Was wir mit der Religion verloren haben

Foto von Stefan Kunze auf Unsplash

Artikel als One-Minute-Read

Die Religion kann uns auch Demut, Halt und ein Medium schenken:

  • über das Vorhandensein etwas Unvergleichlichen: Demut,
  • in besonders herausfordernden Zeiten: Halt
  • und für die Auseinandersetzung mit unseren menschlichen Verfehlungen: ein Medium.

Viele haben das Gefühl, dass “Glaube” in Zeiten des Wissens nicht mehr zeitgemäß ist:

Wenn ich sage, dass ich Religionslehrerin werden will, dann halten mich meine Freunde für verrückt.

Trotzdem haben sich Religionen in jedem Kulturkreis entwickelt. Egal ob christliche, islamische oder jüdische Religion, ob Gottheiten im alten Griechenland oder Rom. Überall bildete sich ein Glaube in Verbindung mit verschiedenen Praktiken.

Wenn man mal die rationalen Schutzschilder runterfährt. Keine Sprachnachrichten schickt, sondern unter vier Augen spricht, schlägt mancher die Augen nieder und sagt: “Hin und wieder will ich auch einfach fühlen, ohne begründen zu müssen und ich fühle, dass es da was gibt.

Das ist menschlich und diese Instanz über uns kann uns helfen. Kann ein Idealbild darstellen, mit dem man sich nicht messen kann und auch nicht messen muss.

Ob man an den christlichen Gott, das allmächtige Spaghettimonster oder die Geister und Götter auf dem Ganghkar Puensum glaubt, zu vermuten, dass es etwas gibt, mit dem man sich nicht messen kann. Das immer göttlicher, perfekter, schöner, gelassener oder gutmütiger als man selbst sein wird, eröffnet die Möglichkeit, einmal nicht zu vergleichen.

Vor diesem höchsten Wesen ist es egal, ob du erfolgreicher bist als dein Nachbar, ob du eine breitere Taille hast als das Mädchen auf seinen Fotos oder ob dein Kumpel mit mehr Frauen geschlafen hat als du.

So hatte uns die Religion teils davor bewahrt, uns mit jedem vergleichen zu müssen, indem sie Demut lehrte. Demut vor etwas, das wir nie erreichen werden würden.


Gleichzeitig bestand die Religion aus vielen Praktiken und Ritualen. Solch ein Ritus kann in schwierigen Zeiten Halt geben.

Für mich war das Abitur so eine schwierige Zeit. Ich saß in einer schwierigen Prüfung, kam nicht mehr weiter. Und dann habe ich gemerkt, wie ich unbewusst an meine Madonna gefasst habe. Das hat mir Kraft gegeben, ich habe irgendwas gespürt und so konnte ich es dann doch irgendwie schaffen. Seitdem …—

Das Leben ist eine einzige Aneinanderreihung von Herausforderungen und das ist gut so. Aber manchmal kann es zu viel werden, manchmal hat man nicht die Kraft etwas positiv zu sehen.

Man zweifelt. Zweifelt am Sinn, zweifelt, dass es Liebe gibt, zweifelt an sich, an “dem kleinen bisschen Zukunft.” Denkt: “Das steh ich nicht durch.” (Maeckes — Kreuz)

Arbeitet man auf ein Ziel hin, fühlt man sich in seinem Arbeitsmodus gefangen. Ziel erreicht, steht man wieder an einem Scheideweg und merkt, dass das Gefühl, bereit zu sein, diese Entscheidung zu treffen, nie kommen wird.

Wartet man darauf, sich bereit zu fühlen, trifft man die Entscheidung, keine Entscheidung zu treffen. Keine gute Entscheidung.

Die Religion konnte den ein oder anderen davor bewahren in besonders herausfordernden Momenten in Verzweiflung zu verfallen, weil das Zwiegespräche mit seinem Gott aus der Starre befreite. Ob Placebo-Effekt oder Gottes guter Ratschlag, wenn Zuckerkügelchen gegen Prüfungsangst helfen, warum nicht auch Gebete bei schweren Lebensentscheidungen? Es gibt Momente, in denen man jede Kraft gebrauchen kann und die Religion kann das Zünglein an der Waage sein.

Niemand ist vor Schicksalsschlägen, die keinen Sinn ergeben, gefeit, dann blieb zumindest etwas als Prüfung Gottes zu sehen.


“Jeder Mensch hat Erinnerungen, die er niemanden außer vielleicht seinen engsten Freunden erzählt. Er hat außerdem Gedanken, die er nicht einmal seinen Freunden, sondern nur sich selbst und insgeheim offenbart. Darüber hinaus gibt es Dinge, bei denen man es sich nicht einmal traut, sie sich selbst einzugestehen. Jeder normale Mensch hält eine Vielzahl solcher Dinge in seinem Kopf verborgen.” — Fjodor Dostojewski

Jeder Mensch. Wir alle haben unsere Abgründe. Die “Lass-uns-bitte-das-Thema-wechseln …”-Momente in Gesprächen. Die Verfehlungen und Vorstellungen bei denen dich die emotionale Dissonanz*, immer wieder und immer lauter anbrüllt.

Das Aussprechen vor einer Instanz, die weiß, dass du nur ein Mensch bist, die dir menschlicher zu sein erlaubt, als du das selbst zulässt — sei es in Form der regelmäßigen christlichen Beichte oder in anderer Form — , hat geholfen sich selbst Fehler einzugestehen.

Mit der Religion haben wir eine Möglichkeit verloren, mit unseren Verfehlungen leben zu können. Diese durch das Aussprechen und Empfinden von Reue zu überwinden. Mensch zu sein.


Fazit

Achte darauf, dass du dich selbst nicht mit alles und jedem vergleichst. Gib dir die Möglichkeit Demut zu zeigen. Wie es in der Religion einen Gott gibt, der außerhalb jedes Vergleichs steht, musst du dich auch auf Erden nicht pausenlos vergleichen. Das befreit den Kopf, zeigt neue Dimensionen auf.

Jeder steht immer und immer wieder vor Herausforderungen. Im Glauben an einen allmächtigen Gott, liegt — auch in den schwierigsten Zeiten — Hoffnung verborgen. In jedem Fall, solltest du dir eine Möglichkeit schaffen, auch in den dann noch Halt zu finden.

Gibt es jemanden, bei dem du alle Filter ausschalten kannst? Vor dem du auch die Masken fallen lassen kannst, die du vor dir selbst verzweifelt aufrecht hältst? Egal, ob Beichte oder ein Gott, der dir beim Empfinden ehrlicher Reue, Fehler verzeihen kann, die du dir selbst womöglich nicht verzeihst: Stell sicher, dass es etwas gibt, das dir erlaubt, was man sich selbst gerne verbietet: Mehr man selbst zu sein als vor sich selbst.

Floreant Dendritae
Marco
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Emotionale Dissonanz: 
*Vermutlich gibt es den Begriff nicht. Frei nach der kognitiven Dissonanz: “einen als unangenehm empfundenen Gefühlszustand, der dadurch entsteht, dass ein Mensch mehrere […] Wahrnehmungen, Gedanken, Meinungen, Einstellungen, Wünsche oder Absichten hat, die nicht miteinander vereinbar sind.” — wenn man mehrere Wahrnehmungen, Gedanken, Meinungen, Einstellungen, Wünsche oder Absichten hat, die zwar kognitiv Sinn ergeben können, aber emotional dissonieren.

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