Wie wir mit Depression umgehen sollten

Und was wir alles falsch machen

Der Artikel ist Teil von “Stay Alive”, ein Non-Profit-Projekt zur gesellschaftlichen Aufklärung über Depression und Suizid.

Einer der schwersten Momente in meiner bisherigen Krankengeschichte war als ich eines Abends mit einem sehr wichtigen Menschen beisammen saß und die Worte hörte: „Du bist nicht krank, du bist manchmal nur ein wenig melancholisch.“ Zum damaligen Zeitpunkt hatte ich gerade meinen gesamten Mut gesammelt, um einen Therapeuten aufzusuchen und wollte mich nun endlich auch Menschen öffnen, die mir nah standen. Das hat wohl nicht so gut geklappt¯\_(ツ)_/¯ Heute weiß ich die Situation zu deuten, doch als damals die letzten Silben ausgesprochen waren, hat es mir den Boden unter den Füßen weggerissen. Wie reagieren, wenn ein geliebter Mensch einem in die Augen schaut und sagt, dass er dir nicht glaubt, dass du leidest?

Da mir in Sachen Blockade und Mauer bauen keiner so schnell das Wasser reichen kann, war für mich eine Reaktion schnell gefunden. Lächeln, zustimmen, sich wünschen an einem anderen Ort zu sein und nie wieder darüber reden. Doch auch wenn die Fassade von außen gewahrt wurde, fühlte ich mich als ob eine höhere Macht meine Spielfigur genommen und zurück auf Anfang des Spielbretts gesetzt hätte. „Anfang“ klingt immer romantisch, doch dieser hier war lediglich kalt und einsam.

Die gesellschaftlichen Reaktionen auf Depression

Die Situation dürfte den Meisten, die sich als depressiv oder psychisch krank „outen“, bekannt sein. Was mir passiert ist, bezeichne ich gerne als „Stell dich mal nicht so an“-Reaktion. Psychische Krankheiten werden zwar von der Schulmedizin unter der ICD klassifiziert (ein System unter dem alle Krankheiten gesammelt werden), jedoch von der Gesellschaft nicht wirklich als ernstzunehmende Krankheit anerkannt. Die Allgemeinheit kennt aber noch eine weitere Reaktion, die in eine etwas andere Richtung geht. Nennen wir sie mal die „Fuck, der ist durchgeknallt“-Reaktion*, bei der die Krankheit ernst genommen wird, Betroffene stigmatisiert und marginalisiert werden. Egal wie sehr ich mir Verständnis für meine Erkrankung wünsche, im Prinzip muss ich immer damit rechnen entweder nicht ernst genommen, oder als Fehler Gesellschaft ausgegrenzt zu werden.

Ich bemühe mich nicht einmal eine diplomatische Umschreibung zu finden, denn dieser Status Quo ist nur scheiße. Beide gesellschaftlichen Reaktionen sind der Beweis für unser kollektives empathisches Versagen, doch das wirklich Schlimme daran ist, was solche Aussagen in Betroffenen bewirken.

„Stell dich mal nicht so an“

Mir wurde erst vor einigen Jahren klar, dass ich wohl irgendwie an einer Krankheit leiden muss. Zuvor glaubte ich, dass ich eben ein wenig melancholisch sei und manchmal gern in Selbstmitleid bade. Dass ich traumatische Erlebnisse nicht richtig verarbeitete, mich selbst hasste und die Beziehung zu meiner Familie therapiebedürftig war, kam mir nicht in den Sinn. Erst als meine Krankheit mir wirklich im Nacken saß, merkte ich mit Hilfe von Artikel und Selbsttests, dass bei mir einiges im argen lag. Unterbewusst war mir das zwar schon sehr viel länger klar, meine Krankheit mir gegenüber einzugestehen hat aber einiges an Kraft und Überwindung gekostet. Diesen Weg gehen sicherlich die meisten Betroffenen, kaum einer wacht morgens auf, geht zum Arzt und hält dann einen Schein mit der Diagnose Depression in der Hand. Selbst mit einer ärztlichen Aussage fällt es den meisten Betroffenen schwer ihr Leiden als Krankheit zu akzeptieren. Viele sehen eher persönliches Versagen in ihren Symptomen.

Bei einer Konfrontation mit der „Stell dich mal nicht so an“-Reaktion wird aber nicht nur genau dieser Glaubensansatz bestätigt, sondern eine noch viel verheerendere Lawine ins Rollen gebracht. Das Gehirn spielt uns Streiche und lässt uns glauben, dass wir allein seien. Es sagt uns, dass wir nicht gut genug sind und, dass uns sowieso niemand verstehen kann. Genau diese Gedankengänge machen Depression so tückisch, weil sie uns schrittweise in die emotionale Isolation drängt, wo die Krankheit dann Oberwasser hat. Stellt euch einen Hai vor, der an Land springt und euch ins Meer reißt, wo er der König ist und ihr nicht mehr als eine Zwischenmahlzeit. Eine „Stell dich mal nicht so an“-Reaktion bestätigt diese Gedankenansätze und sorgt dafür, dass Betroffene weiter isoliert werden. Warum sollte ich glauben, dass ich nicht allein sei, wenn mir die Gesellschaft doch genau dieses Gefühl vermittelt?

