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Photo by Clay Banks on Unsplash

Ein neuer Blick aufs Korrigieren

Seit ich nicht mehr unterrichte, begegnen mir häufig Aussagen wie: “Na, dann bist du jetzt bestimmt froh, nicht mehr so viel korrigieren zu müssen.” Oder ähnlich. Die schlimmste Bürde der Lehrkraft — zumindest an weiterführenden Schulen — scheinen die Berge an Klassenarbeiten und Klausuren zu sein. Und natürlich spüre ich dabei den Reflex, diese Entlastung zu bejahen. Keiner Deutsch-, Englisch- oder Geschichtslehrkraft muss ich erklären, welchen Zeitaufwand Korrekturen insbesondere in der gymnasialen Oberstufe mit sich bringen. Auch für die anderen Fächer gilt das.

Aber: Wenn ich ehrlich bin, denke ich anders. In den letzten drei Jahren meiner Lehrertätigkeit habe ich nicht in erster Linie geächzt, wenn ich ans Korrigieren denke, obwohl ich Deutsch und Geschichte vorrangig in der Oberstufe unterrichtete. Woran liegt das? Am stressigsten sind mir Korrekturen in standardisierten Arbeiten wie “Prüfung 10: Deutsch” in Erinnerung, wo es darum ging, vorgegebene einheitliche Erwartungsbilder in Einklang mit dem eigenen didaktischen Gewissen und den individuellen Antworten der Schüler zu bringen. Stressig, obwohl der Korrekturaufwand um ein Vielfaches geringer ist als in Klausuren etc. Aber das, was üblicherweise pädagogischen Nackenschweiß und nächtliche Sonderschichten auslöst: Klausurberge in Grund- und Leistungskursen — das ist bei mir weniger in schlechter Erinnerung, als man denkt. …


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Photo by Tina Witherspoon on Unsplash

Unter dem Eindruck der Corona-Pandemie kam im Bildungsbereich eine Frage auf, die auch unabhängig von Corona sehr spannend ist:

Kann eine schriftliche Leistungsbewertung (Test, Klassenarbeit, Klausur) auch zu Hause erbracht werden? Wenn ja, wie?

Vor dem Hintergrund der herkömmlichen Auffassung von Leistungsbewertung stellt sich schnell die Frage der Gerechtigkeit: Die technische Ausstattung zu Hause ist höchst unterschiedlich; hier gibt es helfende Eltern oder Geschwister, dort nicht; den Betrügereien sind Tür und Tor geöffnet; Max engagiert dann seinen Nachhilfelehrer, der in der Zeit der Klassenarbeit neben ihm sitzt, während Luisa dafür keine Zeit hat, da sie in der Zeit ihrem kleinen Bruder helfen muss. …


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Photo by Guillermo Diaz Mier y Terán on Unsplash

