Aristoteles: Nikomachische Ethik — Part I

Dekodifizierung und Interpretation nach Art des Hauses.

(Alle Zitate sind im Folgenden (Part I bis V) von — Überraschung! — Aristoteles und nicht jedes mal extra als solche gekennzeichnet.)

Artikel als One-Minute-Read

Wenn ihr euch das nächste Mal dabei erwischt einen anderen Menschen oder euch selbst als

  • mutig,
  • ausgeglichen,
  • freundlich,
  • geizig,
  • verschwenderisch,
  • unsicher,
  • ehrgeizig, …

zu beschreiben, dann denkt an die aristotelische Tugendlehre: Daran lässt sich arbeiten. Bei ihm und bei euch, sofern man daran arbeiten will.


“Darum werden uns die Tugenden weder von Natur noch gegen die Natur zuteil, sondern wir haben die natürliche Anlage, sie in uns aufzunehmen zur Wirklichkeit aber wird diese Anlage durch Gewöhnung.”

Der Tugendbegriff spielt bei Aristoteles — insbesondere in seiner Nikomachischen Ethik, die übrigens so heißt, weil er sie für seinen Sohn Nicomachus geschrieben hat — eine zentrale Rolle. Die Überzeugung, dass man sittliche und Verstandestugenden nicht irgendwann einmal in die Wiege gelegt bekommen hat, sondern, dass “umgekehrt dem Besitz der Gebrauch gefolgt [hat], nicht dem Gebrauch der Besitz”, begeistert mich.

Das heißt, mal wieder, dass man das Ruder selbst in der Hand hat. Yeah!


Aristoteles setzt dabei immer auf die goldene Mitte zwischen einem Mangel und einem Übermaß der jeweiligen Tugend:

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Dabei bedeutet “Mitte” nicht immer unbedingt genau mittig. So liegt die Tugend des Mutes bspw. näher an der Tollkühnheit als an der Feigheit.

Da die Menschheit und das Individuum auf seine eigene Art bei jeder Tugend in eine bestimmte Richtung tendiert, wusste auch schon Aristoteles: Shoot for the stars, if you want to land on the moon. Er hat das noch ein wenig anders ausgedrückt:

“Soviel jedoch gelte nun als ausgemacht, dass der mittlere Habitus zwar in allen Dingen lobenswert ist, dass man aber hin und wieder nach seiten des Zuviel oder des Zuwenig abweichen muss, um die Mitte und das Rechte leichter zu treffen.”

Wenn du zum Geiz neigst, dann solltest du also versuchen bei Zeiten verschwenderisch zu handeln, um dich der Freigebigkeit zu nähern.

Wenn du zum Ehrgeiz neigst, dann solltest du versuchen bei Zeiten gleichgültig* oder gar phlegmatisch* zu handeln, um die Mitte* zu treffen.

Wenn du zur Prahlerei neigst, dann solltest du versuchen bei Zeiten deine eigenen Fähigkeiten zu verleugnen, um die Mitte* zu treffen.

*Leider gibt Aristoteles keine Begriffe für die entsprechende Tugend. Spricht lediglich von ehrgeizig, nicht-ehrgeizig und eben der Mitte.

Fazit

Du kannst auch an deinem Charakter arbeiten. Du magst genetisch-bedingt oder aufgrund deiner Vergangenheit, zu bestimmten Verhaltensweisen neigen, aber wenn du dich das nächste Mal bei einer Aussage à la “ich bin einfach nicht selbstbewusst” erwischst, dann horch auf und denk an Aristoteles.

Floreant Dendritae
Marco 
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