von Home-Trails, Jägern und Kaffee

Schon Früher fuhr ich gern und oft mit dem Fahrrad durch den Wald. Damals hieß das noch nicht Mountainbike und auch von All-Mountain, Trail- oder Enduro-Bikes wusste man nichts. Damals war das Fahrrad meiner Wahl ein simples ungefiltertes BMX. Die einzige Modifikation war ein geänderter Mofakranz hinten um am Berg eine bessere Übersetzung zu haben.
Seit damals ist hat sich bei den Bikes einiges verändert — hier im Wald allerdings ist vieles noch beim Alten:
die Bäume stehen noch und sind nur dicker geworden, Forstfahrzeuge stehen ebenfalls und sind auch dicker geworden und ich steh auch noch bin auch dicker geworden.
So kommt es, dass das Einzige was sich über die Jahre wirklich verändert hat die Anzahl der Fahrverbotsschilder ist. Wohl auch weil die Jägerschaft hier im Gebiet sich ebenfalls nicht verändert hat und ebenso unflexibel ist wie in den letzten Jahrzehnten.
Die Fahrverbotstafeln haben sich massiv vermehrt. Schon beinah jeder Hochstand hat seine eigene Fahrverbotstafel — und das will was heissen, schliesslich stehen hier mehr Hochstände wie Grenzwachtürme damals am Eisernen Vorhang. Beinah kommt man sich vor wie in einem Kriegsgebiet mit Scharfschützennestern an jeder Ecke.
Dennoch gibt es aber auch immer wieder kleine Affen-Arschlöcher die trotzdem die Fahrverbote umgurken und so unser Aller Verhältnis mit der Jägerschaft erneut in ein schlechtes Bild rücken.
Früher war ich jünger, das BMX Rad kleiner, die Trails daher viel aufregender.
Heute, mit gewonnener Reife, größerem Fahrrad also auch größeren Laufrädern, wurden viele damals mächtige Drops zu kleinen Wurzelstufen — was sie letztlich auch damals wohl schon waren.
Doch auch wenn man es jetzt denken mag, das Gebiet besteht nur aus mit Fahrverbotstafeln markierten Forstwegen und glänzt daher nur durch Mountainbike-Langeweile der irrt gewaltig.
Es gibt hier nämlich mittlerweile offizielle Mountainbikestrecken die man relativ stressfrei und von der Jägerschaft unbelästigt und die Räder nehmen kann — sofern man sich an die von der Jägerschaft ausgerufenen Öffnungszeiten hält, also März bis September bis maximal 18:00 Uhr, in manchen Monaten auch weniger je nach Geilheitsgrad der ansässigen männlichen Hirschbevölkerung.
Freilich können diese Strecken mit keinem Trail-Center oder speziell dafür angelegten Mountainbiketrails mithalten. Auch sind diese Strecke zu meist Forststraßen oder wenn man ist sehr freundlich neu-deutsch formulieren will „Double-Tracks“, so dass man sehr selten in die Gelegenheit kommt auf echt schöne verschlungene Singletrack Pfade ausweichen zu können. Und in der Trailfork-App findet man die schon gar nicht.
Das klingt jetzt alles andere als spannend — vielleicht klingt das für manche sogar eher abschreckend. Doch genau das ist vielleicht auch gut zu so dass dieses kleine Kleinod auch ein solches bleibt — quasi ein Geheimtipp für Alle die wissen welche Schätze hier im Wald wirklich lauern. Welche Single Trails es tatsächlich gibt, auch wenn diese nicht beschriftet sind und die Wege zu den diversen Riegeln nur die Einheimischen kennen und selbst die dafür keine Namen finden.
So führen auch Single Tracks von Riegel zu Riegel, vom unteren Waldrand bis rauf auf den höchsten Riegel. Mit kleineren und größeren Hindernissen, Wurzelpassagen, steinigen Abschnitten, Steilkurven und auch Hohlweg-Passagen. Man findet hier fast alles was das Herz begehrt.
Man kann über Wurzeln dem Tal entgegen donnern, kann sich in Steilkurven werfen oder über kleinere Steinstufen bergab bolzen bis einem der Berg über das Vorderrad wirft.
Dieses Kleinod birgt für jeden Fahrer etwas, egal ob Freerider, hobby Downhiller oder in enge Spanntex-Hosen schwitzende, ge-dopte Cross Country Heizer. Für jeden Fahrer etwas Passendes um seine After-Work-Runde oder seine mehrere Stunden dauernden Trailpartys ab zu feiern.
Bei jedem Wetter befahrbar, auch wenn es nach Regen in den oberen Wurzelpassagen doch recht rutschig und anspruchsvoll werden kann, so bekommt man auf jeden Fall nach der Tour in den nahe gelegenen Kaffeehäusern ausreichend Nachschub an Koffein und Zucker.
Und auch wenn dem einen oder anderen Packless-Rider in heissen Sommern unterwegs das Wasser ausgeht, so gibt der Wald dem kundigen rucksacklosen Fahrer dennochseine Frischwasserquellen preis.
Und auch wenn man vermeintlich allein ist, so sind doch viele andere Locals unterwegs wie man an den Spuren im Waldboden erkennen kann.
Hier grüsst man sich noch, im Gegensatz zu anderen Orten, aber das ist eine andere Geschichte. Drum mag sich so macher Wanderer wundern was denn diese seltsame gekleideten Fahrrad Menschen jeden Alters, ob jung oder alt, hier im Wald hier suchen. Doch ist es nicht immer nur Erholung — oft ist es der pure Fun, weil man weiß, dass die nächste Abfahrt genauso spaßig wird wie die Letzte schon war und aufgrund der Vielzahl an möglichen Strecken man auch einen Tag die Riegel mehrfach hinauf und runter brettern kann ohne dabei einen Weg doppelt fahren zu müssen.
Der Name dieser Gegend soll unser Geheimnis bleiben. Auch wenn von mehreren Seiten offizielle Mountainbike-Streckenschilder in dieses Gebiet weisen und uns auf offiziellen Strecken auch hindurch geleiten, die wirklich tollen Singletracks sollen ein geheimer Spot für Insider bleiben. Es soll die Home-Trail-Runde für die Locals bleiben oder soll ein Eldorado für Mountainbiker bleiben die nicht nur in Ruhe ihrem Hobby frönen wollen sondern auch die Natur und Ruhe genießen können.
Ob nun zu viele Fahrverbotsschilder oder belästige Jäger — es ist immer wieder ein Spaß die Riegel hoch zu bolzen und wieder runter zu donnern oder sich auf eine längere Tour Richtung Kapelle am Gipfel aufzumachen oder sogar noch weiter.
Sodass auch die ganz Kleinen in ein paar Jahren dann sagen können:
„Schon Früher fuhr ich gern und oft mit dem Fahrrad durch den Wald. Seit damals ist hat sich bei den Bikes einiges verändert — hier im Wald allerdings ist vieles noch beim Alten:
die Bäume stehen noch und sind nur dicker geworden, Forstfahrzeuge stehen ebenfalls und sind auch dicker geworden und ich steh auch noch bin auch dicker geworden. …“
Liebe Rosalia-Trails: bleibt wie ihr seit — und liebe Jägerschaft: habt Mitgefühl mit uns, uns gehts wie den Hirschen, weil es ist leider geil — aber bei uns eben nicht nur im September.
