Warum wir junge Menschen aktiv werden müssen – genau jetzt!

Wie mit einer anfänglichen Schnapsidee das aufregendste Jahr meines Lebens begann und wie mir dieses zeigt, dass sich gerade im kommenden Jahr jede*r engagieren sollte.

Treffen mit dem Geschäftsführer Carsten Cramer im Juni 2018 — Copyright Borussia Dortmund

Das Jahr 2018 beginnt für mich eigentlich schon drei Wochen vor dem 1. Januar. Genauer gesagt sitze ich an einem Abend Mitte Dezember 2017 mit einigen Freunden zusammen und wir sprechen über unsere Erfahrungen als Fußball-Fans. Ein knappes Dutzend Stadien hatte ich zu diesem Zeitpunkt in der Bundesrepublik bereits besucht — im Vergleich zu meinen Freunden noch stark ausbaufähig. Doch eines fiel uns während dieser Auswärtsfahrten allen auf: die großen Unterschiede im Umgang der einzelnen Profivereine mit unseren Ressourcen. Aus diesem Gespräch sollte eine Idee folgen, die mein Jahr später komplett auf den Kopf stellt. Eine, die mir zeigen wird, dass politisches und gesellschaftliches Engagement wirklich für jede*n möglich ist. Und es wird in der Folge ein Jahr, das mir klar machen wird, dass wir uns an einem Punkt in der Geschichte befinden, an dem wir, um unsere Zukunft noch zu retten, wirklich jede Stimme dringend brauchen.


Das erste Mal begreife ich in der Mittelstufe, in welch heikler Lage wir uns befinden. Wir sind die erste Generation, die den Klimawandel spürt und die letzte, die etwas gegen ihn tun kann — solche Sätze höre ich seitdem ständig. Al Gore fasste die Faktenlage zu diesem Thema in seinem Film Eine unbequeme Wahrheit im Jahr 2006 eindringlich zusammen: Die Zeit rennt! In der achten Klasse, als wir die Dokumentation das erste Mal gezeigt bekommen, scheint das Problem noch weit entfernt zu sein. Ich denke, wir können uns zu gegebenem Zeitpunkt darum kümmern und mich persönlich wird es sowieso nicht mehr sehr stark betreffen. Doch ich könnte nicht weiter von der Wahrheit entfernt sein. Im Jahr 2018 wurde der Klimawandel überall sichtbar — in der Dürreperiode des Sommers und den daraus folgenden Ernteausfällen deutscher Bauern und Bäuerinnen, in rekordverdächtigen Waldbränden in Kalifornien und in immer stärker werdenden Stürmen auf dem gesamten Erdball. Natürlich bin ich heute längst alarmiert. Es kommt mir jedoch so vor, als bemerkten die Politiker*innen das Problem überhaupt nicht. Wenn sie über den Klimawandel sprechen, geht es bei den Maßnahmen lediglich um den angeblichen Verlust von Arbeitsplätzen, um kurzsichtige Lösungsansätze in der Land- und Verkehrswirtschaft und darum, wie sich Geflüchtete am besten fern halten lassen. Das wirkliche Problem scheinen sie nicht anzusprechen — und mit ihrer Politik schon gar nicht erst anpacken zu wollen.

Zwar werden wir junge Menschen an keiner der politischen Entscheidungen beteiligt, die sich etwa mit den Zukunftsfragen Kohleausstieg, Verkehrswende oder dem Bienensterben auseinandersetzen — deren Auswirkungen betreffen uns jedoch am stärksten.

