Der Fehler des Tages

Björn Nölte ☕
Mar 15, 2017 · 3 min read

Dass nicht nur defizitorientiert-ausmerzend, sondern produktiv mit Fehlern umgegangen werden muss, darin sind sich viele Pädagogen einig. Elizabeth Green illustriert das in Ihrem Buch Building a Better Teacher: How Teaching Works (and How to Teach It to Everyone) an vielen konkreten Beispielen aus dem Unterrichtsgeschehen, die meist situativ ungeplant entstehen und auf der Haltung der Lehrkräfte fußen. Hier soll nun eine Idee vorgestellt werden, die methodisch geplant zu produktiver Fehlerkultur beiträgt. In einer Woche werde ich auf der Basis meiner praktischen Erfahrung das letzte Kapitel mit der Reflexion der Methode ergänzen.

💡Die Idee

  • Die Schüler erhalten eine anspruchsvolle Aufgabe, in meinem Fall die Analyse einer längeren Textquelle im Geschichtsunterricht.
  • Nach der Erarbeitung werden die Ergebnisse mit einer Musterlösung und/oder im Plenum verglichen und ausgewertet.
  • Anschließend erhalten die Schüler dieses Blatt und gehen damit auf die Suche nach ihrem “produktivsten Fehler”.

Wichtig ist hier, dass den Schülern der Sinn dieser Übung verdeutlicht wird. Es geht nicht nur um Fehler im engeren Sinn, sondern auch um Fehlkonzepte, Schwierigkeiten etc. (siehe die Kreuzvarianten auf dem Zettel). Am besten legitimiert man den Sinn mit einem Beispiel, das aus dem betreffenden Unterricht stammt: Wo wurde vorher bereits ein Fehler oder eine Lernschwierigkeit genutzt, um den Lernweg zu reflektieren oder das Verständnis für alle zu klären?

Die Vorteile / didaktische Begründung

  • Anspruchsvolle Sicherung. Neben der inhaltlichen Sicherung findet hier eine Beschäftigung mit dem eigenen Lernweg statt.
  • Diagnose. Sie erhalten Einblicke, welche Schüler an welchen Stellen Lernschwierigkeiten hatten.
  • Selbstreflexion. Sie zwingen die Schüler zu einer Distanz zu sich selbst und zu der generellen Übung der Selbstreflexion.
  • Etablierung einer produktiven Fehlerkultur. Wenn Sie angemessen und nicht bloßstellend mit dieser Methode umgehen, gehen Sie einen Schritt in Richtung einer Lernatmosphäre, in der Fehler als regulär und produktiv empfunden werden können.
  • Haltung und Beziehung. Mit diesem kleinen methodischen Schritt zeigen Sie Interesse für das Lernen der Schüler — und nicht nur für “Ihren” Inhalt.
  • Zaghafte Lehrkräfte trauen sich, den Schülern anspruchsvolle Aufgaben vorzusetzen. Gehören Sie zu den Lehrern, die das Anforderungsniveau noch zu tief ansteuern, um auch alle Schüler “im Boot” zu behalten? Mit dieser Methode sind Sie gezwungen, die Schüler vor schwierige Herausforderungen zu stellen — denn es müssen ja Schwierigkeiten oder Fehler wahrscheinlich sein.
  • Geringer Aufwand der Vorbereitung — jederzeit spontan einsetzbar und somit auch variabel an den Unterrichtsverlauf anpassbar: Wenn Sie merken, dass die Schüler wenig Schwierigkeiten haben, können Sie darauf verzichten und die Stunde bleibt trotzdem “rund”.

🔬 Praxis-Erfahrungen mit der Idee

[Aktualisierung am 16.03.17:] In der heutigen Auswertung hat sich für mich das Potential dieses Ansatzes gelohnt. Die Schüler konnten zwar (fächerbedingt) weniger Fehler als vielmehr Lernschwierigkeiten benennen und diskutieren, doch der Ansatz erlaubte uns, detailliert über das Lernen ins Gespräch zu kommen, z. B. über die verschiedenen Stufen, zu einer Quelle eine passende Fragestellung zu formulieren. Anfangs verblüfft, zeigten die Schüler dann aber schon Verständnis für diese Methode. Ich werde das mit Sicherheit wiederholen.

Zur Fehlerkultur im Kollegium:

“[Mistakes] can only happen in a culture of high levels of trust, where colleagues regularly share their concerns about their own practice. When they do this, they are preparing the ground for holding others to account as well. When a culture has been created of high challenge, low threat, when all have taken the short amount of time to note the things that have gone well, then self-esteem is sufficiently high to own up to the mistakes and move practice on.” [Mary Myatt: High Challenge, Low Threat. 2015]

📚 Zur Vertiefung

    Björn Nölte ☕

    Written by

    Teaching & Learning in Potsdam / Berlin, Germany

    Welcome to a place where words matter. On Medium, smart voices and original ideas take center stage - with no ads in sight. Watch
    Follow all the topics you care about, and we’ll deliver the best stories for you to your homepage and inbox. Explore
    Get unlimited access to the best stories on Medium — and support writers while you’re at it. Just $5/month. Upgrade