Ein Tag, ein Jahr, ein Leben

Oder: Ich habe meinen Frieden mit diesem Leben gemacht, einem Leben, das nicht meines ist, das ich nie wollte und nicht will


Es ist mal wieder Zeit, zu reflektieren. Ein Jahr wird morgen vergangen sein, das siebenundvierzigste meines, nennen wir’s positiv: abwechslungsreichen Lebens. Die meisten Menschen würden es als Scheißleben bezeichnen, von Anfang an. Sie hätten recht.

Lassen wir alles Vergangene vergangen sein und schauen wir auf das letzte Jahr zurück. Es war gut. Ja, trotz allem.

Ich habe mich von allem, was 2012 so an Krebsgedöhns war, gut erholt, die “kleine” OP im November, die letzlich doch so folgenreich war und noch ist, weggesteckt wie eine echte Frau, daneben zwei Augen-OPs mitsamt der durchaus belastenden Prognose, dass die linke Netzhaut nachhaltig im Eimer ist, überstanden. Auch mental.

Vier unterschiedliche, teilweise sehr dramatisch verlaufende Krebserkrankungen, drei innerhalb von sieben Jahren, steckt kein Körper mal eben weg, was ich leider täglich zu spüren bekomme. Details erspare ich Ihnen, aber die Erinnerung, wann ich mich zuletzt wirklich gut gefühlt habe, ist längst verblasst. Mein Immunsystem liegt dauerhaft am Boden (in mir tummeln sich deutlich weniger als 3.000 LEUK, um eine “Hausnummer” zu nennen), was bei körperlicher Belastung immer wieder zu Sofatagen führt. Dazu kommt, dass ich vor allem seit der Ovarektomie und dem absoluten Hormonstopp ständig auf einer Klippe stehe, was meine seit mehr als 30 Jahren bestehenden Depressionen betrifft …

Egal. Vorbei oder handlebar. Kein Grund, darüber zu klagen. Klagen ändern nichts.

Ich war zwei Mal mit dem neuen Bus, der zum Camper gemacht wurde, auf Sardinien, im Oktober mit meiner besseren Hälfte und Snoopy, im März/April drei Wochen allein. Sardinien erdet, mich zumindest. Ich tankte ganz neue Energien, die mich zu tragen in der Lage sind, wie ich mittlerweile weiß. Ich begann diesen kleinen Kontinent zu lieben, jede Ecke, die ich bisher kenne (Norden, Westen, Teile des Südens). Ich lernte viele neue Menschen kennen: mich. Und ich verstand, dass so mancher Mensch in meinem Dunstkreis, hart gesagt, verzichtbar ist für mich. Dass nicht ich sie brauche, nie brauchte, sondern sie mich. Und sei es nur, um irgendeine Art von Frust ab- und Selbstwertgefühl aufzubauen.

Was war noch?

Ich habe das Laufen, das ich im November 2012 noch in der Freiburger Krebsklinik angefangen habe, beibehalten, jogge nun mehrmals pro Woche ein Stündchen mit und ohne Hund durch den Wald. Und ich habe mit dem Schwimmen begonnen. Wer mich kennt, weiß, dass beides mich früher fast abfällig zum Abwinken gebracht hat. Eine alte Freundin, Frauke, hat mich sach- und fachkundig gelehrt, wie man als Triathlet und Freiwasserschwimmer zu Werke geht. Mit dem, was man so in Hallenbädern sieht, hat das, was ich jetzt trainiere, rein gar nichts zu tun. Schwimmen, das weiß ich jetzt, ist komplex, herausfordernd und geil.

Ein neues Buch, natürlich wieder ein Thriller, ist seit meiner Rückkehr von meiner Auszeit auf Sardinien in Arbeit. Zwei Drittel sind fertig, am Schluss denke ich noch herum. Er soll natürlich gut werden, spannend, den Leser nochmals mitreißend. Hohe Ansprüche hatte ich ja schon immer, ob ich ihnen auch gerecht werde, müssen andere entscheiden.

Wie geht’s weiter?

Ich versuche, zu leben. Nein: zu LEBEN. Ich nehme es, dieses Leben, wie es kommt. Und wie es kommt, ist es okay. Nicht immer gut, aber okay. Was wäre auch die Alternative?

Es gibt ein paar Menschen, denen ich danken will. Ulrike, Iris, Frauke, Markus und Gabi seien ganz besonders erwähnt. Weil sie gut sind für mich, ganz ohne Forderungen und Ansprüche. Nicht einfach, weiß Gott nicht (Iris hatte so manche Ohrfeige für mich und sicher noch eine ganze Menge davon in petto. Dafür schätze ich sie sehr!), aber verdammt gut. Anderen danke ich, weil sie nicht gut für mich waren, letztlich aber dann doch. Weil ich durch sie gelernt habe. Diesen Menschen wünsche ich alles Gute auf ihren weiteren Wegen ohne mich, den anderen (vor allem aber mir), dass sie’s noch ein bisschen mit und bei mir aushalten.

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