Schicksal Braunkohle: Ein Dorf am Abgrund.

Was es mit Menschen macht, wenn sie wegen der Braunkohle ihre Heimat zurücklassen müssen und was uns das über den Protest gegen RWE sagt

Der 8.000 Quadratmeter große Hof der Winzens (Credit: Felix von der Osten)

Ich hoffe, ich sterbe, bevor sie hier richtig anfangen”, dieser Satz geht mir seit Wochen nicht aus dem Kopf. Er stammt von Norbert Winzens Mutter, die den gemeinsamen Hof der Familie in Nordrhein-Westfalen seit 74 Jahren ihr Zuhause nennt. Sie spricht davon, dass inmitten von Deutschland im 21. Jahrhundert noch immer Familien wie ihre zu Umzügen gezwungen werden, damit Energiekonzerne wie RWE weiter an der Braunkohle verdienen können. Tag für Tag rückt die Abbaukante des Kohlegebietes Garzweiler II näher an das Grundstück der Familie Winzen heran. Und mit ihr wird auch die Zeit bis zum Zwangsumzug immer knapper. Während nicht weit entfernt von Keyenberg der Hambacher Forst unter großen Protesten geräumt wird, versuchen gerade viele, auf die Vernunft des Spitzenpersonals von RWE zu setzen. Doch das Beispiel der Winzens zeigt, dass es dafür wohl nur wenig Grund zur Hoffnung gibt. Eine Geschichte über Wut, Unverständnis und Verzweiflung.

Norbert Winzen begegne ich das erste Mal im Juni diesen Jahres in Berlin. Es ist der zweit heißeste Sommer, den Deutschland seit Beginn der Aufzeichnungen erlebt. Viele deutsche Tageszeitungen und Zeitschriften behandeln das Thema des Klimawandels nun auch auf ihren Titelseiten. Konkret wird es für 600 Teilnehmer des Climate Reality Leadership Trainings in einem Berliner Hotel im Regierungsviertel. Sie alle sind gekommen, um als sogenannte Climate Reality Leader ausgebildet zu werden - ein Titel, der nach einer drei-tägigen Veranstaltung von der Umweltorganisation des ehemaligen US-Vizepräsidenten Al Gore vergeben wird. Norbert ist heute einer von ihnen, sitzt jedoch vor den Teilnehmern auf der Bühne, um hier seine eigene Geschichte zu erzählen. Ein letztes Aufbäumen gegen die wohl gewisse Zukunft der Familie. Es ist eine, wie sie im Rheinland seit den 1950er-Jahren schon über 40.000 Menschen durchleben mussten. Und es ist gleichzeitig eine, die gerade heute an Sinnlosigkeit kaum zu überbieten ist, da die Braunkohle ihren Zenit schon längst überschritten hat.


Norbert Winzen (Credit: Felix von der Osten)

Norbert steht auf seinem Hof. Diese 8.000 Quadratmeter voller Leben sind für ihn ein Ort tiefer Verbundenheit. Hier ist er aufgewachsen - er erzählt mir von seiner Kindheit, in der die Geschwister oft mit anpacken mussten. „Trotzdem eine insgesamt unbeschwerte Zeit“, so der inzwischen 53-Jährige. Die Familie lebt seit über sechs Jahrzehnten auf dem Grundstück. Neun Menschen in drei Generationen, zusammen mit Pferden, Schafen und anderen Tieren.

“Sobald die Scheune bis zum Dach gefüllt war, entstand daraus ein riesiger Spielplatz. Wir bauten Strohhöhlen, sprangen von selbstgeschaffenen Türmen und schafften uns Tunnel durch den Stroh. Sogar meinen 18. Geburtstag habe ich noch mit Freunden dort gefeiert. Es war insgesamt oft eine harte, aber auch eine unglaublich schöne Kindheit auf dem Hof.”

Doch nun steht das Dorf im wahrsten Sinne des Wortes vor dem Abgrund. Bis zum Jahr 2023 muss die Familie ihr Grundstück auf den Willen von RWE hin verlassen. Wie Vertriebene werden sie dann die vielen Erinnerungen zurücklassen müssen, noch dazu in dem Wissen, dass das Anwesen danach mit dem gesamten Ort und der Kirche abgerissen wird. All das beruht auf den sogenannten Enteignungsparagraphen §77 bis §83 im Bundesberggesetz. Hier wird erwähnt, dass eine Grundabtretung unter anderem zulässig ist, wenn sie “dem Wohle der Allgemeinheit […], insbesondere [der] Versorgung des Marktes mit Rohstoffen [oder] [der] Erhaltung der Arbeitsplätze im Bergbau” dient. Doch diese Paragraphen wurden, so zeigt die Erfahrung, zu oft im Sinne der Kohleunternehmen ausgelegt und zu selten wurde dabei auch der emotionale Verlust der Anwohner mit berücksichtigt.

