Das Verschachern der Tugend

Maximilian Hirner
Jul 30, 2017 · 6 min read

(Auszüge aus “Skin in the Game” — Originaltext von Nassim Nicholas Taleb)
Sontag geht es um Sontag — Tugend ist genau das, was ihr nicht zeigt

Ich werde mich immer an meine Begegnung mit der Autorin und kulturellen Ikone Susan Sontag erinnern, hauptsächlich, weil es am selben Tag war, als ich den großen Benoît Mandelbrot getroffen habe. Es fand 2001 statt, zwei Monate nach dem terroristischen Ereignis, in einem Radiosender in New York. Sontag, die interviewt wurde, war aufgestachelt von der Idee eines Burschen, der “den Zufall studiert” und kam, um mich einzunehmen. Als sie entdeckte, dass ich ein Trader war, platzte sie heraus, dass sie “gegen das Marktsystem” war und wandte mir ihren Rücken zu, als ich mitten im Satz war, nur um mich zu erniedrigen (bemerkt hier, dass Höflichkeit eine Anwendung der Silbernen Regel ist), während ihre Assistentin mir einen Blick zuwarf, als wäre ich wegen Kindesmord verurteilt worden. Ich rechtfertigte ihr Verhalten irgendwie, um den Vorfall zu vergessen, stellte mir vor, dass sie in einer Landkommune lebte, ihr eigenes Gemüse anbaute, mit Papier und Bleistift schrieb, sich am Tauschhandel beteiligte, solche Sachen.

Nein, es stellte sich heraus, dass sie nicht ihr eigenes Gemüse anbaute. Zwei Jahre später fand ich zufällig ihren Nachruf (ich wartete anderthalb Jahrzehnte, um über den Vorfall zu schreiben, um zu vermeiden, schlecht über die Verstorbenen zu sprechen). Die Leute im Verlagswesen beschwerten sich über ihre Raffgier; sie musste aus ihrem Verleger, Farrar, Straus and Giroux, einen Vorschuss für ein Buch herausgequetscht haben, der heute einigen Millionen Dollar entsprechen würde. Sie teilte mit einer Freundin eine Villa in Manhattan, die später für 28 Millionen Dollar verkauft wurde. Sontag glaubte wohl, dass das Beleidigen von Leuten mit Geld sie in eine unangreifbare Heiligkeit überführen würde, sie davon ausnehmen würde, “Haut im Spiel” zu haben.

Es ist unmoralisch, in der Opposition zum Marktsystem zu stehen, und nicht (wie der Unabomber) in einer Hütte, isoliert davon, zu leben

Aber es wird noch schlimmer:

Es ist noch viel, sehr viel unmoralischer, Tugend zu reklamieren, ohne vollständig mit ihren direkten Konsequenzen zu leben

und dies wird das Hauptthema des Kapitels sein: Tugend für ein Image ausbeuten, persönliche Gewinne, Karriere, sozialen Status, diese Sorte Dinge — und persönlicher Gewinn ist alles, das nicht die Unterseite einer negativen Handlung teilt.

Im Gegensatz zu Sontag habe ich einige Leute getroffen, die ihre öffentlichen Ideen auch leben. Ralph Nader z.B. führt das Leben eines Mönchs, genau wie ein Mitglied eines Klosters im sechzehnten Jahrhundert.

Das Öffentliche und das Private

Wie wir bei den Interventionistas sahen, kann eine gewisse Klasse von theoretischen Menschen die Details der Realität verachten, und das auf ganzer Linie. Wenn ihr glaubt, dass ihr in der Theorie recht habt, könnt ihr die echte Welt komplett ignorieren — und umgekehrt. Und ihr kümmert euch nicht darum, wie eure Ideen auf andere einwirken, weil ihr durch eure Ideen zu irgendeinem tugendhaften Status gehört, der undurchdringlich ist, wie er auf andere einwirkt.

Genauso, wenn ihr glaubt, dass ihr “den Armen helft”, indem ihr Geld für Powerpoint-Präsentationen und internationale Meetings ausgebt, diese Sorte Meetings, die zu noch mehr Meetings (und Powerpoint-Präsentationen) führt, könnt ihr die Individuen komplett ignorieren — die Armen sind ein abstraktes reifiziertes Konstrukt, dem ihr im echten Leben nicht begegnet. Eure Anstrengungen in Konferenzen geben euch die Lizenz, sie in Person zu erniedrigen. Hillary Monsanto-Malmaison, auch bekannt als Hillary Clinton, fand es statthaft, Agenten des Geheimdienstes mit Missbrauch zu überschütten.[i] Neulich wurde mir gesagt, dass ein berühmter sozialistischer “Umwelt”aktivist, der Teil derselben Vortragsreihe war, Kellner in Restaurants missbrauchte, zwischen Vorlesungen über Gleichheit und Fairness.

Kinder mit reichen Eltern reden über “weißes Privileg” an so privilegierten Colleges wie Amherst — aber in einem Beispiel konnte eins von ihnen nichts auf D’Souzas einfachen und logischen Vorschlag entgegnen: warum gehst du nicht zum Büro des Registrators und gibst deinen privilegierten Platz an den Studenten einer Minderheit, der als nächstes in der Schlange steht?

