Krafttraining ist Lernen aus Extremereignissen

(Originaltext von Nassim Nicholas Taleb)

Ich war geehrt, als ich von Mark Rippetoe gefragt wurde, das Vorwort für sein Buch zu schreiben. Aber der Leser wird sich fragen: Was hat jemand, dessen Forschung über das Risiko von zufälligen Ereignissen, speziell Extremen ist, mit Krafttraining zu tun?

Milon von Kroton

Nun, die “Starting Strength”-Vorgehensweise dreht sich gerade um Extreme, die Leute in meinem Geschäft die “Tails”/Ränder nennen, die seltenen Ereignisse, die wichtig sind, wenn auch von niedriger Wahrscheinlichkeit. So wie Systeme aus Extremen lernen, und um darauf vorbereitet zu sein, sich selbst kalibrieren, um großen Schocks zu widerstehen, tut es auch der menschliche Körper. In der Tat, unser Körper sollte als ein Risikomanagementsystem, das bestimmt war, mit unserer Umwelt umzugehen, betrachtet werden, das den Extremen mehr Aufmerksamkeit schenkt als gewöhnlichen Ereignissen, und unverhältnismäßig aus diesen lernt.

Ihr werdet nie die Stärke einer Brücke verstehen, indem ihr einige hundert Autos darüber fahren lasst und dabei sicherstellt, dass sie verschiedene Farben und Marken haben, was einem repräsentativen Verkehr entsprechen würde. Nein, ein Ingenieur würde sie stattdessen wenigen Multitonnern aussetzen. Ihr werdet so nicht alle Risiken abdecken, weil schwere Laster nicht die Materialermüdung zeigen können, aber ihr könnt ein solides Bild der Gesamtsicherheit erhalten.

Genauso, um Piloten zu trainieren, lassen wir sie nicht einige Zeit auf der Rollbahn verbringen, um mit Flugbegleiterinnen zu flirten, dann den Autopiloten anzuschalten und mit dem Tagträumen über Reisen anzufangen, über Hypotheken nachzudenken oder Firmenintrigen der Fluglinien zu meditieren — was in etwa den Hauptteil eines Pilotenlebens ausmacht. Wir lassen Piloten aus Stürmen lernen, aus schwierigen Landungen und verzwickten Situationen — wieder, aus den Extremen.

Wenn es also um physisches Training geht, ist es sinnlos, sich mit der zeitaufwändigen repetitiven Replikation einer aktiven Umwelt und ihres Alltagstrotts zu beschäftigen, außer ihr müsstet das für Realismus, Therapie oder Vergnügen tun. Kalibriert einfach zum Extrem hin und arbeitet euch von da nach unten.

Der andere Grund, warum Rip mich fragte, dieses Vorwort zu schreiben, ist der, dass ich mich selbst auf eine Variante seines Übungsprogramms eingelassen habe — und die Ethik der “Haut im Spiel” diktiert, dass man seine gekochten Gerichte auch essen sollte, und uns mitteilen, was man denkt und was man tut. Ich habe gelernt, dass was man für das Training tut, von dem verschieden sein sollte, was man zum Vergnügen tut. Ich habe Freude am Bergsteigen, Gehen, Schwimmen im Meer, mein Rad zu fahren, diese Sachen; aber ich unterliege nicht der Illusion, dass diese Aktivitäten mich stärker machen werden. Sie könnten notwendig sein, aber aus anderen Gründen als dem Erwerben von Kraft. Ich betrachte Gehen als notwendige Therapie, so wie Schlafen.

Es ist auch der Fall, dass ein Teil meiner Risikoforschung sich mit der Komplexitätstheorie überlappt. Die erste Sache, die man über komplexe Systeme lernt, ist, dass sie nicht eine Summe von (Körper)teilen sind: ein System ist eine Ansammlung von Interaktionen, nicht eine Addition von individuellen Reaktionen. Euer Körper kann nicht mit spezifischen und örtlichen Muskelübungen trainiert werden. Wenn ihr versucht, ein schweres Objekt zu heben, rekrutiert ihr jeden Muskel in eurem Körper, wenn auch manche mehr als andere. Je höher das Gewicht, d.h. je mehr in den Extremen, desto höher ist die Anzahl der involvierten Muskeln. Ihr ruft so auch eine Vielzahl von opaken Interaktionen zwischen diesen Fasern hervor.

Diese komplexe Systemmethode lässt sich auf alle Situationen anwenden, sogar wenn ihr mit Physiotherapie beschäftigt seid, wie ich es wegen einer verletzten Schulter war. Ich entdeckte, dass es besser und robuster funktioniert, die natürlicheren Langhantelpressen und (anfangs mit Hilfeleistung) Klimmzüge zu machen, anstatt der komplizierten und zeitraubenden vielfarbigen Elastikbänder, die von Physiotherapeuten so gepriesen werden. Warum lassen Physiotherapeuten euch nicht diese robusten Hantelübungen machen? Ganz einfach, weil sie Miete zu zahlen haben und wie in Fitness-Centern Maschinen für einzelne Übungen schicker und beeindruckender für die Laien aussehen.

Darüber hinaus sind Muskeln nicht die ganze Geschichte. In einem Forschungsstrang, in dem Gerard Karsenty und seine Kollegen Pionierarbeit geleistet haben, wurde gezeigt, dass das Skelett mit seinen einigen hundert Knochen auch ein endokrines Organsystem ist, das Blutzucker, Fruchtbarkeit, Muskelwachstum und sogar das Gedächtnis reguliert. Daher müsste eine optimale Übung zusätzlich zu jedem Muskel in eurem Körper auch auf jeden Knochen gehen, indem sie das Skelett Gewichtsstressoren aussetzt, um es daran zu erinnern, dass die Außenwelt existiert.

Schlussendlich ist der Körper extrem opak; es ist schwer, die exakten physiologischen Mechanismen zu verstehen. Also würden wir gern sicherstellen, dass unsere Methodologie robust ist und dem Urteil der Zeit standhalten kann. Wir haben Theorien gehabt, wie Muskeln wachsen; diese kommen und gehen. Wir haben Theorien der Ernährung; diese kommen und gehen — die robusteste ist die, die gelegentliches periodisches Fasten bevorzugt. Aber wir sind uns ziemlich sicher, dass während die Theorien kommen und gehen, die Phänomenologien bleiben; mit anderen Worten, dass in zweitausend Jahren die Methode des Ganzkörpertrainings in den Extremen immer noch funktionieren wird, obwohl sich die Interpretation und der “wissenschaftliche” Dreh ändern werden — genauso wie vor zweitausendfünfhundert Jahren Milon von Kroton einen Ochsen auf seinen Schultern trug und stärker wurde, als der Ochse wuchs.