Moderieren im Tandem

Wann lohnt sich Co-Moderation — und wie sie gelingt sie?

Normalerweise wechseln sich Caren Miosga und Ingo Zamperoni wochenweise im „Tagesthemen“-Studio ab. Doch vor 3 Wochen feierte die Sendung ihren 40. Geburtstag. Grund genug für die beiden, erstmals gemeinsam vor der Kamera zu stehen.

Wenn selbst beim renommierten Fernsehsender 40 Jahre lang nur solo moderiert wurde, scheint es also gute Gründe zu geben. Sowohl für den Einzelmoderator, als auch für die Doppelmoderation.


Was hat die Fernsehmoderation vor Millionenpublikum mit Ihrer nächsten Workshopmoderation zu tun?

Zunächst einmal unterscheiden sich die Fernsehmoderatoren (und auch die im Radio) dadurch, dass sie vor einem riesengroßen, jedoch anonymen Publikum sprechen. Sie schauen in die Kamera und sprechen ins Mikrophon, aber sie sehen die Zuschauer dahinter nicht. Sie bekommen kein direktes Feedback, wie das, was sie sagen, aufgenommen wird.

Aber Moment! Auch im Fernsehen ist ein Moderator ein Moderator (..und eine Moderatorin eine Moderatorin), weil er (sie) nicht nur einfach ansagt, sondern moderiert. Sie haben Gäste im Studio (oder in der „Schalte“) und versuchen durch gekonnte Fragestellungen und Interventionen verschiedene Meinungen zu einem Thema zu Wort kommen zu lassen, verschiedene Gesichtspunkte einer Problematik transparent zu machen und verschiedenen Stimmen zu einem strittigen Punkt Gehör zu verschaffen. Sie moderieren im Sinne von Mäßigen unterschiedlicher Standpunkte, im Sinne von Steuern und Lenken. Das macht ihren Job so wichtig. Denn ohne sie würden wir uns ungebremst endlose und selbstgefällige Monologe der Beteiligten oder Fachleute anhören müssen!

Wozu es freilich im Fernsehen oder Radio nicht kommt, ist ein „Arbeitsergebnis“, hinter dem die Beteiligten gemeinsam stehen. Die moderierte Sendung dient in der Regel nur der Transparenz und Horizonterweiterung der Zuhörer und Zuschauer. Das gleiche gilt auch für die Moderation von großen Bühnenveranstaltungen, die wir zum Beispiel als Gala oder Stadtfest kennen. Was solche Veranstaltungen von Radio- oder Fernsehmoderationen unterscheidet, ist das direkte Feedback des Publikums. In Form von Applaus, Zwischenrufen oder auch kurzen „Ausflügen“ ins Publikum bekommt der Moderator ein Gefühl davon, wie das, was er und die anderen Aktiven auf der Bühne tun, beim Publikum ankommt.

Noch interaktiver sind Podiumsdiskussionen. Hier wird das Publikum ganz aktiv in das Geschehen auf der Bühne einbezogen. Fragen können gestellt, oder auch Meinungen kund getan werden. Das Ergebnis wird auch hier in der Regel eher eine Meinungsbildung sein, als ein konkreter Kompromiss oder ein Arbeitsergebnis, hinter dem alle Teilnehmer stehen.

Das ist ganz anders bei Workshops. Egal ob im kleinen Team, oder als Großgruppenmoderation — bei einem Workshop geht es um ein konkretes Ziel. Sei es die Einigung in einer neu zusammengesetzten Abteilung auf eine gemeinsame Arbeitsweise, eine Lösung für ein kompliziertes technisches Problem oder ein gemeinsam gestalteter Plan für das kommende Jahr. Natürlich ist auch hier der Moderator lediglich für den Prozess und nicht für den Inhalt zuständig. Seine Interaktion mit den Teilnehmern ist jedoch sehr direkt — nahbar, fühlbar und individuell.


Wo liegen nun also die Vor- und Nachteile für die Moderation zu zweit?

Das ist offenkundig ganz unterschiedlich, je nach dem, von welchem Veranstaltungsformat man spricht. Bei Radio und Fernsehmoderatoren ist die Zielgröße eher der Unterhaltungswert der Sendung. So kann mehr Lebendigkeit durch Stimmenwechsel , mehr Schwung durch gegenseitiges freundliches „Necken“ zum Vorteil werden.

Ein Nachteil (und der mag die letzten 40 Jahre bei den Tagesthemen gegolten haben) ist die Gefahr eines höheren Wortanteils der Moderatoren, da nun beide „etwas zu sagen“ haben, zu viele handelnde Personen (besonders beim Radio: zu viele Stimmen!), wenn es viele Schalten, Beiträge und sonstige Zutaten in der Sendung gibt. Und: eine Moderatorin, die mit dem „Co“ spricht, beschäftigt sich nicht mit dem Radio- oder Fernsehpublikum. Im Fachjargon nennt man das eine schlechtere „Höreransprache“

Bei einer Workshopmoderation liegt der Haupt-Mehrwert des Moderators in einem zielorientiert, fair, strukturiert und pünktlich erarbeitetem gemeinsamen Ergebnis. Dem entsprechend lohnt es sich eher dann mit einem Partner zusammen die Veranstaltung zu leiten, wenn die Menge der Aufgaben — wie Visualisieren, Erklären, Karten schreiben und anpinnen von Einem allein nicht schnell genug erledigt werden kann. Schließlich sollen die Teilnehmer nicht auf den Moderator warten.