Wütend waren die Winzens über das erste Ausweichangebot von RWE, das laut den Paragraphen Bedingung für eine Zwangsumsiedlung ist: 1.000 Quadratmeter und ein Geldbetrag als Ersatz für das achtmal so große Grundstück der Familie. “Wir haben die Fläche am neuen Standort nicht“, so hieß es von RWE. Das reicht jedoch bei Weitem nicht, um als Großfamilie mit allen Tieren umzusiedeln. “Und Großtiere wie Pferde sind im neuen Dorf ohnehin nicht mehr erlaubt“, klagt Norbert. In den drei Folgejahren versuchten die Winzens hartnäckig, das Angebot des Energieunternehmens zu verbessern. Keine leichte Aufgabe, wenn auf der einen Seite eine Familie ohne jegliche Erfahrung in solchen Verhandlungen steht - und auf der anderen ein Milliardenunternehmen, das Prozesse wie diese in und auswendig kennt. Schlussendlich hob RWE das Angebot auf 4.000 Quadratmeter an. Sie schlugen den Winzens jedoch ein Grundstück vor, das acht Kilometer vom geplanten Neu-Keyenberg und somit auch von all den Nachbarn der Familie entfernt liegt. Noch ein Grund, warum die Winzens bisher nicht gegangen sind.

Braunkohleabbau in Nordrein-Westfalen (Credit: Felix von der Osten)

Ob er sich denn nicht zur Wehr setze, möchte ich anschließend von Norbert wissen. Doch er winkt nur ab: “Wir werden ja gezwungen, mitzumachen. Selbst wenn wir uns an unserem Haus anketten würden, würden wir schlussendlich einfach enteignet und von der Polizei von unserem eigenen Hof getragen. Der Druck von RWE als Tagebaubetreiber ist immens!” Diese Worte könnten einem auf Anhieb übertrieben vorkommen - doch wer dieser Tage in den Hambacher Forst sieht, kann mit eigenen Augen genau das gleiche Vorgehen beobachten. Und auch in Keyenberg versucht RWE bereits, Fakten zu schaffen. Etwa, in dem sie im Ort regelmäßig mit SUVs patrouilliert und kürzlich auf dem Streckenabschnitt der Autobahn A61, der als Abgrenz-ung der Häuser zum Tagebau galt, mit viel Aufwand alle Autobahnbrücken abriss. Es geht darum, den Anwohnern zu zeigen, dass das Unternehmen überhaupt nicht dazu bereit ist, Kompromisse bei der Erweiterung des Tagebaus zu machen.

“Ich hoffe, ich sterbe, bevor sie hier richtig anfangen.” — Norberts Mutter, die seit 1945 auf dem Hof lebt

Für Norbert ist einer der Punkte, der ihn am meisten wütend macht, dass all das nicht mehr nötig wäre: “Schon vor zehn Jahren war klar, dass die Kohle durch erneuerbare Energien abgelöst wird. Ich bin wütend auf das RWE-Management, weil es seine Hausaufgaben nicht gemacht hat.” Er ärgere sich zudem über die Argumentation des Unternehmens, da auch den eigenen Mitarbeitern vorgegaukelt wurde, dass ohne die Braunkohle alles still stünde. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung stimmt ebenfalls zu, dass Keyenberg eigentlich noch zu retten wäre. Um die Klimaziele, denen sich die Bundesregierung verschrieben hat, noch zu erreichen, müsste der Kohleausstieg bis zum Jahr 2030 kommen. Damit würden die Braunkohlebagger das Dorf wohl nicht mehr erreichen und die Winzens könnten mit ihren Nachbarn dort wohnen bleiben.

Doch nach der Verkündung der Pläne richtete sich der Zorn nicht nur auf RWE, sondern auch auf die untätige Politik. Norbert erinnert sich noch an die Protestmärsche mit fünf- bis sechstausend Menschen aus den umliegenden Dörfern von vor dreißig Jahren. Damals sei die Hoffnung, den Verlust ihrer Heimat noch abwenden zu können, groß gewesen - auch, weil die Abbaukante des Tagebaus über 20 Kilometer entfernt war. “Doch immer wieder gab es Enttäuschungen, während die Bagger näher und näher kamen. Die Menschen sind müde und haben kein Vertrauen mehr in ihre Politiker. Viele haben bereits aufgegeben”, so Norbert. Die, die noch zur Wahl gehen, versuchen es inzwischen mit grünen Kandidaten - etwa bei der Landtagswahl im vergangen Jahr, bei der der Grüne Hans-Josef Dederichs in Keyenberg 25 Prozent der Stimmen erhielt. Im Vergleich dazu wählten ihn im gesamten Stimmkreis nur knapp sechs Prozent der Bürger. Daran wird deutlich, wie stark die Umsiedlung einen Großteil der Menschen in den betroffenen Dörfern bedrückt.

