Am Ende des Tages

Der Fremde folgt der Einladung und betritt den Flur vor Anja. Nach den ersten beiden und zügigen Schritten wird er zusehends langsamer. Er betrachtet die Schaukästen und Gläser, die an den Seiten zwischen den Türen hängen und in Regalen stehen. Aufgespießte, technische Absonderlichkeiten sind hinter dem Glas der Kästen zu sehen. Mehr als offensichtlich handelt es sich um Überwachungsunrat der besonders bösen Art. In einem der Kästen ist die Evolution einer Spezies des technologischen Ungeziefers dargestellt. Die Ausstellungsstücke müssen über viele Jahre gesammelt worden sein. Es ist alles nichts, was in dieser Form in Geschäften angeboten wird oder irgendwo einfach so herumliegt. Der Sammler scheint schon mehrere Jahre in enger Berührung mit dem Untergrund des technischen Fortschritts zu sein. Anja erkennt an den prüfenden und forschenden Blicken des Fremden, dass auch er sich mit dieser Technik bestens auskennt. Auf dem Weg durch den Flur ändert sich sein gelassener Gesichtsausdruck, er verschwindet und macht besorgten Stirnfalten Platz. Vor der über zwei Meter hohen Glassäule, in der der fliegende, mechanische Wurm immer noch mit seinen endlos erfolglosen Ausbruchsversuchen beschäftigt ist, bleibt er stehen. Dessen Bewegungen ähneln denen einer Schlange, besteht das Objekt doch aus vielen kleinen Gliedern. Einige von ihnen sind aus schwarzem Plastik und andere aus einem stumpfen, gebürsteten Metall gefertigt. Das Gebilde schlängelt sich mithilfe mehrerer, mit Propellern besetzter Ringe, die zwischen den einzelnen Gliedern rotieren, durch die Luft in der Glassäule. Dabei scheint es ununterbrochen nach einem Ausweg zu suchen.

“Grrrrs! Wo bin ich denn hier gelandet!”

Der Fremde macht unwillkürlich einen Schritt zurück, als das Kameraauge ihn fixiert, das sich am Kopfende des mechanischen Wurmes befindet. Kalt und bedrohlich starrt es ihn an.

“Beeindruckend, nicht? Vor dem Glasrohr bin ich auch stehen geblieben”, antwortet Anja, ohne ihm damit eine Erklärung zu geben.

“Hoffentlich ist das Zeugs gut abgeschirmt. Falls das nach außen kommunizieren kann, ist dieser abgelegene Hof auf einen Schlag die Hauptstadt des Wahnsinns und der Hotspot Nummer eins für alle geheimen Dienste, Mafiaorganisationen und Warlords dieser Welt! Soll das hier ein Museum sein?”

“Nein, nicht wirklich — glaube ich jedenfalls…”, Anja ist erschrocken und blickt nachdenklich auf das zappelige Objekt in seinem gläsernen Gefängnis.

In diese Richtung gingen ihre Gedanken beim gestrigen Betrachten der Sammlung nicht. Da sie mit den meisten Artefakten nicht besonders viel anfangen kann, ist dies nicht verwunderlich. Bei so gut wie allen, zufälligen Besucher hinterlassen die Ausstellungsstücke einen interessanten, jedoch kaum einen gefährlichen Eindruck. Einzig und allein der fliegende Wurm macht eine Ausnahme. Er wirkt unruhig und aggressiv. Seine Form und Fortbewegung scheinen nicht von dieser Welt zu sein und sein stetiges, rastloses und systematisches Verhalten erzeugt bei dem Betrachter Beklemmungen. Wer science-fiction-Horrorfilme gesehen hat, meint die Herkunft des Objektes erahnen zu können. Es beruhigt Anja etwas, dass Matz sehr gut zu wissen scheint, was er hier macht. Zumindest fallen bisher nur Heerscharen von Touristen in den Spreewald ein und die sind harmlos. Der gefährlichste Besucher der letzten Monate ist Attila.

“Matz jagt diese Dinger. Er kann dir das bestimmt besser erklären. Übrigens, dein Erscheinen an diesem Ort wird ihn garantiert auch interessieren, schließlich ist das sein Hof. Das wirst du als Gast erklären müssen …”, und sie fügt wieder lächelnd hinzu: “… mir übrigens auch.”

“Nicht unbedingt gern, aber zum Tausch von Informationen bin ich schließlich hergekommen.”

Anja hat mit einem Mal das Gefühl, dass sie Matz allein begrüßen und ihn auf den Besuch vorbereiten sollte. Sie ist von ihm zu einem Abendessen eingeladen worden und jetzt füllt sich das Haus mit weiteren Gästen. Ganz sicher hat er erwartet, mit ihr allein zu sein und genauso sicher erwartete sie das auch bisher. Irgendwie muss sie ihn auf die veränderte Situation vorbereiten. Dabei möchte sie auf jeden Fall vermeiden, dass er denk, sie hätte einen Anstandsbegleiter mitgebracht.

