WAS SPURENLESEN MIT DEINEM HIRN MACHT

Die komplexe Fertigkeit Spurenlesen ist in einer Hirnregion verankert, die auch für das Lesen zuständig ist. Aber “Tracking” beeinflusst noch viel weitreichender, wie du dein Gehirn benutzt. Erfahre mehr darüber …

IRGENDWO IM NIRGENDWO

Der Unterschied zwischen meinem Wildnis-Lehrer und mir, so wie es sich jetzt gerade und in diesem Moment entfaltet, könnte einfach nicht größer sein. Im Tiroler Akzent und mit eindeutiger Geste fordert er mich und meine abenteuerlustigen Kollegen auf, herauszufinden, ob hier ein oder zwei Füchse unterwegs waren. Mit “hier” ist ein matschiges Stück eines bereits ziemlich verwachsenen Feldweges gemeint, irgendwo im Nirgendwo der polnischen Masuren. Es ist April, fortgeschrittener Vormittag, der Rest des Körpers kämpft, entgegen des überhitzten Denkapparates im Kopf, mit der empfindlichen Kälte des zeitigen Frühjahrs der osteuropäischen Ebene.

HANDS IN MY POCKETS

Langsam lehnen sich die ersten Oberkörper nach vorne, und mit dem Gleichgewicht verlagert sich auch der Fokus in eine andere Ebene. Unsere Blicke schwirren wie Suchscheinwerfer über den morastigen Boden. Die ersten “aaah!”s sind zu hören, gefolgt vom ersten zaghaften Näherrücken zum Ort des vermeintlichen Geschehens. Nach und nach säumen immer mehr wissbegierige Nasen, untersuchende Augen und deutende Zeigefinger die von unserem Lehrer hinterfragte Quiz-Stelle. Bald wird emsig diskutiert, wer wann was wie wo und warum. Nur einer steht noch aufrecht da, die Hände in den Hosentaschen, den Oberkörper leicht zurückgelehnt, die Stirne in Runzeln gelegt. Ich.

ICH KANN GENAU NIX ERKENNEN

“Siehst du´s auch?” — die Frage trifft mich tief ins Mark, lässt mich aus meiner Erstarrung erwachen. Denn es fällt mir schwer darauf zu antworten, meine tiefe Verletzlichkeit ob des Umstandes preiszugeben, dass ich nichts, wirklich genau nichts erkennen kann. Da unten vor mir, umringt von einer hühnergleichen Schar begeisterter Spurenlese-Aspiranten, ist nichts anderes als Matsch, ein wenig Gras und Äste zu sehen. Sonst absolut nichts. Es war beschämend für mich. Das lerne ich nie. (Und doof ist es sowieso …)

SPURENLESEN IST MEIN LEBEN

Einige Jahre später sitze ich nun hier und schreibe diesen Artikel. Spurenlesen ist meine Leidenschaft geworden. Ich kann sagen, Spurenlesen ist mein Leben. Nichts hat mir, außer der Geburt meiner Söhne, mehr im Leben gegeben als das Spurenlesen. Tatsache. Im Moment stehe ich an dem Punkt sagen zu können, dass unsere Art zu leben, unsere Art wahrzunehmen und diese Eindrücke zu verarbeiten, alleine schon Spurenlesen ist. Wir deuten unentwegt, von unserer Geburt an und vielleicht schon davor, die Zeichen unserer Umwelt und bringen sie in einen Kontext mit anderen Erfahrungen. Daraus weben wir unsere Realität und daraus wiederum ziehen wir die maßgeblichen Hinweise für unsere Entscheidungen und Handlungen. Wir sind die perfekten Spurenleser. Wir sind Spurenlese-Maschinen. Wir sind Spurenlesen.

AUSGEMUSTERT

Spurenlesen ist somit ganz eng mit der Wahrnehmung und diese wiederum mit der gerichteten Aufmerksamkeit verbunden. Was nicht meine Aufmerksamkeit erregt, oder was mir nicht vorgestellt wird, oder was keine Bedeutung für mich hat, kann ich nicht wahrnehmen und in mein neuronales Muster-Erkennungs-Netz aufnehmen. Die geniale Symbiose aus unseren Sinnesorganen und der Reizverarbeitungszentrale im Gehirn lässt uns unentwegt unsere Realität nach Mustern absuchen. Muster die wir bereits kennen und Muster, die aus der gewohnten Regelmäßigkeit ausbrechen. Eine Art Notwendigkeits- oder Bedeutungs-Filter lässt uns dann auf genau diese Unregelmäßigkeiten im Mustercocktail des Lebens reagieren. Mit Neugier, Passivität oder Flucht.