Daher das Prinzip:

Wenn euer Privatleben mit eurer intellektuellen Meinung in Konflikt steht, hebt das eure Meinung auf, nicht euer Privatleben

und

Wenn eure privaten Handlungen nicht generalisieren, könnt ihr keine generellen Ideen haben.

Dies ist nicht strikt über Ethik, sondenr Informationstransfer. Wenn ein Autoverkäufer versucht, euch ein Auto aus Detroit zu verkaufen, während er einen Honda fährt, signalisiert er, dass es ein Problem haben könnte.

Die Händler der Tugend

In etwa jeder Hotelkette von Argentinien bis Südafrika wird das Badezimmer ein Zeichen haben, um eure Aufmerksamkeit zu erwecken: “Schützt die Umwelt”. Sie wollen euch davon abhalten, dass ihr die Handtücher in die Wäscherei schickt, und sie dafür eine Weile länger benützt, weil sie durch das Vermeiden von überflüssigen Wäschen zehntausende von Dollars pro Jahr sparen. Dies ist ähnlich wie bei dem/der Verkäufer/in, der/die euch sagt, was gut für euch sei, wenn es hauptsächlich (und zentral) gut für ihn ist. Sie mögen natürlich die Umwelt, aber ihr könnt darauf wetten, dass sie dies nicht so laut beworben hätten, wenn es nicht gut für ihren Reingewinn wäre.

Also diese globalen Streitsachen: Armut (speziell von Kindern), die Umwelt, Gerechtigkeit für irgendeine Minderheit, die von kolonialen Mächten getrampelt wird, oder irgendein bislang unbekanntes Geschlecht, das verfolgt werden wird; diese globalen Streitsachen sind jetzt das letzte Refugium des Gauners, der Tugend bewirbt.

Aber Tugend ist exakt das, was ihr nicht bewerbt. Sie ist keine Investment-Strategie. Sie ist kein Schema zum Kostensparen. Sie ist keine Strategie zum Verkaufen von Büchern (und schlimmer, Konzerttickets).

Nun habe ich mich gefragt, warum, nach dem Lindy-Effekt, in den Büchern nichts von dem steht, was man “Signalisieren von Tugend” nennt. Wie kann es dann neu sein?

Nun, es ist nicht neu, aber wurde in der Vergangenheit nicht als besonders vorherrschend gesehen. In der Tat, schauen wir einmal bei Matthäus 5 und 6 nach.

“Habt acht auf eure Almosen, daß ihr die nicht gebet vor den Leuten, daß ihr von ihnen gesehen werdet; ihr habt anders keinen Lohn bei eurem Vater im Himmel.”
“Wenn du Almosen gibst, sollst du nicht lassen vor dir posaunen, wie die Heuchler tun in den Schulen und auf den Gassen, auf daß sie von den Leuten gepriesen werden. Wahrlich ich sage euch: Sie haben ihren Lohn dahin. Wenn du aber Almosen gibst, so laß deine linke Hand nicht wissen, was die rechte tut, auf daß dein Almosen verborgen sei; und dein Vater, der in das Verborgene sieht, wird dir’s vergelten öffentlich.”

Unpopuläre Tugend

Tugend ohne Mut ist eine Fehlentwicklung: tatsächlich seht ihr die Feiglinge ein öffentliches Gesicht der “Tugend” gutheißen, wie es von den Mainstream-Medien definiert wird, weil sie Angst davor haben, etwas anderes zu tun. Ihre Feigheit führt sie dazu, die Assoziation mit, sagen wir, anti-Al Kaida-Kräften in Syrien zu vermeiden, weil irgendein Saudi-Anreißer (oder ein Al Kaida-Förderer wie Charles Lister) sie des Putinismus, Rassismus, der Demokratiefeindlichkeit beschuldigen könnte, oder eine andere Anschuldigung, die zu Ostrazismus führen wird.

Die beste Tugend benötigt Mut; demzufolge muss sie unpopulär sein. Wenn ich die perfekten tugendhaften Handlungen beschreiben sollte, wären sie das Einnehmen von momentan missbilligten Positionen, denjenigen, die vom allgemeinen Diskurs (speziell wenn von Lobbyisten finanziert) bestraft werden. So wie das Bekämpfen von Monsantos Behauptungen, und Reklame durch Anreißer, dass sie mit ihren giftigen Produkten “die Kinder retten” würden, so dass jeder, der ihnen widerspricht, leicht als “Babykiller” bezeichnet werden kann.

Je kostspieliger, desto tugendhafter die Handlung — besonders, wenn sie euch euren Ruf kostet. Wenn Anstand mit dem Ruf in Konflikt steht, entscheidet euch für den Anstand.

Andere Tugenden

Wahre Tugend liegt darin, nett zu denen zu sein, die von anderen vernachlässigt werden, den weniger offensichtlichen Fällen, jene Leute, die die große Wohltätigkeitsindustrie zu übersehen tendiert, jene Streitsachen, die (noch) nicht verkaufsfördernd sind.

[Schnitt]

[i]

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