Was Lego mit einem alten DDR-Spruch und aktuellen Managementpraktiken zu tun hat

Mein Sohn ist Lego-Fan. Er baut stundenlang mit viel Hingabe an seinen Meisterwerken. Letztens habe ich dabei erstaunliche Parallelen zu einem alten Spruch aus der DDR und zu immer noch weit verbreiteten Managementpraktiken festgestellt.

Vor ein paar Tagen stand mein Sohn mit einem kleinen Lego-Auto vor mir: „Mama, hilfst Du mir beim auseinandernehmen?“ Er ist dabei sehr akribisch. Keine zwei noch so winzigen Teilchen dürfen miteinander verbunden bleiben. Nach ein paar Minuten war es geschafft — Sohn saß vor einem Berg Einzelteile und ich wendete mich wieder meiner Arbeit zu.

Nach nur wenigen weiteren Minuten stand Sohn wieder vor mir und hielt mir strahlend das neu zusammengesetzte Auto hin. „Mama, guck mal. Fertig.“ Ich musste lachen:

„Aber genauso sah das doch eben auch noch aus. Warum haben wir das erst auseinandergenommen? Da hätte ich mir die Mühe mit dem Auseinandernehmen sparen können und Du Dir die Mühe mit dem Zusammenbau.“

Mein Fünfjähriger verstand den Witz. Er zog grinsend ab, um mir kurz danach einen weiteren Lego-Demontage-Auftrag zu erteilen. Auch dieses Objekt setzte er danach in Windeseile wieder genauso zusammen, wie es auch vor der Demontage ausgesehen hatte. „Mama, guck mal. Fertig.“

Wir hatten viel Spaß an diesem Spiel. Und mir fiel der alte Spruch aus DDR-Zeiten wieder ein:

„Wir bauen auf und reißen nieder — und haben Arbeit immer wieder“

Nach meiner verblassenden Erinnerung sollte in der DDR eigentlich nur aufgebaut und nicht niedergerissen werden. Dazu waren die vorhandenen Ressourcen viel zu knapp. Trotzdem lief auch dort nicht alles so rund, wie es der 5-Jahr-Plan vorsah. Der umfasste immerhin die gesamte Volkswirtschaft vom Schnürsenkel bis zum Großkraftwerk. Logisch, dass dort so mache unvollendete Baustelle in Dornröschenschlaf verfiel, weil Mensch, Maschine und Material für irgendein Prestigeobjekt zu Ehren irgendeines Parteitags abgezogen wurden.

Der Spruch wurde daher gern verwendet und blieb mir in Erinnerung.

Dadurch konnte ich mit dieser Weisheit später im Laufe meines Angestellten-Daseins auch so manche betriebliche Projektarbeit im marktwirtschaftlichen Umfeld kommentieren. Nach kurzem Erstaunen habe ich stets viel Kopfnicken geerntet.

Tatsächlich habe ich es oft genug erlebt, dass in Unternehmen Projekte, Pläne und Initiativen mit viel Aufwand umgesetzt wurden, um kurz danach eingerissen und durch das nächste Projekt ersetzt zu werden. Dabei rede ich nicht einmal von der überlebenswichtigen kontinuierlichen Weiterentwicklung, zu der Unternehmen in der VUCA-Welt praktisch gezwungen sind.

Ich rede eher von den Projekten die irgendwer angestoßen hat, weil er sich ein Denkmal setzen wollte. Sein Nachfolger hat sie dann eingerissen, weil er erstmal beweisen musste, was für einen Scherbenhaufen er übernommen hat. Außerdem wollte er ein eigenes Denkmal.

Andere Projekte werden erst einmal gestartet. Aber niemand hat ihre Umsetzbarkeit und Wirtschaftlichkeit vorher richtig geprüft. Natürlich kommt etwas dazwischen. Das unvollendete Projekt geistert noch etwas als untoter Zombie durch die Managementebenen. Irgendwann erbarmt sich jemand und reißt es endgültig nieder. Alle sind erleichtert.

Ein besonders krasses Beispiel musste ich im eigenen Umfeld gleich zweimal erleben: Ein kriselndes Unternehmen bekommt eine zweite Chance. Das Führungsteam führt den Pleitekandidaten mit viel Engagement wieder auf die richtige Spur. Die ganze Mannschaft zieht mit. Erste Erfolge stellten sich ein. Die Kunden gewinnen wieder Vertrauen. Alle sind stolz.

Der Eigentümer erkennt die Chance und verkauft das Unternehmen. Der neue Eigentümer schaut sich nicht einmal an, was in dem Unternehmen Tolles entstanden war. Er hat andere Pläne. Mitarbeiter und Führungsteam „dürfen“ eigenhändig einreißen, was sie zuvor aufgebaut hatten.

Da lobe ich mir doch die Legosteine meines Sohnes. Bei denen gehören Aufbau und Abbruch wenigstens untrennbar verbunden zum Verwendungszweck.


Originally published at www.managementportal.de.

Like what you read? Give Dagmar Recklies a round of applause.

From a quick cheer to a standing ovation, clap to show how much you enjoyed this story.