“Der Druck von RWE als Tagebaubetreiber ist immens”

Wie sich solch eine geplante Umsiedlung anfühlt, weiß auch Jens Hausner. Er lebt 550 Kilometer östlich von Norbert Winzen in Pödelwitz. Noch so ein kleines Dorf mit viel Geschichte und Heimatverbundenheit, dem in der Nähe von Leipzig ein ähnliches Schicksal wie Keyenberg droht. Jedoch war der Ort eigentlich gar nicht für den Braunkohleabbau vorgesehen: “Es gibt keine energiepolitische oder bergbauliche Begründung für die Tagebauerweiterung. Das heißt, die bleibewilligen Pödelwitzer sollen enteignet werden, weil das Bergbauunternehmen Mibrag, das in der Nähe Kohleabbau betreibt, damit Lärm und Staub verursacht”, so Jens. Das Unternehmen sei zunächst nicht bereit gewesen, die Lärm- und Umweltschutzauflagen einzuhalten und hätte in der Folge die Anwohner, die sich aufgeschlossen gegenüber einer zur Sprache gebrachten Umsiedlung äußerten, unterstützt. Eine Chance, auch noch die ursprünglich gar nicht eingeplante, unter dem Dorf gelegene, Braunkohle zu fördern.

Auch wir gehören dazu”, entgegnet Jens, wenn man die derzeitige Debatte zum Kohleausstieg anspricht. Deshalb hat er sich nun über den Weg einer Petition an die Öffentlichkeit gewandt - er fordert: Schafft die Enteignungsparagraphen für die Braunkohle ab! (Link zur Change.org-Petition)“Wenn sich die Kohle-Kommission Gedanken zu einem ‘sozialverträglichem’ Strukturwandel macht, muss sie sich auch mit Zwangsenteignungen und Dörfersterben auseinandersetzen”, so Jens, der seit vielen Jahren für den Erhalt seines Dorfes kämpft. Konkret fordert er die Abschaffung des bereits angesprochenen Enteignungsparagraphen im Bundesberggesetz, der solche Zwangsenteignungen ermöglicht. Es ist ein Versuch, seine Nachbarn und sich selbst vor dem drohenden Heimatverlust zu retten. Und sicherzustellen, dass auch in Zukunft kein Grundstück mehr für die darunter liegende Kohle weichen muss.

Auftritt von Jens Hausner in Leipzig (Credit: Pro Pödelwitz)

Und siehe da: Die Petition entpuppte sich bisher als ein Lichtblick. Nach über 94.000 Unterschriften übergab Jens Hausner sie dem ehemaligen CDU-Minister und Vorsitzenden der Kohlekommission Ronald Pofalla Ende September. Die inzwischen über 101.000 Unterschriften sind auch Ausdruck davon, wie die deutsche Öffentlichkeit zum Thema Energiewende steht. Einen Ausstieg aus der mit Abstand CO2-intensivsten Energieform befürworten laut derzeitigen Umfragen etwa zwei Drittel der Deutschen schon bis zum Jahr 2025. Und auch die Demonstrationen im Hambacher Forst zeigen, dass die Menschen eine Politik der schützenden Hand über der Kohleindustrie nicht länger hinnehmen. Zu Tausenden strömten sie in den vergangen Wochen in das kleine Waldstück, das mittlerweile längst zum Symbol einer verkorksten deutschen Energiepolitik geworden ist.


Jens Hausners Petition ist nur das prominente Ende einer jahrzehntelangen Reihe an Hilferufen gegen die Zwangsumsiedlungen. Doch in einem Moment, in dem die deutsche Öffentlichkeit ein so starkes Unverständnis für die Energieriesen wie RWE und die zuständigen Regierungen äußert, könnte es der letzte Anreiz für die Politiker sein, es endlich besser zu machen. Denn auch sie wissen, dass der Kohleausstieg sowohl aus ökologischer als auch aus wirtschaftlicher Sicht unvermeidlich ist. Die Frage ist, ob ein weiterer Aufschub Dörfer wie Keyenberg und Pödelwitz noch mitreißt oder ob sich die Verantwortlichen nun doch schneller bewegen als erwartet.

Das wäre natürlich auch Norbert Winzens Traum in Nordrhein-Westfalen. Denn wenn sich nichts ändert, werden die restlichen 700 Keyenberger ihre Häuser bis spätestens 2023 verlassen müssen. Sollte RWE bei seiner Linie bleiben, die Umsiedlungen vollständig durchzuführen und sollte die Politik dieser nicht den Riegel vorschieben, möchte Norbert Winzen das Leben auf dem Hof trotzdem noch in vollen Zügen genießen. Mich bei Kaffee und Kuchen auf den Hof setzen und mit meiner Familie und Freunden zusammen sein. Die Kinder spielen Fußball auf dem Hof, springen auf dem Trampolin oder spielen mit den Hunden. Es ist lebhaft laut - alle reden und lachen durcheinander. Großfamilienleben halt.” Eine wunderschöne Vorstellung.

Der Blick auf den Abgrund- wenige hundert Meter vom Hof entfernt (Credit: Felix von der Osten)

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