Eine ungeahnte Entwicklung

Einige Monate nachdem ich im Herbst 2017 mein Studium der Kommunikations- und Politikwissenschaften begann, sitze ich zum Ende des Jahres in meiner Studenten-Wohnung. Es geht bei unserem Gespräch eines Abends über Fußball nicht um Tabellenkonstellationen oder Spielertransfers, sondern um den Umgang der deutschen Profivereine mit der Umwelt. Zwar sind wir uns auf der einen Seite einig, dass vor allem die großen Fußballvereine als gutes Beispiel vorangehen sollten und ihre Heimspiele so nachhaltig wie möglich gestalten müssten. Doch wir stellen ebenso einstimmig fest, dass das viel zu selten passiert. Vor allem wundern wir uns über den unnötigen Müll, der jede Woche durch vermeidbare Einweg-Plastikbecher in den Stadien anfällt, an denen beim Kauf eines Getränks vor allem in den großen Stadien etwa in Dortmund und München kein Weg vorbei führt. Gerade in einer Zeit, in der die Auswirkungen eines übermäßigen Plastik-Verbrauchs insbesondere auf die weltweiten Meere deutlich wird, sind 11.500.000 Einwegbecher pro Saison allein in den beiden höchsten deutschen Profiligen — ein Unding, meinen wir. Wieso werden einige Vereine ihrer Verantwortung gegenüber der Gesellschaft gerecht und verwenden Mehrwegbecher, wie die, die in meiner Studenten-Wohnung an dem Abend als Gläser herhalten, andere scheinen jedoch die Auswirkungen ihrer Entscheidung einfach zu ignorieren?

Es geht nicht nur um Politik.
Es geht verdammt nochmal auch um Zeit.

Also informiere ich mich gleich im Anschluss. Ich sitze gute zwei Stunden vor dem Laptop und lese mir Statistiken und Infografiken zum Becherverbrauch der Profivereine des deutschen Fußballs durch. Mehrwegbecher, die man vor allem von Konzerten und einigen Vorreitern beim Thema Müllvermeidung in der Bundesliga gewohnt ist, können im Schnitt 41-mal verwendet werden. Während die Meere im Plastik schwimmen und wir unsere Ressourcen eigentlich schonen sollten, bleiben die Bundesligisten weit hinter ihren Möglichkeiten zurück. Damit muss Schluss sein.

Mein persönliches Highlight in 2018: Live-Auftritt im WDR

Ich überlege, wie ich meiner Forderung am meisten Gehör verschaffen kann. Zwar hatte ich zuvor noch nie über das Starten einer eigenen Online-Petition nachgedacht und solche lediglich unterschrieben, in diesem Moment scheint mir das Folgende jedoch nur allzu selbstverständlich vorzukommen: Ich rufe change.org, die größte weltweite Petitionsseite, auf und klicke auf Petition starten.

Insbesondere in den Monaten seit meinem Abitur fragte ich mich, wie ich persönlich den größten Unterschied machen könnte. Nachdem ich lange Zeit jede mögliche Petition unterschrieb, der grünen Hochschulgruppe beitrat und auch etwas Wahlkampf machte, habe ich in diesem Moment endlich das Gefühl, mehr bewegen zu können. Ob Borussia Dortmund, der Verein, den ich vor allem aufgrund der Tatsache, dass er erst seit wenigen Jahren Einweg-Plastikbecher verwendet und davon mit über 1,5 Millionen pro Saison zudem die meisten, auswähle, jedoch wirklich auf mich hören wird? Ich bezweifle es.


Es werden nach meinem persönlichen Ja zur Kampagne sechs sehr aufregende Monate. Zuerst teile ich die Petition natürlich mit meinen Freund*innen auf Facebook und freue mich über jede einzelne Unterschrift. Doch richtig Fahrt nimmt die Unterstützer*innenzahl erst auf, als change.org die Petition in ihren Newsletter aufnimmt. Während ich in der Uni sitze, verfolge ich in den Stunden danach, wie die Nummer immer weiter nach oben geht. Am Ende des Tages sollen es über 30.000 Unterstützer*innen sein. Nach den ersten 72 Stunden der Petition, haben knappe 35 Tausend Menschen unterschrieben. Einige Wochen später unterstützt mich die Deutsche Umwelthilfe vor allem mit ihrem Fachwissen und den Kontakten zu den Bundesligavereinen bei der Durchführung der Petition.

Ob ein Verein wie Borussia Dortmund auf die Initiative eines 19-jährigen Studenten einlenken wird? Wohl kaum, denke ich.

