In einem Boot sitzen und das Ruder herumreißen.
Analogien wie diese aus der maritimen Welt sind beliebt, jeder Zuhörer erfasst ihre Bedeutung sofort. Im Gedächtnis haften bleibt solche
Populär-Rhetorik jedoch selten. Die Aufmerksamkeit ihres Publikums gewinnen Redner mit unkonventionellen, überraschenden Sprachbildern.

Mut zur Metapher: Die Kraft sprachlicher Bilder

Von Nicola Karnick

Entscheidungen vertreten, andere überzeugen, Gefolgschaft organisieren — wer sein Gegenüber für sich einnehmen will, sollte dabei auf gute Argumente, aber auch auf die richtige „Verpackung“ setzen. Einprägsame Sprachbilder sorgen dafür, dass Ihre Botschaft schneller verstanden und weitergetragen wird.

Es liegt in der Natur der Sache, dass im politischen Tagesgeschäft häufig Abstraktes verhandelt wird. Umso wichtiger ist es, sein Anliegen möglichst anschaulich zu transportieren. Bewusst eingesetzte Sprachbilder sind dafür ein bewährtes Vehikel. Sie können dabei helfen, spröde Sachverhalte zum Leben zu erwecken und Kompliziertes auf eine einfache Formel zu bringen. Auch ist bildhaftes Sprechen wie geschaffen dafür, die eigene Agenda plastisch und Machtansprüche geltend zu machen, ohne die Dinge direkt beim Namen zu nennen.

„Beinfreiheit“ — Klassiker politischer Rhetorik

Man erinnere sich nur an Peer Steinbrücks Forderung nach mehr „Beinfreiheit“. Eine Redefigur, mit der der damalige SPD-Kanzlerkandidat kurz vor seiner offiziellen Nominierung innerparteilich Terrain absteckte. Wenngleich seine Kandidatur längst Geschichte ist, lieferte der Herausforderer damit ein Paradebeispiel für die Gestaltungskraft bildhafter Sprache: Steinbrücks Wortwahl war ebenso simpel wie eingängig; sie versinnbildlichte das Vertrauensvakuum zwischen Kandidat und Parteibasis, wurde sofort verstanden und passte zur kantigen Attitüde des Redners. Nicht umsonst brachte es die „Beinfreiheit“ umgehend in sämtliche Schlagzeilen und wurde noch Wochen später eifrig zitiert.

Halbwertzeit des Gesagten erhöhen

Genau darin liegt die Stärke solcher Sprachbilder, die in der klassischen Rhetorik Metaphern heißen und die der spanische Dichter Federico García Lorca einst so treffend als „Reitersprung der Phantasie“ bezeichnete. Metaphern kurbeln das „Kopfkino“ an und bleiben deshalb beim Empfänger besser haften als sachlich-nüchterne Phrasen. Medien und vor allem die schnelldrehenden sozialen Netzwerke greifen plakative Formulierungen dankbar auf. Wer es versteht, bildhafte und griffige Botschaften zu senden, erhöht deren Halbwertzeit und hat die Nase vorn im Aufmerksamkeitswettbewerb.

In originelle Sprachfiguren investieren

Erfolgreiche Redner verwenden nicht ohne Grund viel Zeit darauf, ausdrucksvolle Sprachfiguren für ihren Vortrag zu finden. Welche Metapher trifft den Kern der Sache und das Herz des Zuhörers? Welche Assoziationen sollen geweckt werden? Um Auftritt und Wirkung zu perfektionieren, sollte man nicht allein auf sogenannte erstarrte Metaphern setzen, die aus dem alltäglichen Sprachgebrauch hinlänglich vertraut sind („an einem Strang ziehen“, „Paukenschlag“ u.Ä.); Profiredner und ihre Ghostwriter zeigen vielmehr Mut zu originellen Neuschöpfungen. Das geschieht durchaus mit Kalkül.

Wissenschaftliche Untersuchungen deuten darauf hin, dass unkonventionelle, überraschende Sprachbilder im Gehirn der Zuhörer eine erhöhte Aktivität auslösen – und welcher Redner wünscht sich diesen Effekt nicht?

Auf die richtige Dosis kommt es an

Erfahrene Sprecher wenden Metaphern trotzdem mit Bedacht an und wägen genau ab: Welche Analogien könnten sich womöglich als Bumerang erweisen? Ist ein Sprachbild aus moralischen oder taktischen Gründen nicht zu verantworten? „Metaphern können töten“, stellte immerhin vor Jahren der amerikanische Linguist George Lakoff in einem viel beachteten Aufsatz zur politischen Rhetorik der US-Administration fest.

Auch bei Metaphern gilt: Weniger ist manchmal mehr. Denn das schönste rhetorische Feuerwerk verpufft, wenn zu viele Raketen auf einmal abgefeuert werden. Es empfiehlt sich, lieber Zeit und Energie in die eine wirklich zündende Botschaft zu investieren, als am laufenden Band abgedroschene Vergleiche zu bemühen. Auf den Punkt formuliert, am Alltag der Zuhörerschaft ausgerichtet und wohl dosiert, sind Sprachbilder eine Bereicherung und gehören in den Instrumentenkoffer jedes Politikers. Sie machen eine Rede erst lebendig, halten das Publikum bei Laune und schärfen nicht zuletzt das Profil des Vortragenden.


Eine Erstfassung dieses Textes erschien im August 2014 als Autorenbeitrag im WEKA-Newsletter “Bürgermeister aktuell”.

(Fotos: Nicola Karnick)