“O.k. warte hier einen Augenblick. Ich kündige dich beim Hausherrn an.”

“Sehr gern”, antwortet der fremde Besucher und wendet sich wieder den Ausstellungsstücken zu.

Er hat seine gelassene Art wiedergefunden und steht mit verschränkten Armen mitten im Flur. Die Elektronik seines Anzuges scheint abgeschaltet zu sein, da die Anzeigen an den Handgelenken verstummt sind. Die Brille hat er abgesetzt und in eine nicht sichtbare Tasche gesteckt. Er macht den Eindruck, als sei er auf jede Situation vorbereitet und scheint doch kaum etwas mit sich zu führen. Ausrüstungsgegenstände sind bei ihm nicht zu sehen — nur dieser schwarze Anzug.

“Wie darf ich dich eigentlich ankündigen?”

“Sag einfach, ‘Der Surfer’ ist gekommen. Wenn der Hausherr dieses Ungeziefer erlegen kann, dann weiß er mich einzuordnen.”

****

Matz konzentriert sich auf die Zubereitung des Abendessens. Ihm ist nicht viel Zeit bis zu Anjas Eintreffen verblieben, das spornt ihn an, treibt ihn vorwärts. Im Augenblick fesselt ihn das Geklapper der Topfdeckel voll und ganz. Nicht nur die gastronomischen Algorithmen seiner Beschäftigung nehmen ihn in Anspruch, er versucht auch, einen Rhythmus, ein Muster in dem Gewirr aus Tönen um ihn herum zu erkennen. Das geschieht ganz unwillkürlich — die tägliche Routine des Analysten kann er auch in seiner Freizeit nicht ausblenden. Auf diese Art abgelenkt, bemerkt er nicht, dass sich die Küchentür vorsichtig öffnet. Langsam, lautlos und nur für wenige Zentimeter gleitet sie auf. Die vorhergehenden Öffnungen waren mehr als gewaltsam und in jedem Falle unüberhörbar laut, das hat Matz’s Wahrnehmung abgestumpft. Anjas Kopf erscheint in dem schmalen Spalt, den die Tür in das dämmerige Dunkel des Flurs öffnet. Sie sieht keineswegs vorsichtig in den Raum. Natürlich ist Matz hier, ganz genau so hat sie es erwartet. Seine Beschäftigung interessiert sie. Folgt sie ihren Erinnerungen an die Schulzeit und extrapoliert diese in die aktuelle Zeit, kann sie sich nicht vorstellen, dass er kocht. Das passt nicht in ihr Erinnerungsuniversum, dessen Bruchstücke und Einzelteile ihr ein grundsätzlich anderes Bild ihres ehemaligen Schulkameraden vermitteln. Der Anblick der Küche überrascht sie noch mehr: Sie findet dort kein Chaos, keine Totalverwüstung und nichts, das auf Fast Food oder Chemieküche hindeutet vor. Alles zeugt von systematischer, durchdachter Geschäftigkeit. ‘Hier weiß Matz also auch, was er tut. Nicht schlecht!’ Dass die Regale mit allen möglichen, unmöglichen und mehr oder weniger benötigten Zutaten aufgefüllt sind, hat seine Ursache in Attilas vorweihnachtlichen Theater- und Backorgien, die den vorherigen Bestand vernichtet haben. Dieser Hintergrund ist ihr natürlich unbekannt. Seine Kenntnis würde ihr helfen, einige der Gerüchte besser zu verstehen, die bezüglich des abgelegenen Hofes im Dorf kursieren. Der Abend hat erst begonnen und in seinem Verlauf wird sich das eine und andere Gerücht aufklären. Anja schiebt die Tür weiter auf und tritt in den Raum.

“Darf ich schon ‘mal kosten?”

Matz sieht erschrocken auf und lässt einen Löffel fallen, der sich vom gefliesten Boden aus mit einem anhaltenden Klingeln und Klirren in das Klappern der Topfdeckel einmischt. Hat er sich so sehr in der Zeit geirrt? Bis vor einem Augenblick dachte er noch, eine gute halbe Stunde bis zu Anjas Ankunft zu haben.

“Oh Gott, ist es schon so spät?”

“Und ich dachte, du freust dich!”, Anja gibt sich enttäuscht.

