Google Classroom

Meine bisherigen Erfahrungen

Eines vorweg: Meine bisherigen Erfahrungen sind positiv, die Rückmeldungen meiner Schüler sind positiv. Ich möchte mit diesem kurzen Erfahrungsbericht neugierig machen auf die Verwendung, ohne andere Systeme abzuwerten. An meiner eigenen Schule ist Moodle sehr verbreitet, viele andere Schulen und Kollegen arbeiten mit Microsoft Teams und es gibt mit Sicherheit viele weitere. Auf Google Classroom kann man wie auf all diesen Plattformen Kurse einrichten, Aufgaben verteilen und einsammeln, Rückmeldungen geben, die Schüler kollaborativ arbeiten lassen und den Schülern per Google Drive ein Archiv aller Aufgaben zur Verfügung stellen. Wer sich über die Funktionsweise informieren möchte, kann das z. B. über das verlinkte Video am Ende des Artikels tun. Die Nutzung ist für alle Beteiligten kostenfrei. Das hier soll kein technisches Tutorial sein, sondern ein sehr subjektiv gefärbter erster Erfahrungsbericht. Ich beginne profan: Das Handling ist der Konkurrenz nach meinem Eindruck überlegen. Oberfläche, übersichtliche Struktur und Eingängigkeit sorgen dafür, dass man sofort startklar ist und es Spaß macht, damit zu arbeiten. Die meisten Schüler sind an die Apps der G Suite (Docs, Tabellen, Slides etc.) gewöhnt, die auch in Classroom verwendet werden, so dass der Einstieg für viele einen Anschluss an gewohnte Arbeitsmuster bedeutet. Für Google bedeutet das auf der anderen Seite natürlich die Gewöhnung der User an die eigenen Produkte — einer der Preise, die zu zahlen sind. Schüler und Lehrer können eine App nutzen, mit der vollumfänglich sämtliche Funktionen verfügbar sind (im Unterschied z. B. zu der Moodle-App). Der Aufbau von Google Classroom besticht durch seine Schlichtheit. Ich habe im Kurs einen Bereich für allgemeine Informationen und Dateien wie Terminplan, grundsätzliche Tutorials methodischer Art u. Ä. im Bereich ÜBERSICHT.

screenshot Google Classroom CC BY Björn Nölte

Außerdem gibt es eine Übersicht der Themen des Kurses. Jede Ankündigung oder Aufgabe kann einem Thema zugeordnet werden, so dass die Schüler die Möglichkeit haben, nach Themen gefiltert zu suchen. Außerdem werden Abgabetermine für Aufgaben angezeigt. Es gibt einen abonnierbaren Google Kalender, mit dem die Schüler auf ihrem Smartphone an Termine erinnert werden können. All diese Elemente dienen der Transparenz und Übersicht.

screenshot Google Classroom CC BY Björn Nölte

Das Hauptelement ist der STREAM, in dem über das Plus-Zeichen Ankündigungen, Aufgaben und (Um)Fragen gepostet werden. Jeder Beitrag lässt sich wiederverwenden, praktisch z. B. bei ähnlichen Aufgaben aus einem Parallelkurs oder aus dem letzten Jahr. Man kann dann sehr einfach einstellen, ob die erstellte Aufgabe für den gesamten Kurs oder nur für einen Teil oder einen einzelnen Schüler sichtbar sein soll. D. h. hier lässt sich eine sehr elegante Form der Differenzierung durchführen. Überflüssig zu betonen, dass es im Falle von Krakheit oder anderem Fehlen sehr einfach ist, betroffene Schüler zu versorgen. Außerdem lassen sich Postings für Schüler unsichtbar als Entwurf speichern oder zu einem geplanten Zeitpunkt im Stream veröffentlichen. Der Arbeitsprozess hat sich für mich und die Schüler verändert.

»Ich find es super, dass ich mir im Bus auf dem Smartphone nochmal die Hausaufgaben ansehen kann.« (Schülerin P.)

Für die Schüler ist z. B. bedeutsam, dass die Aufgaben mit einem Abgabetermin belegt sind (bzw. belegt werden können — manchmal ist es sinnvoller, ohne Termin zu verfahren). D. h. ich gebe immer weniger vor, was jetzt in dieser Stunde von jedem zu tun ist, sondern die Schüler teilen sich ihr Arbeitspensum selbständiger ein. Mein Eindruck ist, dass die zur Verfügung stehende Zeit dadurch effektiver genutzt wird. Ist man schnell, sieht man sich schon andere Aufgaben an, teilweise kann man in Ruhe noch einmal zu Hause überarbeiten. Auch die Schüler können im Stream posten, gegenseitig kommentieren oder überarbeiten. Der Urheber eines Beitrags entscheidet dabei immer über die Bearbeitungsrechte.