Ein Appell in Corona-Zeiten

Ich war unsicher. Aber ein Gespräch mit meinen Schülern hat mir Sicherheit gegeben. Ich war unsicher, ob ich meinem Kurs zu viel Freiheit und Eigenverantwortung gebe. In einem Oberstufenkurs stand ich vor der Frage, wie ich den Heim-Unterricht in den 2 Wochen bis zur vermutlichen Rückkehr ins Schulgebäude am 04.05.2020 gestalte. Ich entschied mich dafür, die Schüler vor allem an einer komplexen Aufgabe (Analyse einer Dramenszene) intensiv arbeiten zu lassen und zusätzlich Möglichkeiten zur Vertiefung anzubieten, aber nicht verpflichtend anzuweisen. Mir fiel nämlich auf, dass die Schülerinnen und Schüler in der Corona-Zeit sehr unterschiedlich intensiv gearbeitet hatten. Ich schrieb dem Kurs in einem Text, dass ich dazu folgendes denke: “Die Bedingungen zu Hause sind bei euch sehr unterschiedlich: Geschwister, eigene Zimmer, Computer, Internet, Stresslevel in der Familie, Hilfe und Unterstützung, Risikogruppen, Faulheit.” Unmöglich, das bei jedem Einzelnen zu überprüfen. Also entschied ich mich dazu, die Verantwortung in die Hände der Schüler/innen zu legen. Ich machte ihnen klar, dass sie vor allem ihre eigenen Lücken in unserem Thema zu schließen hätten und anschließend vor allem die “große” Aufgabe der Dramenanalyse zu bewältigen hätten (woran schon seit geraumer Zeit gearbeitet wird). Das Gute: Ich kann den Schülern im Prozess des Schreibens Rückmeldungen geben und die Schüler/innen können ihren Text sukzessive immer weiter verbessern (formative assessment) — wenn sie denn an ihren Texten arbeiten. Mein Angebot: Wenn dann noch Zeit und Energie vorhanden wären, könne man sich bei den 6 Vertiefungsaufgaben bedienen, darunter Textaufgaben, aber auch kreative, wie z. B. ein “text snap”-Video mit lumen5.com zu erstellen. Videokonferenzen beraumen wir in der Corona-Zeit nicht zu jedem regulären Kurstermin an, sondern nur 1x pro Woche (asynchrones Vorgehen); eher um Allgemeines zu besprechen, das Soziale zu bewahren und Fragen zu klären, teilweise per “Bildschirm teilen” auch, um inhaltlich auszuwerten. Heute dann doch meine Zweifel: Gebe ich den Schülern zu viel Freiheiten, brauchen sie doch eher Termine, synchrones Vorgehen, etwas mehr Druck? Wie so oft bei Unsicherheiten besprach ich das direkt mit meinen Schülern. Nicht alle Schüler waren heute in der Videokonferenz, aber wiederum gab es für Abwesenheiten verschiedene Gründe. Und siehe da: Sie überzeugten mich sehr klar davon, dass unser Vorgehen richtig ist. “Wir sind alt genug”, hieß es, “niemand kann Ihnen vorwerfen, dass Sie nicht genug anbieten”, und: “Wer das nicht annimmt, ist selbst schuld.” Am wichtigsten: “Wer jetzt unverschuldet mehr Stress hat als andere, braucht sich nicht schlecht fühlen mit dem Mindestprogramm.” Das hat mich so überzeugt, dass ich folgenden Appell — gerade jetzt — loswerden möchte: Gebt den Schülern mehr Eigenverantwortung, bzw. so viel, dass sie damit umgehen können, und überlastet sie nicht mit Aufgaben, um dem heimlichen Antreiber der Lehrplanerfüllung oder des falschen Pflichtbewusstseins zu genügen. …


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Photo by Fezbot2000 on Unsplash

Eine pädagogische Sammlung

Die Gedankenfigur “Krise als Chance” ist alt und oft überstrapaziert. Diejenigen, die Chancen suchen, betreiben das jedoch in Krisenzeiten umso intensiver; und so hat die Formulierung derzeit Hochkonjunktur. Der Bildungsbereich steht im Scheinwerferlicht wie selten zuvor. Schulschließungen und Homeschooling haben dazu geführt, dass breite Teile der Öffentlichkeit über Bildung und Versäumnisse in diesem Bereich diskutieren. Wie ist die Lage?

Durch die verhinderte räumliche Nähe von Lehrkräften und Schülern steht die Frage im Raum, ob und wie Digitalität diese Lücke zu schließen vermag. Dabei ist das Digitale längst da, wir leben schon lange in einer digitalen Gesellschaft. Das wird dem einen oder anderen nun schlagartig klar. Im Sinne von Andreas Reckwitz (Das Ende der Illusionen. Politik, Ökonomie und Kultur in der Spätmoderne. München: Suhrkamp 2019) könnte man die derzeitige Situation der deutschen Bildungslandschaft als Emblem der Spätmoderne begreifen. Die digitale Disruption führt nicht zu einer linearen Progression, sondern zu Verwerfungen, die aufgrund der Vielzahl der Perspektiven, Entscheidungsebenen und Sinngebungen der Akteure zu Widersprüchen, Konflikten, Asymmetrien, Disparitäten und Polarisierungen führt (vgl. Reckwitz, S. 18f). Zeigefingerhebende Datenschützer vs. pragmatische Macher, digitale Kontrolleure vs. digitale Ermöglicher, Vereinheitlichung vs. Vielfalt, Teilhabe durch Digitalisierung vs. soziale Schere durch Digitalisierung, Kulturverfall vs. kulturelle Bildung, privat vs. staatlich, Prüfungstradition vs. Prüfungsinnovation: damit sind einige der disparaten Konfliktsichten in diesem Bereich angedeutet. …


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Photo by Marija Zaric on Unsplash

Formative Assessment in der Praxis

Seit 3 Jahren arbeite ich in der Oberstufe dort, wo es sich anbietet, mit der (von mir so genannten) Methode Master-or-Die. Auf Fortbildungen, Barcamps und ähnlichen Veranstaltungen stößt es regelmäßig auf Interesse, aber auch auf Skepsis. Jetzt werde ich eine weiterentwickelte Variante erproben (2.0), die ich hier vorstellen möchte.

