Warum du den Mund aufmachen solltest.

5 Gründe: Autonomie — Lerneffekt — Growth-Mindset — Selbstbewusstsein — Sympathie

Artikel als One-Minute-Read

Trau es dir zu, dich einzubringen. Sei es in einem Gespräch, in der Vorlesung oder im gesellschaftlichen Diskurs, mach deinen Mund auf, um

  • zu üben, deinen Selbstwert weder an dem eigenen Standpunkt noch an der Meinung anderer über dich festzumachen.
  • effizienter zu lernen.
  • dir zu beweisen, dass deine Fähigkeiten nicht festgesetzt sind.
  • das Selbstbewusstsein zu stärken.
  • sympathischer rüberzukommen.

Universitäre Abschlusspräsentationen und es folgt eine unangenehme Stille. Warten… bis zur ersten Wortmeldung eines Kommilitonen. Sollte das nach einiger Zeit nicht geschehen, würde unser Professor Fragen stellen oder ein wenig Hintergrundinformationen zum Thema geben.

Nach den ersten Vorträgen hatte ich es geschafft: Ich war der Typ, von dem erwartet wird, dass er sich jetzt nach der Präsentation meldet. … Aber ich habe meine Gründe.

Am zweiten Tag sprach mich dann auch eine Kommilitonin in einer Kaffeepause darauf an.

“Du meldest dich auch nach jedem Vortrag, sag mal?”

“Ja, warum nicht?”

“Ja, ne. Ich find das super, würde das auch gerne machen, aber mein Englisch…”

“Weißt du, ich mach das aus ganz egoistischen Gründen… Wenn ich von sowas wie Goodhart´s Law erzähle, dann muss ich mir das erstmal wieder selber erklären und so vergess ichs sicher nicht.”

Heute Morgen unter der Dusche wurde mir dann klar: Dazu muss ein Artikel her. — Die fünf Gründe:

Flickr: Andy

1. Autonomie

Wir alle neigen dazu unseren Selbstwert vom Urteil anderer Menschen abhängig zu machen. Mund aufmachen kann als Übung dienen, deinen Selbstwert weder an deinem eigenen Standpunkt noch an der Meinung anderer über dich festzumachen. Wenn jemand einen anderen Standpunkt vertritt, du vielleicht sogar im Unrecht bist, dann fügt das weder etwas zu deinem Selbstwert hinzu, noch verringert es ihn.

2. Lerneffekt

Besonders, wenn du dich unsicher fühlst, wird der Lerneffekt biologisch bedingt am größten sein. Warum?

Wenn du aufgeregt bist, — wie das gerne beim Sprechen vor mehreren Menschen der Fall ist — sendest du eine Botschaft an deinen Körper: “Ich bin in Gefahr! Die Situation ist wichtig.”

In gesellschaftlichen Settings, in denen es darum geht den Mund aufzubekommen, schwebt man selten wirklich in körperlicher Gefahr. Trotzdem: Wenn man sich aber einmal überlegt, welch Ängste Menschen teilweise durchstehen, wenn sie vor größeren Menschenmengen sprechen sollen, so ist das durchaus mit der Angst eines unserer Urahnen zu vergleichen, wenn er sich vor dem berüchtigten Säbelzahntiger befindet.

Deshalb nehmen wir auch heute noch unverändert die oben genannte Botschaft wahr: “Ich bin in Gefahr! Die Situation ist wichtig.” Der Körper ist voll auf Leistung getrimmt. Jetzt muss ich performen, sonst komm ich hier nicht lebend raus.

Flickr: Picturepest

Obwohl unser Verstand weiß, dass wir uns sehr blöd anstellen müssten, um einen Angriff unserer Kommilitonen auf uns wahrscheinlich zu machen, sind die Abläufe in unserem Körper noch immer die gleichen, wie vor tausenden von Jahren. In solch adrenalinen Überschusszeiten war es wichtig, lebensbedrohliche Fehler in das Gehirn einbrennen zu lassen. Dieser Fehler durfte nie wieder gemacht werden. Aber auch das Einprägen erfolgsbringender Handlungen war von zentraler Bedeutung für unser weiteres Dasein.

Deswegen wird Goodhart´s Law, auf das man möglicherweise vor ein paar Wochen gestoßen war, bei einer Erklärung vor knapp 30 Menschen (Stresssituation) weitaus besser in Erinnerung bleiben als lernend zuhause in einem behüteten Zimmerchen. Wenn man bei der Erklärung dann noch einen Fehler macht, umso besser.

Fazit: Mund aufmachen, um effizienter zu lernen.

3. “Growth-Mindset

Die mögliche Unkenntnis, auf die deine Aussage im schlimmsten Fall zurückzuführen sein könnte, sagt nichts darüber aus wie deine Fähigkeiten in Zukunft aussehen werden. Das solltest du dir immer wieder bewusst machen.

Entweder du hast mit deiner Aussage einen plausiblen Punkt gemacht oder du lernst dazu!

Wenn du dir mit der Antwort auf eine Frage nicht sicher bist, ist es daher um so wichtiger dich zu melden bzw. dies auch einmal zuzugeben. Höchstwahrscheinlich bist du nicht die einzige Person im Raum, die an dieser Stelle Informationsdefizite hat, die es aufzuholen gilt.

