Man sieht sich
Wie Dahingesagtes letztlich Freundschaften zerstört
Unlängst wurde ich von einer Freundin zusammengefaltet, weil ich zum Abschied “man sieht sich” gesagt hatte.
Das ginge gar nicht, fuhr sie hoch wie eine Sojus-Rakete und belehrte mich, dass man “man” überhaupt aus seinem Wortschatz zu streichen habe, weil “man” unpersönlich sei und man damit sein Gegenüber beleidige.
“Man sieht sich” sei noch übler, denn es impliziere, dass man, also “man”, es auf einen Zufall ankommen lassen würde, es unverbindlich meine und damit jedes Interesse an einer Person (offensichtlich meinte sie damit sich selbst, was sie allerdings nicht aussprach) vermissen lasse.
Diese fünfminütige Monolog, dem ich mit zunehmender Irritation lauschte, gewinnt an Bedeutung vor dem Hintergrund, dass besagte Freundin eigentlich gar keine Zeit für einen derartigen Ausbruch mit detaillierter Auseinandersetzung sprachlicher (Un-) Feinheiten hatte, ja, nicht einmal für ein kurzes Gespräch, weil sie nämlich im Stress sei und Besuch erwarte, wie sie mir bereits zu Beginn des zufälligen Treffens mitteilte.
Diese Episode machte mir erstaunlich intensiv und auch lang zu schaffen. Ich fragte mich, was ich falsch gemacht hatte, was ich hätte sagen sollen, so ganz ohne Ahnung, wann wir uns wo geplant oder ungeplant wieder sehen würden. (Wir wohnen übrigens drei Kilometer auseinander.)
Ciao? Nein, wir sind schließlich in Deutschland, nicht in Italien!
Servus? Auch nicht, da wir nicht in Österreich leben.
Tschüss? Sondern in Bayern.
Ade? Nein, nicht in Baden-Württemberg, sondern in Bayern!
Pfia Gott? Lassen wir bitte Gott aus dem Spiel, der ist bekanntlich tot.
Pfiat di? Okay, aber für Unhiesige unverständlich und das “Du” unhöflich ist.
Auf Wiedersehen? Ja, das geht.
Auf Wiedersehen kann man immer sagen, zu jedem, zu jeder Zeit. Muss aber nicht. Also ein Wiedersehen. Nicht mit einem Menschen, dem das Wichtigste an einem Treffen ist, Freunde runterzuputzen statt nach dem Woher und Wohin sowie dem Befinden zu fragen.