Master-or-Die konterkariert die althergebrachte Auffassung von Leistungsbewertung. Es ist ein Beispiel des formative assessment. In unserer gegenwärtigen Schule herrscht vor allem das Gegenteil vor: summative assessment, die gesonderte Bewertung am Ende des Lernprozesses, in Form von Tests, Klassenarbeiten, Klausuren. Auch das führe ich natürlich nach wie vor durch.


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Photo by Jeff Kepler on Unsplash

Stellschrauben für besseres Lernen

2015 erschien in Großbritannien ein Buch, dessen Grundgedanken die beiden Autorinnen folgendermaßen beschreiben:

“We believe that the majority of teachers just need to ‘tweak’ rather than reinvent the proverbial wheel.”

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Übersetzt heißt das: Es gehe eher darum, dass Lehrer kleine Stellschrauben (“tweaks”) verändern, um zu Verbesserungen des Unterrichts zu gelangen, als das sprichwörtliche Rad (“the proverbial wheel”) komplett neu zu erfinden.

Die beiden Autorinnen Melanie Aberson und Debbie Light sind Lehrerinnen, die ihre Ideen zuvor in sozialen Netzwerken verbreiteten un diese nun in einem Buch zusammengefasst hatten.

Sie erläutern weiterhin, dass ihrer Meinung nach der Fokus auf dem Alltag statt auf sogenannten Leuchttürmen liegen sollte. Qualitativ hochwertige, machbare Lernangebote im Alltag seien wertvoller als herausragende Einzelprojekte, die keine Breite erreichen. Das Buch ist nach wie vor lesenswert und enthält eine Fülle von Anregungen, wie unsere gewohnten Unterrichtsaktivitäten mit kleinen “tweaks” verändert werden können. Ich bin dem Gedanken dieses Buches seither treu geblieben und möchte hier ebenfalls kleine “tweaks” aus meinem Erfahrungsbereich zeigen, um einerseits zur konkreten Nachahmung anzuregen, andererseits aber auch dem Grundgedanken zur Verbreitung zu verhelfen. Die vier hier beschriebenen “Stellschrauben” unterliegen keiner Systematik und sind eher das Produkt zufälliger Wahrnehmung. …


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Sind unsere Schulen Kerkersysteme?

In diesem Text geht es um einen Wiederholungsbesuch bei den Thesen eines provokanten Textes aus den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts. Michel Foucault beschäftigt sich in diesem Buch eigentlich mit der historischen Entwicklung des Strafwesens und dessen Kritik. Aufmerksamkeit hat es aber auch dafür auf sich gezogen, dass es einen Zusammenhang herstellt zwischen der Strafjustiz und der Gesellschaft allgemein und insbesondere zum Schulsystem.

Vom Gefängniswesen und der Justiz aus übertrage sich die “Vollzugstechnik” der Disziplinierung “auf den gesamten Gesellschaftskörper” — so auch explizit auf die “Schule” (S. 386). Nicht nur das Kerkersystem, sondern die gesamte Disziplinargesellschaft unterliege “seinen vielfältigen diffusen oder kompakten Formen, seinen Kontroll- und Zwangsinstitutionen, mit seinen diskreten Überwachungs- und mit seinen nachdrücklichen Zwangsmaßnahmen” (S. 386). Foucaults historische Betrachtung kommt zu dem Schluss, dass es im Strafwesen eine Veränderung gab: Weg von der Schuld und der “Verletzung eines allgemeinen Interesses” hin zu “Abweichung” und “Anomalie”. Diese “Bedeutung geistert durch die Schulen, die Gerichte, die Asyle und die Gefängnisse” (S. 387). Foucault illustrierte seine Thesen mit einigen historischen Abbildungen, die frappierende architektonische Ähnlichkeiten zwischen Gefängnissen, Hospitälern und Schulen aufzeigen. In dem folgenden Beispiel sieht man die starke Ähnlichkeit der königlichen Menagerie mit dem Grundriss eines Gefängnisses. …


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Photo by Thought Catalog on Unsplash

Wie ich digitales Lesen und Schreiben mit Schülern erprobe

Wenn es um das Thema “Lesen und Schreiben: analog oder digital?” geht, sind wir sehr schnell mit eigenen Bewertungen dabei: “Ich finde, dass die Handschrift nicht verloren gehen sollte!” — “Heutzutage arbeitet man doch in der Uni nur noch digital.” — “Ich greife immer noch gerne zum gedruckten Buch, das ist auch ein Stück Kultur.” — “Die Schüler müssen auch einfach mal gelernt haben, wie das geht, einen längeren Text per Hand zu exzerpieren!” — “Papierverschwendung und schwere Bücher schleppen”. Wie so oft ist man mit Schwarz-Weiß-Bewertungen schneller dabei als mit einer differenzierten Betrachtung. …


Eine kurze Auswertung

Dieser Text bezieht sich auf ein Unterrichtsvorhaben, das hier beschrieben wurde. Es ist also empfehlenswert, den anderen Text zuerst zu lesen. Hier möchte ich nun eine kleine Auswertung nachschieben.

