Analyse literarischer Texte durch kreatives Schreiben

Eine einfache Idee mit großer Wirkung

Das erste Mal wurde ich im Studium an der TU Berlin mit dieser Idee durch Elisabeth Paefgen konfrontiert. Wir – die Seminarteilnehmer – wurden zu einem sehr genauen, auch stilistisch aufmerksamen Lesen von Kafka-Texten gezwungen, da wir eigene Texte „im Stil von Kafka“ schreiben sollten. Unsere Plagiate befütterten in konstruktiver Weise Frau Paefgens Diss. Jetzt, 20 Jahre später, setze ich diese Idee in meinem Deutschunterricht ein. Schüler des Jg. 11 lesen Kleist, Das Erdbeben in Chili (s. auch diesen Artikel).

Eine Aufgabe besteht darin, einen eigenen Text zu schreiben, der

a) Stilmittel und sprachliche Auffälligkeiten Kleists imitiert und produktiv umsetzt (Level 🔥)

b) nach Möglichkeit den Handlungsverlauf der Ausgangsgeschichte nachahmt (Level 🔥🔥🔥) und

c) in die Gegenwart verlegt (Level 🔥🔥).

Als Vorbereitung sammeln die Schüler stilistische Auffälligkeiten mit Textbeispielen. Sie arbeiten dabei kollaborativ mit GoogleDocs. Beispiel:

sprachliche Auffälligkeiten/Beispiele aus dem Text

Lange, verschachtelte Sätze, mithilfe von Einschüben und Beistrichen.

(S.2 Z.17–22) “Eben stand er, wie er schon sagt, an einem Wandpfeiler, und befestigte den Strick, der ihn dieser jammervollen Welt entreißen sollte, an eine Eisenklammer, die an dem Gesimse derselben eingefugt war; als plötzlich der größte Teil der Stadt, mit einem Gekrache, als ob das Firmament einstürzt,versank, und alles, was Leben atmete, unter seinen Trümmern begrub.”

Viel indirekte Rede

(S.9–10,Z.42–46)”Josephe sagte: so werden Sie mir wohl, Donna Elisabeth, diesen kleinen Liebling abnehmen, der sich schon wieder, wie Sie sehen, bei mir eingefunden hat. Sehr gern, antwortete Donna Elisabeth(….))

Eigenartige Formulierungen

(S.2, Z.17) “Das Leben schien ihm verhasst, und er beschloss, sich durch einen Strick, den ihm der Zufall gelassen hatte, den Tod zu geben.”

Anapher

“ […]Hier lag ein Haufen Erschlagener, hier ächzte noch eine Stimme unter dem Schutte, hier schrieen Leute von brennenden Dächern herab […]” (S.2, Z. 41 bis. S. 3, Z. 8)

recht viele Adjektive

“Eine geheime Bestellung, die dem alten Don, nachdem er die Tochter nachdrücklich gewarnt hatte, durch die hämische Aufmerksamkeit seines stolzen Sohns verraten worden war […]”

Auf der Grundlage dieser Sammlung erstellen die Schüler ihre eigenen Texte. Beispiel:

Der Ausbruch der Erkenntnis
Lise setzte ihren Fuße just in diesem Moment, die güldenen Schuhe bewundernd, welche sie jüngst erwarb, auf einen Stein, als ein Beben erscholl, welches sie nicht mit ihrem Schritte in Einklang zu bringen vermochte, und schier die ganze Welt zerrüttete. Demselben ging ein weiteres Beben nach, welches kaum möglich noch mehr den Stein schüttelte, welcher der Lise zu ebend noch als stützender Boden erschienen war, und die junge Maid blickte auf, mit höchster Konzentration im blassen Gesicht. Eine dunkle Wolke entstieg dem Horizont, verdunkelte die soeben noch kräftig strahlende Sonne und fuhr fort auf Lise, und der ihr im Rücken liegenden, mexikanischen Stadt, zu zu reisen. Dem ging ein ein Schwarm Vögel voraus, welche ihre Angst schrill kreischend, der Katastrophe mit Flügel und Feder zu fliehen versuchten und dabei der Aschewolke, als welche die dunkle Wolke nun zu erkennen war, die Schwanzfedern zu kehrten.
Das dritte Beben, welches Lise gen harten Erdboden geschickt hatte, war fürchterlichst zuzugeben nur ein Vorbote der noch folgenden Schrecklichkeit, denn nun schickte der Berg, welchen Lise jüngst anzusteuern gesuchte, grell scheinende Feuerkugeln gen Himmel, welche engelsgleich brennend, der Erde zu rasten.
Lise floh, von Brocken zu Brocken springend, der Stadt entgegen, wobei Beben um Beben ihre Füße von Erdboden erhoben und nur ihre Hände ihren Sturz abzufangen wussten. Ihre Gedanken zogen zu ihrer Familie, die sie aus Nöten fortgeschickt hatte zu heiraten, wen sie niemals zum Manne hatte haben wollen, denn er war grobschlächtig und Lise hatte salzige Tränen vergossen. Ein erster Bekannter hatte ihr Vorhaben unter schlechtem Sterne stehen sehen, ein Zweiter ihre Familie dringlichst gewarnt, sie fort zu schicken, ein Dritter ihr sogar die Arme um den Leib geschlungen, sie nicht gehen zu lassen. Doch die Not wog schwer und die Familie der Lise war nicht gewillt, ihre Trauer zu sehen und anzunehmen und hatten sie geschickt, sie aus ihrer Not durch Hochzeit zu befreien.
Und oh, wie weh tat ihnen die Brust, als der Vulkan giftige Dämpfe und feurige Kugeln ausspie und sie dachten, ihre Lise für immer verloren zu haben und sie niemals wieder zu sehen. Und wie lichter-hell ihre Liebe brannte, als die Lise unversehens zu ihnen zurückkehrte, denn es war ihr gelungen Schutz zu finden und sie schlossen sie in ihre Arme und bewahrten sie vor der Hochzeit und dankten dem Ursacher der Gnade, dass ihnen die Lise geblieben war.

[Um die Qualität dieses Textes zu beurteilen, ist der Leser aufgefordert, Kleists Original ebenfalls zu lesen.]

🚀 Didaktische Vorteile

  • Dadurch, dass die Schüler sprachliche Mittel nicht als Selbstzweck identifizieren müssen, sondern zum Zweck der eigenen Schreibvorbereitung, erhöhen sich Legitimation und Motivation der Aufgabe.
  • Dadurch, dass ein komplexer Text produziert werden muss, steht das einzelne sprachlich-stilistische Mittel nicht isoliert, sondern eingebunden in seine textliche Funktion.
  • Die Schüler bleiben in dieser Aufgabe im „Modus“ der Literatur und der Irrweg der Textanalyse als Erbsenzählerei kann (vielleicht) umschifft werden.