Wir verschärfen nun den Druck auf die Entscheidungspersonen bei Borussia Dortmund. Da sich viele fragen, ob Mehrwegbecher überhaupt die ökologischste aller Alternativen, oder ob die im größten deutschen Stadion verwendeten Bio-Plastikbecher nicht doch nachhaltiger seien, klären wir die Unterzeichner*innen nun gemeinsam auf:

Die im Signal-Iduna-Park eingesetzten Einwegbecher aus dem Biokunststoff Polymilchsäure (PLA) haben mit Umweltschutz überhaupt nichts zu tun.[…] In einer industriellen Spülmaschine werden gerade Mal 100 Milliliter Wasser zum Reinigen eines Mehrwegbechers benötigt. Für die Herstellung von nur einem Kilo Mais sind bis zu 900 Liter Wasser nötig. Bioplastikbecher sind somit einfach kompletter Unsinn und reines Greenwashing! (gemeinsames Update der Petition)

Währenddessen nimmt die Öffentlichkeit um die Petition weiter an Fahrt auf. 82 Tausend Menschen — so viele, wie das Stadion des BVB fasst — unterschreiben bis März 2018 und helfen mit, dass nun auch die Medien über die Aktion berichten. Ich denke zurück an das Gespräch mit meinen Freunden nur wenige Wochen zuvor. Mit der richtigen Unterstützung scheint es doch nicht unmöglich zu sein, große Forderungen durchzusetzen, denke ich mir nun (großer Dank an dieser Stelle nochmals an das Team von change.org und die Deutsche Umwelthilfe). Diese Hilfe kommt zu diesem Zeitpunkt auch immer öfter in Form von Kommentaren. Viele sind Fans wie ich und konnten den Umstieg auf Einweg-Plastik einige Jahre zuvor nicht nachvollziehen. Und viele bewundern das Engagement, das mir zu diesem Zeitpunkt jedoch wirklich viel Spaß macht.

Der Durchbruch

Ein paar Wochen später sitze ich im Sommeranfang in Dortmund. Die Deutsche Umwelthilfe hatte mich kurze Zeit zuvor über den Termin mit dem Geschäftsführer der Borussia Carsten Cramer informiert und ich hatte die 500 Kilometer nach Dortmund gemeinsam mit einem Freund absolviert. Nun stehe ich in einem der Konferenzräume des Vereins und übergebe die inzwischen knapp 100.000 Unterschriften an die Verantwortlichen. Nach dem mehr als einstündigen Gespräch, das ausgesprochen freundlich und sachlich verläuft und in dem man deutlich merkt, dass die vielen Unterschriften einen Eindruck auf den Verein machen, verkündet dieser, dass er unsere Forderung erfüllt. Und ich bin erst einmal überwältigt. Sechs Monate, eine Handvoll Zeitungsartikel und ein Gespräch mit dem Geschäftsführer einer der besten Fußballvereine Europas später haben wir es nun geschafft.

Startseite von change.org nach dem Abschluss der Petition

So richtig realisieren werde ich es jedoch auch die Zeit danach noch nicht. Der Kicker und Sport1 berichten über den Erfolg, beim Feiern bekomme ich eine Benachrichtigung, dass wir in der BILD-Zeitung und der SportBild erwähnt wurden, auch die lokalen Zeitungen im Dortmunder Raum schreiben über die Kampagne. Ich lasse mir alle Artikel zuschicken, um sie aufheben zu können und begreife immer mehr, was wir da gemeinsam mit 100.000 Menschen erreicht haben. Langsam wird mir vor allem klar, dass das ohne die Unterstützung so vieler Menschen, das nötige Glück und die Bereitschaft des Vereins, auf die Fans zu hören, nicht möglich gewesen wäre. Wenige Wochen später steht zudem ein Fernsehteam des Bayerischen Rundfunks in meiner Wohnung in Bamberg, in der die Aktion im Dezember 2017 begann und ich werde an meinem 20. Geburtstag in eine Live-Sendung des WDR nach Köln eingeladen.