Je mehr einer weiß, desto mehr bezweifelt er. (Voltaire)

Den Zweifel — Grundelement der Aufklärung — halte ich für ein äußerst lernwirksames Mittel. Planmäßig ist er jedoch schlecht herstellbar. Das fällt leichter, wenn man sich einer agilen Didaktik (vgl. Philippe Wampfler: Digitaler Deutschunterricht, S. 37ff) verpflichtet fühlt. Bemerkenswert war in unserem Projekt der Zweifel einer Schülerin. Ein Zweifel, der sich ganz lernförderlich auswirkte — und der von mir auch nach Kräften unterstützt wurde. Nach einigem Hin und Her hatte sich die Schülerin dafür entschieden, sich mit einem Roman von Jules Verne auseinanderzusetzen: In 80 Tagen um die Welt. Das nicht dünne Buch wurde in kurzer Zeit gelesen. Wie sollte nun die Aufgabe in der Klassenarbeit aussehen? Schnell brachte die Schülerin eine Aktualisierung ins Spiel: Wie würde der Roman adaptiert in die Gegenwart aussehen? Aufgrund der gewandelt Welt und er veränderten Transportsituation etc. könnte der Roman ja kaum so funktionieren wie damals. Dann aber kamen ihr Zweifel: Eigentlich geht es doch in dem Roman um ganz etwas Anderes, um gesellschaftliche Analyse. Und je mehr sie nachdachte (gelesen hatte sie längst), um so mehr interessierte sie sich für gesellschaftliche Implikationen — und sie las Stellen des Romans nun anders. Mit einem konventionell durchgeplanten Unterricht hätte ich diese Tiefe der Auseinandersetzung kaum erreicht. Die Schülerin stieß nun auf subtil untergebrachte rassistische Stereotype in dem Roman und brachte diese in Verbindung mit einem AfD-Wahlplakat, auf das sie in den Medien stieß. Fragen schlossen sich an: Wie sollte man mit solchen Stereotypen in der Literatur umgehen, zumal in historischer? Und weshalb funktionieren diese AfD-Plakate heutzutage? Welcher Denkmuster bedienen sie sich? Und auf welches (literatur-)historisches Erbe können sie sich stützen? Liebe Deutschlehrer, ganz ehrlich: Könnt ihr euch einen ambitionierter geplanten Deutschunterricht vorstellen? Ich habe ihn nicht geplant, aber dieser Schülerin den Freiraum dazu gelassen. Für die Klassenarbeit kamen ihr Zweifel: Ist das nicht ein zu weites Feld? Ist ein herkömmlicher Ansatz oder der ursprüngliche Plan des Umschreibens nicht erfolgsversprechender? Ich bestärkte sie wie gesagt im Zweifel und sagte ihr, sie solle sich auf beides vorbereiten. …


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Eine fächerübergreifende Lektüre-Idee zur Weimarer Republik

Ich schließe mich gerne den Worten Tucholskys an und empfehle dieses Buch, auch für den Unterricht, gerade in dieser Zeit. Es bietet sich besonders für das Thema Weimarer Republik im Fach Geschichte an, aber auch fachübergreifend (Deutsch) lässt sich damit arbeiten. Wahrscheinlich ist es in den meisten Fällen zu ambitioniert, von einer Gesamtlektüre auszugehen. Aber vielleicht setzt man einfach die hier vorgelegten Auszüge vor, arbeitet mit diesen und motiviert im besten Fall die eine oder andere Schülerin zur eigenen Gesamtlektüre. Die politische Situation in Deutschland und Europa 2019 rechtfertigt in besonderem Maße die Beschäftigung mit diesem Roman.

Worum geht es in dem Buch?

In der biografischen Skizze zum Autor aus der Ausgabe der Büchergilde Gutenberg (Frankfurt a. M. 2018) sind auch einige Sätze zu diesem Roman…

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Björn Nölte ☕

Teaching & Learning in Berlin, Germany — Referent in der Schulaufsicht der EKBO

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