Agilität ist eine Haltung

Agilität ist keine reine Methode, sondern eine Haltung. Auf die zugegebenermaßen zahlreichen Missverständnisse und Fehlanwendungen möchte ich an dieser Stelle nicht vertieft eingehen, empfinde es jedoch als ungerechtfertigt, diese als Vorwand für das Scheitern einer Methode anzuführen.

Agile Methoden erfordern das passende Mind-Set

Agile Methoden sind derzeit die meiner Meinung nach beste, um in unübersichtlichen Handlungsfeldern mit zu Beginn unklaren und häufig wechselnden Anforderungen überhaupt zum Ziel zu gelangen!
Die Alternativen (Wasserfall, pseudo-agil, gar keine Projektplanung) habe ich zu oft definitiv scheitern sehen — bei von mir selbst durchgeführten und in vielen externen Projekten.

Selbstverständlich entwickeln sich derlei Methoden beständig weiter — so basiert das Agile Manifest schliesslich auch auf den damals gewonnen Erkenntnissen und baut u.A. auf Lean Management, Kaizen und empirischen Befunden auf. Am Rande: das Manifest wurde bereits 2001 unterzeichnet und kann nach heutigen Zeitmaßstäben kaum als kurzlebige Modeerscheinung abgetan werden.

Natürlich kann jede Methode grundsätzlich mißverstanden und falsch angewandt werden. Hier kommt wieder die Haltung ins Spiel: Wenn die grundlegenden agilen Werte nicht tatsächlich verinnerlicht und tagtäglich gelebt werden, bleibt alles nur eine leere Methoden-Hülse, die vermutlich scheitern wird. 
Und: agile Methodiken sollen (und müssen!) immer für die jeweilige Organisation adaptiert werden — gerade darin liegt eine der Hauptstärken, da so ein hoffentlich fruchtbarer und anhaltender Diskussions- und Optimierungsprozess in Gang kommt.

Ich habe in vielen Firmen häufig erlebt, dass Scrum (als derzeit prominentester Vertreter agiler Entwicklungsmethodik) eingeführt wurde. Nach ein paar Wochen hieß es dann aber oft: „Wir sind total gefrustet, das funktioniert alles nicht.“. Auf Nachfrage wurde schnell klar, dass sehr oft Agilität „von oben“ diktiert wurde, die Mitarbeiter kein echtes Commitment eingehen (oder auch ablehnen) durften, Rollen kreuz und quer mehrfach besetzt wurden und wichtige Elemente wie Retrospektiven nicht ernst genommen wurden. Eigenverantwortung wurde zwar gefordert, aber im Tagesgeschäft dann wieder konterkariert — eine typische Double-Bind-Situation.

Der aus meiner Sicht jedoch wichtigste Aspekt ist jedoch: in der heutigen Software-Entwicklung, die natürlich von immer kürzeren Time-to-Market-Zyklen getrieben ist, ist sehr häufig zu Beginn überhaupt nicht klar, was überhaupt gebaut werden soll.
Das lässt sich meines Erachtens auf alle weiteren Produkt-Entwicklungs-Felder eigentlich aller Branchen übertragen, ohnehin ist heute fast alles stark software-getrieben. 
Es geht ja um neue Produkte, und nicht um den Nachbau eines bereits bestehenden (das passiert zwar auch recht häufig, aber Copycats und mee-too-Produkte bringen uns insgesamt kaum voran). Und auch nicht um Prozessoptimierung in Konzernstrukturen — dafür gibt es sicherlich bessere Methoden, von denen ich allerdings keine Ahnung habe.

Wenn also nicht klar ist, was genau und wie dieses (Software-)Produkt genau gebaut werden soll, sollte man kaum in die Illusion verfallen, man könnte das Ergebnis in irgendeiner Form vorwegnehmen und zuverlässig planen. Und agile Methoden erkennen eben genau dies an: schnell und zuverlässig zu einem sinnvollen Ziel kommen — wie auch immer dies definiert sein mag. Allein diese Diskussion von allen Projektbeteiligten darüber ist bereits extrem sinnvoll und wertschöpfend. 
Natürlich lassen sich so auch sehr elegant Produktideen am Markt testen, um qualifiziertes Feedback jenseits der üblichen Marktforschung einholen zu können (etwa im Sinne eines Prototypen oder eines MVP — „minimum viable product“).

Ich denke: Ja, „agil“ ist auch nur eine Methode, und diese kommen und gehen selbstverständlich über die Zeit. Aber solange nicht die nächstbessere am Horizont erscheint und sich in der Praxis als tauglich erweist, ist es kaum verkehrt, eine weltweit erprobte und — sofern korrekt angepasst und eingesetzt — Entwicklungsmethodik auch tatsächlich zu praktizieren. Mein pragmatisches Motto lautet hier: wenn Dir der Spatz in der Hand gefällt, füttere ihn ;-)

Auch gerade und vor allem, da ein wirklich agiles Mindset unweigerlich zu weiteren Veränderungen in Richtung Offenheit, Kreativität im eigenen Denken und der Organisation führen wird. Und genau das benötigen wir heute dringender denn je.

Nachtrag: Ich sehe übrigens die aktuellen Buzzwords wie Design Thinking, Nutzerzentrierung, Usability/UX-Design etc. als weitere mächtige Bausteine im agilen Methodenkoffer. Auch hier gilt: man muss nicht alles “overhypen”, aber man könnte ja mal schauen, ob das ein oder andere doch passt.

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