Selbstüberzeugungstricks

Mach eine Pause, du machst dich kaputt?

Instagram: MarcoZander94

Artikel als One-Minute-Read

Egal, ob Scheinkausalitäten den Kopf glauben machen wollen, dass Pausen reine Zeitverschwendung sind oder ob uns die Geschichten, die wir uns über uns erzählen, im Weg stehen: Sich der psychologischen Prozesse im Hintergrund bewusst zu sein hilft, unsere Entscheidungen zu den erwünschten Ergebnissen zu führen.


Whatsapp-Verlauf:
Ich [08:34, 12/11/2016]:
Kennst du irgendjemand, der mit 20–30 so trainiert hat wie man soll (also durchaus mal gemäßigt und sich Pausen gönnen) und dann mit 35–40 trotzdem noch immer richtig trainiert und richtig fit ist? … Ich habe weiter einfach das Gefühl, dass das irgendwie notwendig (trotz mangelnder Nachhaltigkeit) ist, lasse mich aber gerne eines Besseren belehren.

(Ich weiß, Satzstellung könnte man verbessern)

Antwort eines Freundes[12:00, 12/11/2016]:
Verstehe die Frage nicht.

Darauf wiederum ich [14:51, 12/11/2016]: 
Ich meine damit: Ich habe das Gefühl, dass jeder, der mit bspw. 40 noch wirklich fit ist und weiterhin einen ästhetischen Körper hat, zwar jetzt jammert, dass er sich besser geschont hätte damals. Es aber gleichzeitig irgendwie niemanden gibt (den ich kenne), der sich damals ein wenig mehr Schongang gegönnt hat und heute (trotzdem?) noch voll dabei (d.h. richtig fit) ist. 
Also ja: alle raten einem sich zu schonen, aber wenn es niemand gebacken kriegt sich zu schonen und dann nicht irgendwann so viel Schongang einzulegen, dass der Schongang nicht auch bierbäuchliche Folgen nach sich zieht, dann -

Ich schreib nen Artikel drüber oder versuche es zumindest. Kommt bis spätestens Mitte der Woche. Vermutlich sollte ich mir dazu einfach mehr Gedanken machen.

Das Gedankenmachen

Es war also an mir sich ein wenig Gedanken zu machen. Zunächst war festzustellen, dass ich — scheinbar gegen jeden rationalen Grund — glaube, dass man seine Sportlichkeit auf Dauer verliert, wenn man dazu übergeht seinem Körper ein- oder zweimal wöchentlich Pausen zu gönnen. Wieso?

Im folgenden Artikel liefere ich euch zwei Punkte, die mich beeinflusst haben und die euch im Alltag häufig begegnen werden.

Anfangs möchte ich darstellen, warum unsere Wahrnehmung von Ursache-Wirkung-Beziehungen manchmal nicht ganz verlässlich ist, um danach auf einen Punkt einzugehen, wieso es uns so schwerfällt manch Verhaltensweise abzulegen.

Scheinkausalität

Ein Beispiel: Nur weil Verbrechensraten stark mit Eisverkäufen korreliert sind, heißt das nicht, dass der Genuss eines Eises, es wahrscheinlicher macht ein Verbrechen zu begehen. Vielmehr gibt es einen anderen Treiber: Die Temperatur, die sowohl Verbrechensraten als auch die Eisverkäufe nach oben schnellen lässt.

Dem gleichen Fehler sitzt man hier leicht auf: Nur, weil alle noch immer sportlichen Menschen meines Umkreises mir raten, meinen Körper doch zu schonen, heißt das nicht, dass ich meinen Körper heute bis ans Äußerste* treiben muss, um später zwar zu jammern, aber dennoch sportlich zu sein.

