
Formel 1 und Halo oder der Krug geht solange zum Brunnen, bis er bricht
Freitag, 14. Juli 2017, Silverstone Circuit.

An diesem Tag testet Sebastian Vettel erstmals den Cockpit-Schutz „Shield“ an seinem Ferrari. Nach wenigen Runden bricht er den Versuch ab, die Sicht ist einfach zu schlecht. Die optisch schönere von zwei schlechten Lösungen ist damit durchgefallen.
Wer nun glaubte, diese ärgerliche und überflüssige Verunstaltung der Autos wäre damit erstmal wieder auf Eis gelegt, hat sich getäuscht! Gut eine Woche später kommt die FIA mit der Meldung um die Ecke, dann eben ab 2018 „Halo“ einzuführen. Dieses von den Medien Heiligenschein getaufte Teil, welches, sollte man es schreiben, aussieht wie ein Klositz, den man beim Zelten in freier Natur nutzen könnte.
„Halo“ also. Gegen den Willen der Teams, nur ein Rennstall ist dafür, gegen den Willen der meisten Piloten und Fans. Hat schon ein wenig was von Diktatur, aber Jean Todt scheint entschlossen, die Sache auf jeden Fall durchzuboxen. Erinnert etwas an einen anderen Franzosen, der in der Vergangenheit auf der Kommandobrücke der Formel 1 seinen Napoleon-Komplex auslebte. Der hatte jedoch in Bernie Ecclestone einen adäquaten Gegenspieler.
„Die Fans werden sich schon dran gewöhnen!“ ließ Charlie Whiting kürzlich verlauten. Finde ich irgendwie respektlos und frech dem Kunden gegenüber, nämlich mir. Die meisten Unternehmen und Betriebe haben heute realisiert, daß der Kunde eine wichtiges Gut ist, denn er bringt das Geld.
Überheblichkeit ist nie ein guter Ratgeber. Ich habe seit Beginn der neunziger Jahre die Formel 1 Rennen in Hockenheim verfolgt. Die Zeit der Schumi-Ära hatte begonnen und es waren goldene Zeiten für die Veranstalter. Ausverkauftes Haus in jedem Jahr, selbst mit Zusatztribünen wurde man dem Ansturm der Fans kaum gerecht, trotz der in jedem Jahr deutlich ansteigenden Ticketpreise. Drei Tage nach dem Grand Prix `95 waren alle Karten für `96 ausverkauft. Zeitweilig gab es zwei Rennen in Deutschland, eins am Nürburgring und eins in Hockenheim. Dann muss sich wohl jemand überlegt haben, wie man noch mehr rauspressen könnte, wenn Gier die Gehirne zerfrisst. Da wurde ein freies Training am Samstag gestrichen und das sonntägliche Warm up am morgen gleich mit. Angeblich um Geld zu sparen und die kleineren Teams zu entlasten. Geholfen hat es offenbar recht wenig, kennt noch jemand Arrows? Weniger Formel 1 also bei weiter steigenden Ticketpreisen.
Ich mochte das Warm up immer besonders, zur Einstimmung auf den Raceday. Entweder mit einer Dose Bier an der Rennstrecke oder mit einer Tasse Kaffee zuhause. Dann die Verstümmelung des Hockenheimrings. Im Sinne des Kommerz hat man diese wundervolle Rennstrecke verkürzt, damit die Fahrzeuge öfter im Motodrom zu sehen sind und damit die dort platzierten Werbelogos im Fernsehen. Genommen hat man uns Fans jene tolle Atmosphäre, als die Wagen Richtung Wald verschwanden, jenes gespannte Warten, bis sie wieder auf der langen Geraden Richtung Motodrom auftauchten, was sich durch ein wütendes Brummen ankündigte.
Und heute? 2017 gibt es wieder keinen Grand Prix von Deutschland. Trotz deutscher Fahrer, Teams, Motoren und Weltmeister. Hockenheim schreibt in jedem Jahr Verluste und hat den Vorschlag, für den Nürburgring einzuspringen, wo der Deutschland GP in jedem zweiten Jahr stattfinden sollte, dankend abgelehnt. Am Nürburgring neben der vor sich hinrostenden Achterbahn war die Formel 1 seit Jahren nicht mehr.
Was hat man sich nur gedacht? Das die Ära Michael Schumacher eines Tages zu Ende gehen würde, musste jedem klar gewesen sein. Die Fan-Generation von damals ist älter geworden. Man hat geheiratet, Kinder bekommen, was auch immer. Und Phänomene wie „Schumania“ lassen sich offensichtlich nicht so einfach reproduzieren. Auch mit einem Vettel oder Rosberg nicht, bei den Ticketpreisen sicher schon gar nicht. Darüber hinaus ist die heutige Fan-Generation eine andere. Die Möglichkeiten sind andere geworden, Internet, Livestream und diese Dinge.

Trotzdem erleben wir 2017 eine der spannendsten Saisons der letzten Jahre, wenigstens drei Fahrer haben Titelchancen. Vettel gegen Hamilton, Ferrari gegen Mercedes und der unheimliche dritte Mann, Valtterie Bottas, den vor der Saison nicht unbedingt jeder auf der Rechnung hatte. Es geht wieder aufwärts, dieses Gefühl hatte ich auch bei meinem Besuch in Silverstone. Die Autos sehen mit den breiten Reifen wieder viel wilder und aggressiver aus, die Stimmung an der Rennstrecke war toll. Eigentlich könnten alle zufrieden sein, Teams, Sponsoren, Medien und Fans. Umso unverständlicher, daß man seitens der FIA gleich wieder beginnt, auf dem sich vorsichtig entwickelnden Pflänzchen herum zu trampeln.
Wem nutzt das Ganze was? Warum muss das so unbedingt durchgepeitscht werden? Als Fan fragt man sich, was ist da hinter verschlossenen Türen beschlossen und vor allem wem versprochen worden?
Und nein Herr Whiting, ich werde mich an „Halo“ sicher nicht gewöhnen.