Matz blickt verlegen zu Boden. Natürlich freut er sich, sie zu sehen. Er hat bereits den ganzen Tag ungeduldig auf diesen Moment gewartet und das Kochen als willkommene Gelegenheit zur Ablenkung genutzt. Ist sie jetzt enttäuscht? Hat er etwas Falsches gesagt? Die Kommunikation mit Menschen birgt für ihn immer wieder neue Überraschungen. Maschinen, Rechner, Netzwerk-Services sind da einfacher zu verstehen. Sie drücken kommunikativ immer genau das aus, was sie meinen und in den meisten Fällen verstehen sie ihn problemlos. Menschen sind anders und der weibliche Teil der Bevölkerung ganz besonders. Seine Erfahrung sagt ihm, dass Frauen erst nach längerer, nicht unbedingt eindeutiger Konversation ausdrücken, was sie wirklich meinen. Das aktuelle Gespräch mit Anja ist bisher sehr kurz gewesen. Somit schlussfolgert Matz, dass sie noch nicht wirklich geäußert hat, was sie denkt. Am Ende dieser Kausalkette angekommen, atmet er erleichtert und deutlich hörbar aus. Anja sieht ihn verwundert an. Das ist eine Reaktion, die sie schon wieder nicht erwartet hat. Ihre Verwunderung ist deutlich zu sehen und Matz gibt kurz entschlossen auf.

“Ich habe den ganzen Tag auf dich gewartet. Zu mehr war ich nicht in der Lage. Erst das Kochen hat mich etwas abgelenkt. Und nun bist du endlich hi…”

Weiter kann er sich nicht erklären, da ihm der Mund verschlossen wird. Anja küsst ihn und dieses Mal nicht auf die Wange. Einer der Töpfe liefert die passende Begleitung. Dieser wirft übermütig seinen Deckel ab und lässt den Inhalt überkochen. Natürlich fällt die Topfabdeckung auf den Herd, rollt zur Seite, landet auf den Fliesen des Bodens und kollert polternd bis unter das Fenster. Anja und Matz ist das egal. Sie haben eine andere Beschäftigung.

****

Sie stehen sich gegenüber und sehen sich in die Augen — sonst geschieht nichts. Nur die Töpfe unterhalten sind. Ihr Geklapper untermalt die Standszene akustisch.

“Du Matz, was ich noch sagen wollte…”, unterbricht Anja die lange, schweigsame Pause.

Sie erinnert sich an den Besucher, der immer noch im Flur warten muss. Dort hat sie ihn vor einer längeren Zeit stehen lassen, ganz allein mit den mysteriösen Maschinen. Vielleicht ist er bereits auf die gleiche, unheimliche Art und Weise verschwunden, in der er auf dem Torweg erschien. Sein Auftauchen war reichlich seltsam, schon leicht gruselig und eigentlich möchte sie jetzt gern mit Matz allein sein. Matz scheint langsam aus dem Trancezustand zu erwachen. Diese Art von Ankündigungen kennt er sehr gut. An sie schließt sich immer etwas Unangenehmes, Unpassendes an. Er blickt nur fragend, in Erwartung einer Enttäuschung. Zu seiner Verwunderung bestätigt die folgende Erklärung das in keinem Fall.

“… da draußen wartet noch jemand im Flur.”

“Ach so ja, Attila. Es ist irgendwie verdächtig ruhig für seine Anwesenheit. Wie hast du das geschafft?”

“Nein, es ist ein neuer Gast. Er ist vor einigen Minuten einfach erschienen: so richtig aus dem Nichts gekommen, in einem grellen Lichtblitz. Und dann kam er aus einer leuchtenden Wolke. Die ist auch wieder verschwunden. Attila war mächtig außer sich und ist ganz verstört und hat ihn gelöscht. Und dann trägt er diese Rüstung, die hat solche Anzeigen und irgendwie kennt er das Zeugs in deinem Flur und …”, erklärt Anja ohne zwischendurch Luft zu holen.

Die mysteriösen Geschehnisse, die erst wenige Minuten zurückliegen, werden ihr wieder in ihrer ganzen Unverständlichkeit bewusst. Mit einigem zeitlichen Abstand findet sie diese noch unwirklicher als zuvor. Matz unterbricht ihren hektischen Redefluss.

“Hat der Besucher gesagt, wie er heißt?”

“Nee — — doch: Er nennt sich ‘Der Surfer’, als wenn wir in Australien wären?”, Anja zuckt mit den Schultern, sieht Matz ratlos an und atmet endlich tief ein.

Matz ist jetzt doppelt elektrisiert und hellwach. Wer hätte gedacht, dass es ihn wirklich gibt, den Zeitreisenden und nun soll er hier auf seinem Hof sein! Im ‘cyber hysteria underground’ kursieren die wildesten Gerüchte über ihn.

“Na dann werde ich ihn einmal in die Küche holen.”

