Tagebucheintrag #1147

Danke an Gerome Viavant auf Unsplash

Artikel als One-Minute-Read

Über lange Strecken lediglich lamentierender Tagebuch-Talk, dann aber noch ein paar Worte zum Inkaufnehmen eigener Fehler, zum Nicht-Durchschauen-einer-Welt und zum Guten. Außerdem: wie man so lebt.


… Hass ist doch ein zu starkes Wort. War dann wohl wieder nur ein Gedanke, den es zu revidieren gilt, wenn die Stimmung verflogen ist. Da sollte ich lieber denken: Manchmal finde ich es schon anstrengend, wie ich mich dabei anstelle, einfach nur zu leben. Ist doch gar nicht so schwer. 
Dann korrigiere ich mich noch einmal: Oft finde ich mich schon sehr anstrengend. … Ja, so kann ich das stehen lassen.

Liebes Tagebuch, 
oft finde ich mich schon sehr anstrengend.

Liegt vermutlich noch nicht mal nur an mir. Es ist auch dieses Leben, das einem zig Aufgaben stellt. Alle sind es wert, beachtet zu werden; zwischen allen muss man dann aber auch noch abwägen; alle sind — im Bewusstsein, dass sie Auswirkungen aufeinander haben — doch auch vollkommen separiert zu betrachten. Über jede einzelne kann man sich stundenlang den Kopf zerbrechen, die besten Ideen haben und: die Welt dreht sich gelangweilt weiter; man kann einfach nur dasitzen, Löcher in die Luft starren, Gedanken schweifen lassen und: die Welt dreht sich geschäftig weiter. Als würde sie sich nicht dafür interessieren, was ich hier gerade lebe.

Liebes Tagebuch, 
es geht einfach weiter, egal was ich mache… Warum?

Man muss nicht, sondern will: die innere Uhr im Einklang mit dem Schlafrhythmus haben, Musik hören, Zeit für Freunde und sich selbst haben, seinen Dienst an der Gesellschaft verrichten, im Laufschritt zur Toilette noch Möglichkeiten erkennen und sich nicht zu sehr anpassen… und doch ein wenig anpassen, weil man sonst bald gar keine Anknüpfungspunkte mehr liefert. 
Und dann auch noch: Fingernägel schneiden, Welt entdecken und Hobbies haben. …

Obwohl — nein, Hobbies hat man nicht mehr. Man hat heute nur noch Leidenschaften. Leidenschaften, in denen man zwar sich, darüber hinaus aber nicht auch noch die Verbindung zur Welt, verliert. Man hat Leidenschaften, in die man sich reinsteigert, die einen eben ausmachen, denen mindestens ein Platz in den Top drei zusteht. Für das Grundlegende der Aussage ist es egal, in welcher Top drei diese Leidenschaften überhaupt stehen. Trotzdem will ich sagen, welche Top drei gemeint ist: Es ist die Top drei der fünf Worte, die die eigene Identität beschreiben. … Na?

Dabei ist eine teils notwendigerweise flexible, teils möglichst agile Identität innerhalb einer sozialen Identität im jeweiligen Kulturkreis kontextbezogen zu betrachten, weil sowohl das Ganze als auch die einzelnen Teile und die Beziehungen zueinander als solche immer im Wandel sind. Eh klar. Hat man dann seine fünf Worte gefunden, ist schon so einiges geschafft. Die nächste Aufgabe steht an: Jetzt braucht man Zeit. Zeit dafür, Zeit zu verschwenden, weil man nicht nur weiß, dass man das Leben nicht so ernst nehmen sollte, sondern das auch noch in die Tat umsetzt. Sonst ist das ja nichts wert. Denn Zeit verschwenden ist integraler Bestandteil des Lebenlebens. Währenddessen dreht sich die Welt noch immer weiter, als wüsste sie nicht, dass ich hier gerade mein Leben lebe.

Liebes Tagebuch, 
ich wollte heute meine fünf Worte, die mich ausmachen, aufschreiben. Mir sind aber nur vier eingefallen: Sport, Schreiben, Natur, […], kompliziert. Du merkst: An vierter Stelle ist noch ein Platz frei. 
Liebes Tagebuch… mir fehlt etwas.

Ein Problem taucht auf: In all dem passionate Husteling verliert man leicht das Auge für das Meta-Leben. Aber es gibt durchaus Lebende, die das auf die Reihe bekommen; die sich ihrer Aufgaben ernsthaft annehmen und darüber nicht das große Ganze vergessen. Sie bleiben immer auf Tuchfühlung, lassen nicht zu, dass eine wichtige Aufgabe sie blind für die kleinen, vermeintlich einfachen und wenig dringlichen, Aufgaben macht; verlieren das Auge nicht für diejenigen, die sie in Verbindung mit der Welt halten. Damit sind sie sowohl handlungsfähige als auch erinnerungsbildende Selbste. Und: Von diesen Selbsten versuche ich zu lernen.

Um es zu werden, mussten sie sich immer wieder bewusst machen, dass es da draußen noch eine Welt gibt, die sich weiterdreht, egal wie sehr sie ihr Leben lebten, die sogar die Welt ist, in der sie leben und damit für ihr Leben eine entscheidende Rolle spielt und immer spielen wird. Weder durchschauen sie diese Welt, noch können sie sie gänzlich nach ihren Regeln steuern. Aber mehr als das: Sie haben verstanden, nicht nur zur Kenntnis genommen, dass man noch nicht einmal glücklich werden würde, könnte man es. Mit diesem Wissen, nehmen sie inkauf, Fehler zu machen; brechen — im Bewusstsein, dass das nicht der schnellste Weg ist — aus festgefahrenen Bahnen aus. Und doch bleibt es dabei, dass sie nur zu einem kleinen Bruchteil des vollkommen vertretbaren möglichen Maßes inkaufnehmen. So entstand — meiner bisherigen Beobachtungen nach — bei ihnen, was ich lernen möchte.


So… Liebes Tagebuch,
was soll mir das jetzt sagen? … 
 Ich glaub, ich nehm’ das Leben oft zu ernst und das, obwohl ich doch schon immer so tue, als täte ich es nicht.
Trotzdem mach’ ich es, weil doch Ernst eigentlich gut ist, weil man Gutes wohl auch eher ernst als leichtsinnig macht. Und doch… zieht der Ernst auch manchmal mehr unnötige Lasten nach sich als sein müsste. Da hilft dann nur noch eins: Ich schau mir Leben und Menschen an. — Manchmal macht’s das aber nicht einfacher, eher … — Naja: In jedem Fall, sehe ich, dass immer etwas geschieht, egal was ich mache. Ich bemühe mich, zu sehen, dass es nicht schlimm ist, dass mir noch was fehlt. Das ist nicht nur für sich genommen nicht schlimm, sondern auch, weil ja noch so viel kommen kann. Besonders wenn ich mich mehr als Teil der Welt, weniger als Ich sehe. Dieser Teil der Welt, der ich bin, bemüht sich weiter, von Menschen zu lernen, die leben, wie es mir erstrebenswert scheint; von ihnen zu lernen, dass man nicht mal mehr alles steuern will, wenn man versteht, dass es nicht erstrebenswert ist, das zu tun; zu lernen, dass man — nur vermeintlich: trotzdem — etwas zum Bessern beitragen wollen kann und können wird, wenn man so lebt.

Marco (auf Facebook)
Newsletter
Wenn ihr mich unterstützen wollt, dann könnt ihr das gerne hier machen.

Like what you read? Give Marco Zander a round of applause.

From a quick cheer to a standing ovation, clap to show how much you enjoyed this story.