereits hart gefrorenen Boden aus, schlug mit dem Hinterkopf auf einem Stein auf … und brach sich das Genick.


Auf jenem Feld, das sich hinter unseren Gedanken und Vorstellungen von Gut und Böse befindet, trafen sich die beiden Männer wenig später wieder. Sie waren noch etwas verwirrt darüber, was ihnen beiden sorben wiederfahren war und wie sie sich jetzt ganz neu und andersartig gegenüber standen, als könnten sie sich selbst und gegenseitig tief ins Herz blicken.

„Du“ – sagte der in Not geratene Bauer nach einer Weile – „Du hast deinen Lebtag lang hart gearbeitet, hattest guten Boden, ein freundliches Zuhause und das Glück, dass dir am Ende eines jeden Jahres mehr geblieben war, als du brauchtest. Mir hingegen ist es von allem Anfang an schlecht ergangen. Mein Boden war karg, meine Ernten mager. Mein Heim war stets von Krankheit und Missgunst zersetzt – und selbst in meinem Wald wuchsen die Bäume nur langsam und brachten nichts als knorriges Holz hervor.“

Der hilfsbereite Nachbar schwieg eine lange Zeit, ehe er zu seiner Entgegnung anhob:

„Als ich ein kleiner Junge war“ – begann er – „wurde ich von meinem Vater oft geschlagen und von meiner Mutter selten in den Arm genommen. Erst als ich spät den Hof erbte, konnte ich selbst heiraten und eine Familie gründen. Das Leben war auch hart zu mir, nur karg mein täglich Brot. Aber ich gab mich zufrieden mit dem, was ich mit meiner Hände Arbeit erschaffen konnte.

Kalt war der Ofen oft in harten Wintern. Wir rückten eng zusammen, um uns gegenseitig zu wärmen und Brennholz zu sparen – selbst wenn die Sorgen des Alltags sich in heftigem Streit entladen hatten. Nicht selten waren die Schüsseln nur mit dünner Mehlsuppe gefüllt oder blieben gänzlich leer, um den Weizen für das nächste Frühjahr aufzusparen. Auf dass es wachse und gedeihe – Frucht bringe, die uns eines Tages gut leben ließe.

Im Frühjahr machten wir uns jedes Jahr erneut an die Arbeit. Wir pflügten und eggten und düngten die Felder und gaben acht auf die keimende Saat. Selbst in guten Jahren lebten wir genügsam und lernten, auch mit Wenigem Genug zu haben – mehr als genug.

Auch mein Wald brachte anfangs nur knorriges, schwer zu bearbeitendes Holz hervor. Wir rodeten das Unterholz und entfernten mühsam manchen großen Stein. Wir pflanzten Setzlinge, von denen wir wussten, dass es viele Jahre dauern würde, ehe wir die daraus gewachsenen geraden und starken Bäume fällen und zu Brettern und Brennholz verarbeiten konnten. Wir wussten, dass viele davon erst unseren Kindern und Enkelkindern behagliche Wärme in kalten Winternächten und ein Dach über dem Kopf bescheren würden.

Doch die harte Arbeit machte uns zäh, stark und lebendig. Uns wurde warm davon und – gottlob – blieben uns schwere Krankheiten erspart. Selbst in den späteren, guten Jahren lebten wir bescheiden und lernten, auch mit Wenigem Genug zu haben – mehr als genug.“

Lange schwiegen die beiden Männer. Dann blickten sie sich wissend an und lachten schallend, während sie sich langsam ihrer Form entledigten und in’s Reich der Erinnerungen hinüberglitten.

Auf Erden war zu dieser Zeit ein großes Grummeln zu hören. „Ein Wintergewitter“ – meinten die Einen. „Ein Felssturz in den nahen Bergen“ – vermuteten die Anderen. Und wieder Andere sprachen von Lawinen oder Erdbeben, die sie wahrzunehmen meinten.

Nur die beiden hinterbliebenen Frauen erahnten darin den Abschiedsgruß ihrer Männer … und fanden für einen kurzen Augenblick Einsicht in das große Spiel um die Kunst, Genug zu haben – mehr als genug.