Matz geht zur Tür, die immer noch einen Spalt offen steht und sieht vorsichtig in den schwach beleuchteten Flur. Vor einem der Schaukästen steht wirklich jemand. Der Besucher fotografiert eines der aufgespießten Artefakte mit einem Apparat. Er betrachtet anschließend das große, hauchdünne und halb transparente Display des Gerätes, das scheinbar vollständig aus der Anzeige besteht. Dann nickt er bestätigend, rollt das Display zu einem sehr kleinen Päckchen zusammen und verstaut es in einer Gürteltasche. Für Matz ist das die Bestätigung, dass wirklich der Zeitreisende auf dem Flur seines Hauses steht: Das kleine Gerät ist definitiv nicht aus dieser Zeit. Aufgeregt tritt er in den Gang und spricht ihn an.

“Lieber nicht anfassen, die beißen manchmal.”

Der Fremde wendet sich ihm lachend zu.

“Ich weiß mich zu wehren”, antwortet er und fügt hinzu: “War bestimmt nicht einfach zu fangen, diese hüpfende Wanze.”

“Nein, war keine spaßige Reinigungsaktion. Wenn man sie endlich in den Fingern hält, dann teilt sie elektrische Schläge aus und flüchtet wieder.”

“Und wie hast du sie dann bekommen? Du bist doch nicht etwa so lange hinterher gesprungen, bis die Batterie der Wanze leer war?”

“Nein, meiner Magnetfalle hat das Vieh nicht widerstehen können. Funktioniert so sicher wie Leimpapier bei Stubenfliegen.”

Der Zeitreisende sieht Matz erstaunt an. Wie kommt das Gerät in diese Zeit? Vom Wirkprinzip her ist es nicht besonders kompliziert oder ausgeklügelt, nur gibt es in dieser Zeit noch so gut wie keine Verwendung dafür. Springende, mechanische Insekten sind bisher extrem selten und kaum jemand interessiert sich für diese kommunikativen Schädlinge.

“Wo hast du denn so etwas her? Das sollte es erst in acht Jahren geben!”

“Hab’ das Ding selbst konstruiert. Den Bauplan findest du im ‘cyber hysteria underground’, falls es dich interessiert.”

Der Gast fördert ein dickeres Tuch aus einer Beintasche, faltet es auseinander und legt es auf den Boden. In einer anderen Tasche seines Anzuges findet er eine Unterlegscheibe, die ihn dort aus einem Grund begleitet, der selbst dem Zeitreisenden unbekannt ist. Auf jeden Fall freut er sich sichtlich darüber und wirft die kleine Metallscheibe in die Luft. Sie bewegt sich schnell auf das Tuch zu. Auf dem ersten Meter nutzt sie den von der Gravitation vorgeschriebenen Weg entlang einer Parabel. Sobald sie den Luftraum über dem Tuch erreicht, wird sie abrupt aus ihrer Bewegung gerissen, widersteht dem Naturgesetz und strebt dem Tuch in gerader Linie zu. Mit einem satten ‘Klack’ bleibt die Scheibe starr auf dem Stück Stoff liegen.

“Du hast das erfunden?”, fragt der Zeitreisende.

“Nun ja, erfunden habe ich das nicht — den Magnetismus kann niemand erfinden! War eine einfache Ingenieurleistung, hab’ eins und eins zusammengezählt, es entworfen und gebaut. So wie das ein Ingenieur nun einmal macht. O.k., die amerikanischen und indischen Ingenieure benehmen sich mehr wie Hühner, die gackern ununterbrochen über jedes Ei, an das sie denken, schon bevor sie es gelegt haben. Zum Glück wird das hier erst langsam üblich, und ‘Erfinden’ ist nun wirklich anders. Außerdem ist meine Falle — ich würde sagen — etwas klobiger als das Tuch dort, funktioniert aber exakt genau so. Sie ist im ‘Drohnenfänger’ verstaut.”

“Wo?”

“Egal. Lass’ uns in die Küche gehen, dort gibt es einen Selbstgebrannten vom Nachbarhof.”

“Gut, das gefällt mir. Aber ist das denn auch legal?”, fragt der Zeitreisende schmunzelnd.

“Hmm, wie viele Dinge siehst du hier, die legal sind? Und ganz im Ernst: Interessiert DICH Legalität wirklich?”

****

Als beide in die Küche treten, finden sie Anja dort schmollend auf einem Stuhl sitzend. Sie fühlt sich vernachlässigt und außerdem klappern die Töpfe nach ihrer Meinung etwas zu hektisch…

… mehr gibt es hier …

Inhaltsverzeichnis

  1. Die wundersame Errettung des Attila Schlottermüller
  2. Der Morgen danach
  3. Endloser, quälender Morgen
  4. Mystische Mittagsentspannung
  5. Zeit des Lichts
  6. Am Ende des Tages
One clap, two clap, three clap, forty?

By clapping more or less, you can signal to us which stories really stand out.