Aber auch die Beziehungssituation kann die Zusammenarbeit mit einem zweiten Moderator vorteilhaft werden lassen. Vier Augen sehen mehr, vier Ohren hören mehr — von dem was zwischen den Teilnehmern untereinander, aber auch zwischen Teilnehmern und Moderator abläuft, wo es knirscht und wo um den heißen Brei herum geredet wird. Und — solange man nicht identische Persönlichkeitstypen zum Moderatoren-Paar macht — die statistischen Chancen sind größer, dass man die richtige Ansprache findet, um ein positives Gesprächsklima zu gestalten.

Sollte man dann nicht immer gleich zu zweit moderieren? Manche sagen „ja“, zum Beispiel generell ab einer Gruppengröße von ungefähr 6 Personen. Ich sehe einige Argumente, die durchaus auch gegen eine Zweierkonstellation in der Moderatorenrolle sprechen. Wenn beide Moderatoren das Ziel der Veranstaltung unterschiedlich interpretieren oder unterschiedlich darüber denken, wie Moderation funktioniert. Dann wird sich diese Dissonanz schnell auf die Teilnehmer übertragen.


Und wie macht man nun Co-Moderation?

Schauen wir auf die drei Phasen vorher — während — nachher, um zu sehen worauf man achten muss, damit die Tandem-Moderation funktioniert.

Vor dem Workshop müssen sich beide über das Ziel des Workshops einig sein. Wichtig ist ein kongruentes Verständnis, nicht nur die Gleichheit der Worte. Aber darin, dies zu erzielen, sind ja beide geübt! Das gleiche gilt für die unter „während“ zu vereinbarenden Aufgabenteilungen. Es hilft nichts, wenn nur der „Chefmoderator“ denkt, dass er der „Chef“ ist! Ein ganz positiver Aspekt bei der Zusammenarbeit schon während der Auftragsklärung und Vorbereitung ist, jemanden zum Reden zu haben und durch den Austausch neue Blickwinkel auf Ziel, Teilnehmer und Vorgehen zu gewinnen.

Während des Workshops ist eine klare Aufteilung von höchster Wichtigkeit. Zunächst einmal die Hierarchie untereinander. Je nach Erfahrung und persönlichen Stärken kann es einen Haupt-Moderator mit einem Hilfs-Moderator geben, der Dienste wie Karten austeilen und einsammeln, Flipcharts beschreiben und anheften, umräumen usw. übernimmt. Oder zwei gleichberechtigte Moderatoren, die sich abwechseln. In der anspruchsvollsten Form treten sie dann auch noch gemeinsam und gleichzeitig auf. Anspruchsvoll deshalb, weil beide sehr gut eingespielt sein müssen. Sie brauchen sehr viel gegenseitiges Vertrauen, um sich nicht vor versammelter Mannschaft einander den „Rang streitig zu machen“. Gerade für Neueinsteiger ist es wenig sinnvoll, in gleicher Hierarchie mit anderen Anfängern zu moderieren, da sich die Unsicherheit eher potenziert, als aufhebt.

Auch die Teilung der Aufgaben sollte klar abgestimmt sein. So bieten sich verschiedene Dimensionen an, wie zum Beispiel Aktion versus Beobachten. Steuern und Dokumentieren. Entweder den Fortschritt und die Zielerreichung im Auge behalten, oder das Klima in der Gruppe. Für Kreativität, Prozess und Gruppendynamik sorgen oder für den Inhalt verantwortlich sein. Bei jedem dieser Pärchen kann die Verteilung einzeln vorgenommen werden. Auch das Tauschen während des Workshops ist möglich.

Egal wie geteilt wird, egal wie die Hierarchien sind — das Wichtigste ist, dass beide während des Workshops als Team auftreten, harmonieren und nicht als Konkurrenten wahrgenommen werden!

Analog zur Vorbereitung fällt auch die Nachbereitung nicht nur leichter, wenn man sich die Arbeit teilen kann. Es gibt auch viel mehr, was man durch die verschiedenen Perspektiven erlebt und mitgenommen hat. Und somit mehr Einsichten und Erkenntnisse, die bei der Nachverfolgung und im kontinuierlichen Verbessern der Moderationskompetenz helfen.


Was können wir lernen?

Welche Tricks, Hinweise und Erfahrungen der Profis können wir uns zunutze machen?

Was mir am meisten auffällt ist, wie bestimmte Rollen und Einstellungen mit den Personen im Fernsehen und Stimmen im Radio verknüft oder verankert werden. Wir Zuschauer machen uns sehr schnell ein Bild (eine Meinung) davon, wofür der eine Moderator und wofür die andere Moderatorin steht. Nicht nur „good cop“ — „bad cop“, auch technisch verständig versus liebevoll naiv, „Mama“ neben „Papa“ oder beschwichtigend gegenüber antreibend.

Rollen und Einstellungen werden schnell mit den Personen und Stimmen verknüpft

Wenn diese Wertepaare einmal verankert sind, würde es uns allen schwer fallen, bei der nächsten Sequenz plötzlich mit einer umgekehrten Zuordnung umzugehen. Der Fernsehkonsument möchte keine Caren Zamperona oder Ingo Miosgi sehen! Nehmen wir dies als Warnung vor übertriebenem Hin- und Her-Tauschen der verschiedenen Rollen im Laufe unseres Workshops! Souveräne Co-Moderatoren halten es aus, wenn nach einem erfolgreichen Workshop die Summe der Sprech-Anteile nicht ausgeglichen ist.

Was ich noch von den Profis mitnehme: Sie finden ihre Kollegen toll! Wenn ihr Co-Moderator spricht, blicken sie ihn freundlich an. Also: Interesse am (und Begeisterung für) den Moderatoren-Partner zeigen! Genau das werden die Teilnehmer nachmachen.

Diesen Rückenwind kann jeder Workshopmoderator gut gebrauchen. Noch mehr Rückenwind gibt es beim Training für Workshopmoderation.