In einer Diskussion hatte ich beispielsweise nicht verstanden, warum sich weniger gut performende Mitarbeiter womöglich in den Betriebsrat selektieren würden. Ein Betriebsrat war für mich jemand, der das Wohl der anderen Mitarbeiter im Sinn hat, wieso sollten insbesondere leistungsbenachteiligte Angestellte beitreten? Die Antwort war: Kündigungsschutz. Dann war es an mir zu sagen: “Oh. Klar. Ergibt Sinn, danke.” Zu denken: “Da war meine Wissenslücke, das wusste ich nicht. Lücke geschlossen.”

Fazit: Mund aufmachen, um dir zu beweisen, dass deine Fähigkeiten nicht festgesetzt sind. Du lernst!

4. Selbstbewusstsein

Das war der “Urgrund”, weshalb ich begonnen hatte auch in der Uni in der ersten Reihe zu sitzen. Sitzt du in der ersten Reihe, fällt es viel leichter, dich zu melden. Von “Front-Row-Seater”n (wie es in The Magic of Thinking Big genannt wird) wird auch eher erwartet, dass sie sich melden. Der Blick des Dozenten weilt ein wenig länger auf dir, was dich eher dazu verleitet, dich zu melden, so den Effekt noch weiter verstärkt, dass deine Stimme womöglich gleich zu vernehmen sein wird.

Flickr: EisFrei

Einmal aufgerufen kommt man nicht drum rum, den Mund aufzumachen und zu sprechen.

Jedes Mal, wenn man sich so meldet wird es leichter, sich bei der nächsten Frage zu melden oder auch mal eigenständig eine Frage zu stellen. So beweist man sich selbst, dass die eigene Meinung auch für andere hörenswert ist. Man überzeugt sich selbst davon, in der Lage zu sein, einen nennenswerten Beitrag zum Thema leisten zu können. Solch unterbewusste Konditionierungen können Gold wert sein, wenn man am Selbstbewusstsein arbeiten will. Gleichzeitig lernt man mit Feedback, auch kritischem Feedback umzugehen, und seine Komfortzone zu verlassen. Wenn es dann einmal wirklich wichtig ist, seine Meinung in einem womöglich gänzlich anderen Kontext wiederzugeben, fällt es leichter.

Fazit: Mund aufmachen, um das Selbstbewusstsein zu stärken.

5. Sympathie

OK — man läuft Gefahr, der Typ zu sein, von dem erwartet wird, dass er sich meldet. Klingt erstmal wenig sympathisch, aber:

Menschen gefällt es, wenn du Interesse an Dingen zeigst, die ihnen wichtig sind. Das ist fast so als würdest du Interesse an ihnen zeigen und wer ist nicht gerne interessant?

In Schulzeiten waren Referate gerne verbesserungsbedürftig recherchiert, aber zu Studienzeiten kann man davon ausgehen, dass eine Person, die eine wissenschaftliche Arbeit zu einem Thema verfasst hat:

  • Erstens: Mehr dazu weiß, als in einer 30-minütigen Präsentation herüberkommt.
  • Zweitens: In gewisser Weise Neugier für ihr Thema entwickelt hat.

Aber auch im nicht-universitären Kontext ist man einer Person viel sympathischer, wenn man Interesse an ihrem Wissen zeigt. Denn, was geht dabei in ihr vor?

“Der ist interessiert an dem, was ich zu sagen habe. Meine Meinung ist ihm wichtig. Uhhh, er glaubt, ich bin wichtig. Zu Recht. Ich bin ja auch wichtig. Immerhin verbringe ich den ganzen Tag mit mir. Ich bin eine ziemlich zentrale Persönlichkeit in meinem Leben.”

Das ist auch gar kein gespieltes Interesse. Sollte euch Interesse zunächst schwer fallen, bezieht das Wissen eures Gegenübers einfach mal auf eines eurer Interessensgebiete oder fragt nach, warum das für die Person interessant ist.

(Warum-Fragen ohnehin immer ganz großes Tennis!)

Oft kommt man dann wirklich auf interessante Geschichten und man versteht auf einmal, was die Thematik interessant macht. Gleichzeitig gibt man der Person das Gefühl, wichtig zu sein. Und sind wir nicht alle gerne wichtig?

Fazit: Mund aufmachen, um sympathisch rüberzukommen.

Was bleibt?

Trau es dir zu, dich einzubringen. Sei es in einem Gespräch, in der Vorlesung oder im gesellschaftlichen Diskurs, mach deinen Mund auf, um

  • zu üben, deinen Selbstwert weder an dem eigenen Standpunkt noch an der Meinung anderer über dich festzumachen.
  • effizienter zu lernen.
  • dir zu beweisen, dass deine Fähigkeiten nicht festgesetzt sind.
  • das Selbstbewusstsein zu stärken.
  • sympathischer rüberzukommen.

In welcher Situation kannst du dich das nächste Mal einbringen, wo du es sonst womöglich nicht getan hättest?

Floreant Dendritae! 
Marco
Newsletter
Wenn ihr mich unterstützen wollt, dann könnt ihr das gerne hier machen.