“Ich hoffe, ich sterbe, bevor sie hier anfangen”

Dieser Satz lässt mich im Sommer des vergangenen Jahres nicht mehr los. Er stammt von der Mutter Norbert Winzens, den ich auf der Ausbildung zum Climate Reality Leader in Berlin kennenlerne. Die Veranstaltung, die von Al Gore, dem ursprünglichen Initiator meines Interesses am Umweltschutz, geleitet wird, zeigt mir, wie es um unseren Planeten und um dessen Rettung wirklich steht. Norberts Familie wohnt mit drei Generationen und einer Vielzahl an Tieren auf einem Hof im Dorf Keyenberg in Nordrhein-Westfalen. Doch das Idyll steht vor dem Aus, da sich unter dem Ort Braunkohle befindet und der Tagebaubetrieb die Möglichkeit ausnutzt, die Familie gegen ihren Willen umzusiedeln. Ich suche Norbert auf und schreibe ein Porträt über die Menschen, die in der Debatte um einen raschen Kohleausstieg viel zu wenig Aufmerksamkeit bekommen. Ob die jetzige Bundesregierung ihre Energiewende Ernst meint, entscheidet somit auch darüber, ob der Hof der Familie und das gewohnte Leben bestehen bleiben können. Alles andere wäre nicht nur für die Winzens eine Katastrophe.


Was mich das Jahr gelehrt hat

Ein aufregendes Jahr geht somit zu Ende und ich denke zurück an den Abend, an dem meine Freunde und ich gemeinsam über den Müllverbrauch in den deutschen Fußballstadien sprachen. Niemals hätte ich damals für möglich gehalten, dass ich sechs Monate später — mit der richtigen Unterstützung — dafür verantwortlich bin, dass das meistbesuchte Stadion in Europa in Zukunft wieder auf Mehrweg setzt. Wenn ich an die vergangenen 12 Monate zurück denke werden mir zwei Dinge besonders klar: Zum einen befinden wir uns an einem Scheideweg, an dem wir entweder einfach so weiter machen wie bisher und damit den Planeten vor die Wand fahren oder endlich die Reißleine ziehen. Zwar befinden wir uns meiner Meinung nach auf dem richtigen Weg, indem immer mehr Menschen versuchen, Plastik im Alltag zu vermeiden und ökologischer zu leben. Doch das Tempo reicht im Ansatz nicht, um die Katastrophe zu verhindern — hierbei ist die Politik in der Pflicht.

Das kommende Jahr 2019 wird meiner Meinung nach ein Gradmesser dafür sein, inwieweit wir junge Menschen es schaffen, eine gemeinsame Stimme für unsere eigene Zukunft zu bilden. Als ich in der achten Klasse das erste Mal Näheres zur Umweltbewegung hörte, dachte ich, die Probleme ließen sich noch in vielen Jahren lösen — doch wir stecken nun schon mittendrin. Und es gibt darüber hinaus noch so viele andere Themen, die es wert sind, dafür zu kämpfen. Sei es Europa oder unsere Demokratie, sowie die Digitalisierung oder eine menschengerechte Einwanderungspolitik: in all diesen Bereichen muss unsere Generation nun endlich ein Mitspracherecht bekommen. Die letzten 12 Monate sind für mich persönlich ein Hoffnungsschimmer, da sie gezeigt haben, dass sich wirklich jede*r für seine Ideen einer besseren Welt einsetzen kann. Doch sie sind dadurch gleichzeitig auch eine Verpflichtung, diese Chance auch zu nutzen, damit uns unsere Zukunft nicht jetzt schon verbaut wird. Die beste Zeit, politisch zu werden, ist immer jetzt. Und die Zeit rennt!


An dieser Stelle möchte ich mich nochmals bei allen Unterstützer*innen der Petition einschließlich der Teams von change.org und der Deutschen Umwelthilfe — sowie bei Borussia Dortmund für deren Entscheidung — bedanken! Um weiterhin auf dem Laufenden gehalten zu werden, finden Sie hier mein Twitter-Profil, auf dem ich regelmäßig Updates posten werde: twitter.com/NickHeubeck.