SIE SIND ÜBERALL!

All das spielte sich auch bei einem Freund ab, der, man kann es ruhig präzisieren, ein Autonarr war. Genauer gesagt, eine Obsession für italienische Sportautos hatte. Er brauchte einen der schicken roten südländischen Flitzer nur für den gefühlten Bruchteil einer Sekunde sehen, schon wusste er Marke, Modell und Baujahr. Oft anhand von einem einzigen kleinen Detail — wie Chromleisten an der Seitenspiegeln, die bei diesem Modell aufregenderweise nur im Jahr sowieso verbaut wurden. Wahrscheinlich hast du das aber schon selbst erlebt, wenn du kurz vor dem Kauf eines Neuwagen standest — überall ist “plötzlich” dieses PKW-Modell zusehen! Dem zugrunde liegen Wahrnehmunsgsmuster. Die selben Muster lassen uns Vögel im Flug, Kräuter auch ohne Blüte und Wasserläufe in der Landschaft auf Grund der Vegetation erkennen. Auf manche Dinge sind wir trainiert, auf andere nicht. Viele Europäer tun sich schwer, Asiaten anhand ihrer Gesichter zu unterscheiden. Umgekehrt geht es jenen auch so. Der Grund: Wahrnehmungsmuster.

TRACKEN IST WIE LESEN, NUR KRASSER

Etwas was die meisten Bewohner unserer Breiten auch gemein haben, ist die Fertigkeit Lesen zu können. Studien haben herausgefunden, dass die selben Hirnregionen aktiv und somit zuständig sind für das Lesen, wie auch für die alte Kunst des Spurenlesens. Es ist das gleiche Hirnareal. Und der Prozeß des Lesenlernens ist exakt der selbe, wie beim Lernen der Grundzüge des Spurenlesens. Es sind einfach Grundmuster wie die Buchstaben A und M, E und B — die allmählich Worte ergeben, Sätze, Geschichten, Bücher. Wir werden so gut im Tracken von Buchstaben, dass wir gar nicht mehr alle einzelnen Buchstaben eines Wortes vorfinden müssen, um es als eben dieses Wort zu identifizieren. Das ist einfach unglaublich, oder?

ENTSCHEIDENDE WAHRNEHMUNG

Aber hier bewegen wir uns noch an der Basis des Spurenlesens. Denn die Tiefe, der Weg zur Meisterschaft führt über eine permanente, radarartige, holistische Wahrnehmung, die alle Sinne erfasst und ausreizt, ununterbrochen. Nur so ist es möglich die kognitiven Verbindungen herzustellen, die es benötigt, um das Alter einer Spur zu bestimmen. Den körperlichen Zustand des Tieres, das ich gerade verfolge. Den Grad der Aufmerksamkeit oder Erregung in dem es sich befindet. Um mich hinein zu fühlen in das Tier, mit ihm zu verschmelzen. Und diese immense Wahrnehmung macht mich lebendig. Sie macht mich wach und wachsam. Für die Veränderungen, die wir Menschen zwangsweise (wir leben!) in unserer Umgebung bewirken. Auch das ist ein Eindruck, eine Geschichte, eine Realität. Und ich kann mich entscheiden. Vielleicht für ein visionäres Bild einer Zukunft, wie unsere Kindeskinder aufwachsen mögen, in ein, zwei, sieben Generationen.

SPURENLESEN IST MEIN LEBEN. VERSTEHST DU?

Wenn du auf der Suche bist nach guten Spurenlese-Büchern, ich habe da DREI tolle Artikel geschrieben:

in diesem hier findest du die Zusammenfassung: SPURENLESEN — DIE KLASSENBESTEN

Martin Fürst

Leiter der Natur- und Wildnisschule Nawisho

www.nawisho.at

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