*und darüber hinaus, dann noch ein Stückchen und dann noch schauen, ob vielleicht nicht doch noch was geht…

Eher ist es wahrscheinlich, dass schon früher sportliche Menschen heute eher noch sportlich sind als das heute unsportliche Menschen sind. Diese, unsportlichen Menschen, hingegen sind also womöglich nicht unsportlich geworden, weil sie von Zeit zu Zeit den Schongang eingelegt haben, vielmehr waren sie einfach von Haus aus eher sportavers.

Zurück zum Scheinkausalitätsbeispiel: 
Wenn man jetzt aber herausfindet, dass wirklich jeder Verbrecher (sportlicher Mensch) ein Eis (heute den Ratschlag geben, sich zu schonen) gegessen hätte, bevor er sein Verbrechen (sportlich zu bleiben) begangen hat. Dann mag die Zahl der Eisverkäufe und die Verbrechensrate zwar beides von höheren Temperaturen (Sportaffinität) getrieben sein… Trotzdem würde ich mir die Inhaltsstoffe des Eises (“sportlicher Masochismus”) noch einmal genauer ansehen.

Dieser Zusammenhang ist, was ich mir einrede. Im Bewusstsein, dass ich mich nur selbst davon überzeugen will, dass ich weiterhin (ein wenig) übertrieben trainieren darf.

Der Punkt, dass einem gerne Korrelationen als Kausalitäten verkauft werden, wodurch man die unglaublichsten Befunde als Kausalität darstellen kann, bleibt jedoch bestehen. Wenn ihr daher wieder einmal von solch einer angeblichen Ursache-Wirkung-Beziehung hört, dann achtet auf potenzielle gemeinsame Treiber (wie höhere Temperaturen oder Sportaffinität).

Dass diese angeblichen Ursachen, nicht unbedingt ursächlich sein müssen, ist, was es aus dem ersten Teil des Artikel mitzunehmen gilt.

Selbstwahrnehmung

Wieso ist mir der übertriebene Sport so wichtig ist und diese Antwort ist ziemlich einfach und sehr kompliziert: Weil ich mich darüber definiere.

Das tuen wir mit vielen Dingen: Sei es eine politische Haltung, unsere Religion oder sogar unser Lieblingscafé.

Unser Denkprozess:
“Du magst Starbucks nicht und ich soll jetzt weniger zu Starbucks gehen? Aber ich gehe doch zu Starbucks, weil sie sich ökologisch engagieren. Weil mir unser Planet am Herzen liegt. Weil ich ein guter Mensch bin. Bevor ich Gefahr laufe kein guter Mensch mehr zu sein, gehe ich lieber weiter zu Starbucks und mache lieber nichts mit dir.”
“Pausen würden mir Schmerzen in der Zukunft ersparen? Ich soll mehr Pausen machen? Aber ich mache doch keine Pausen, weil ich sportlich und diszipliniert bin. Ich bin ein disziplinierter Mensch. Bevor ich Gefahr laufe kein disziplinierter Mensch mehr zu sein, mache ich lieber keine Pausen und halte später die Schmerzen aus. Ich bin ja ohnehin diszipliniert, da ist das gar kein Problem.”

Kommt also von Außen ein Impuls, unser Verhalten zu ändern, meinen wir dadurch einen Teil unseres Selbst zu verlieren. Wenn uns etwas wichtig ist, geht es nicht um eine banale Verhaltensänderung, es geht um unsere Selbstwahrnehmung.

Dann gilt es sich zu sagen:
“Marco, du bist noch immer diszipliniert, auch wenn du dir ein- oder sogar zweimal die Woche eine Pause gönnst. Und: Marco, du selbst bestehst aus mehr als nur deinem freiwilligen Aufbringen von Disziplin.”

Fazit

Skepsis bei der nächsten unglaublichen Ursache-Wirkung-Beziehung. Gibt es etwas, das sowohl die als Ursache ausgegebene Größe, wie auch die Wirkung beeinflusst?

Spürst du ein starkes Unbehagen, eine Verhaltensweise zu ändern? Welches Selbstbild siehst du gefährdet? Zu Recht oder nicht?

Floreant Dendritae! 
Marco
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