„Fuck, der ist durchgeknallt!“

Ein wenig andera ist die gegenteilige Reaktion. Hier wird die Krankheit zwar ernst genommen, doch statt sie eben als Krankheit mit Ursachen, Symptomen und Therapiemöglichkeiten zu sehen, wird sie als menschliches Versagen stigmatisiert. Menschen die an psychischen Erkrankungen leiden, werden hier vor allem als Teile gesehen, die von der Norm abweichen und somit nutzlos und/oder gefährlich sind.

Zwar unterscheidet sich diese Reaktion stark von der „Stell dich mal nicht so an“-Variante, jedoch ist das Endergebnis ähnlich. Betroffenen wird das Gefühl vermittelt, dass sie keinen Platz in der Gesellschaft haben und deshalb herausgedrängt werden müssen. Einziger Unterschied ist, dass bei der „Fuck, der ist durchgeknallt“-Reaktion die Betroffenen eher geschoben werden (Push), während sie bei der ersten Variante „freiwillig“ gehen (Pull). Warum sollte ich glauben, dass ich nicht allein sei, wenn mir die Gesellschaft das Gefühl vermittelt, dass ich in ihrer Mitte nicht erwünscht bin?

Warum reagieren wir auf diese Art und Weise?

Unsere Mitmenschen, Freunde, Geschwister, Kinder und Eltern leiden und alles was wir dem entgegensetzen können sind zwei Reaktionen die nicht kalt und herzlos sind, weil sie Betroffenen nicht helfen, sondern die kalt und herzlos sind, weil sie die Krankheit noch verschlimmern. Dass wir als Gesellschaft hier auf ganzer Linie kollektiv versagt haben, steht außer Frage. Hier lässt sich gut ein Punkt setzen, sagen, dass es ‚die‘ (nicht-Betroffene) nicht kümmert, wie es ‚uns‘ (Betroffene) geht und sie somit als Feinde zu sehen. Dieses Denken birgt jedoch wenig Wahrheit und definitiv auch keine Veränderung in sich.

Das Kernproblem ist, dass wir nicht richtig wissen, wie wir mit psychischen Erkrankungen umgehen sollen. Unsere Gedanken sind die Grundpfeiler unserer Existenz und wenn diese wanken, dann macht uns das natürlich Angst. Die typische Motivation hinter der „Stell dich mal nicht so an“-Reaktion ist Unsicherheit. Personen die so etwas sagen haben eine gewaltige Angst vor der Erkrankung. Sehen wir Depressionen als eine Krankheit, dann geben wir ein Stück weit Kontrolle ab, denn wir könnten ihr selbst zum Opfer fallen. Wird die Krankheit jedoch geleugnet, dann gibt das ein Stück weit Kontrolle und Macht über das eigene Leben . Dass diese Kontrolle lediglich imaginär ist , stört uns nicht weiter. Lieber akzeptiere ich diese sehr beruhigende Lüge als der furchteinflößenden Wahrheit ins Auge zu sehen.

Die Motivation hinter der „Fuck, der ist durchgeknallt“-Reaktion ist nichts anderes als eine Perversion unseres Leistungsdenkens. Der Wert eines Menschen orientiert sich vor allem an seiner sozio-ökonomischen Leistungskraft/bereitschaft. Bei Krankheit und nicht Funktionieren geht dann auch der Wert der eigenen Person verloren. Doch unsere Ausgrenzung erfolgt nicht nur aufgrund einer perversen Logik, sie ist stückweit auch eine Angst-Reaktion. Unterbewusst wissen wir sehr wohl, dass unser Leistungsdenken (wirtschaftlich als auch sozial) krank macht. Ein kranker Mensch ist dann der lebende Beweis, dass etwas mit unserem Zusammenleben nicht stimmt und sich eigentlich etwas ändern müsste. Da wir uns aber nicht ändern wollen, fliehen wir uns in eben diese „Fuck, der ist durchgeknallt“-Reaktion und schieben die Betroffenen einfach aus dem Sichtfeld.

Was können wir anders tun?

Leider gibt es keinen 5-Punkte-Plan, der dieses Problem aus der Welt schafft. Wir müssen die Mechanismen hinter der gesellschaftlichen Reaktion verstehen, denn dieses Wissen hilft uns sensibler mit der Thematik umzugehen. Doch nicht nur Wissen ist ein entscheidendes Mittel, wir müssen endlich anfangen unserer Empathie zu nutzen und unsere Herzen zu öffnen. Wenn wir lernen die Personen neben uns — egal wie fremd sie sein mag- als Mensch mit Träumen, Sorgen und Ängsten zu sehen, dann sind wir auf dem richtigen Weg. Ich glaube, dass Empathie der Schlüssel zu einer Welt ist, in der Betroffene nicht mehr in emotionaler Isolation leben, sondern von uns wieder in die Gemeinschaft gezogen werden, wo sie die Hilfe erwartet, die sie benötigen.

*Da der Text ein Stück weit von mir handelt, verwende ich hier die maskuline Form. Selbstverständlich kann es auch heißen „Fuck, die ist durchgeknallt“