Feedback / Rückmeldekultur

Der übliche Arbeitsprozess verläuft so: Nach einem Stundeneinstieg sehen die Schüler ihre Aufgabe in Google Classroom, entscheiden sich für eine Vorgehensweise und beginnen zu arbeiten. Meist kann ich als Lehrer den Arbeitsprozess live verfolgen. Die Sichtbarkeit auf dem eigenen Bildschirm offenbart doch noch ganz andere Einblicke, als es der Blick über die Schulter beim Herumgehen könnte. Ich kann dann — falls erforderlich und gewünscht — direkte Rückmeldungen geben, die vom Schüler sofort umgesetzt werden können. Bei näherem Interesse für dieses Vorgehen, im Expertenduktus Formative Assessment genannt, empfehle ich diesen kurzen Text:

Sind die Schüler mit ihrem Ergebnis fertig, können sie in Google Classroom auf ABGABE klicken. Auf der Lehrerseite erscheint die Aufgabe dann bei diesem Schüler als ERLEDIGT und man kann sich den Text als GoogleDoc (oder was auch immer eingereicht wurde) ansehen. Wenn man möchte, kann man das Ergebnis bewerten. Noten kommuniziere ich gar nicht über Classroom, dafür haben wir in Brandenburg ein ziemlich gutes System namens weBBschule, dass vom Schulministerium über Landesserver datenschutztechnisch abgesichert sehr gut funktioniert. Trotzdem möchten viele Schüler oftmals eine quantifizierte Rückmeldung. In einem Kurs habe ich z. B. die Absprache, dass zwei Schüler keine Zahl erhalten, der Rest bekommt Rückmeldungen in Form von Prozentzahlen; all das ist über Google Classroom einstellbar und sehr leicht anzuwenden.

CC BY Daniel Falk

“Kriegen wir zu dem Banksy-Text noch eine Rückmeldung?”

Ein gewisser Stress erwuchs aus anderer Richtung: Die Schüler ersehnen Rückmeldungen. Sie sind sehr stark an direkte, zeitnahe Rückmeldungen zu ihren Produkten gewöhnt , sei es durch den integrierten Einsatz von GoFormative.com oder direkt durch Google Anwendungen. Daher kommt es zur vermehrten Einforderung von Rückmeldungen (oft zu allem, was die Schüler irgendwie auf Classroom erarbeitet haben). Das ist ein interessantes Phänomen. Es zeigt, wie wichtig Feedback für den einzelnen Schüler ist, es zeigt mir mit dem Ansteigen der Nachfragen auch, dass beim verstärkten Einsatz digitaler Instrumente die Selbstverständlichkeit von Rückkopplungen steigt, d. h. Schüler verbinden meinen digitalen Unterricht mit dem Vorhandensein oder der Option für Rückmeldungen, jedenfalls mehr als im herkömmlichen Unterricht. Schriebe der Schüler seine Kommunikationsanalyse im Hefter statt über Google, würde er wohl kaum — oder wahrscheinlich seltener — auf die Idee kommen, mich nach einer Rückmeldung zu fragen. Die Nachfragen erzeugen bei der Lehrkraft natürlich zunächst einen Druck — ähnlich dem der Nachfragen nach korrigierten Klassenarbeiten — auf der anderen Seite freue ich mich ehrlich gesagt aber auch, da ich denke, dass die Schüler ihren Aufgaben mehr Relevanz zusprechen, wenn sie mich nach Rückmeldungen fragen. Ich wünsche mir, dass wir Wege finden, die Abhängigkeit der Schüler von meinen Rückmeldungen zu verringern zugunsten von Rückmeldungen durch andere Schüler oder durch Self-Assessment.

Welche Form von Feedback kann man als Lehrkraft geben?

Ein Kollege lässt seinen Schülern die Wahl bei der Benutzung verschiedener Lernplattformen:

Mehrere Gründe sprechen aus meiner Sicht dafür, die gleiche Plattform für alle Schüler einzusetzen. Natürlich ist es ein hohes Gut, wenn Schüler sich anlassbezogen selbständig für eine Anwendung entscheiden. Zur Reflexion baue ich dann oft den Schritt ein, dass die Schüler ihre Wahl begründen müssen. Die Ergebnisse landen dann aber bei mir immer zentral in Google Classroom, damit für mich und den Schüler die Übersicht gewahrt bleibt. Nach Art eines Portfolios bleiben jedem Schüler seine Arbeitsergebnisse der vier Kurshalbjahre in seinem Google Drive-Ordner erhalten — auch zur Abiturvorbereitung.

Kein digitaler Zwang

Ich setze Google Classroom ohne digitalen Zwang ein. D. h. bei fast allen Aufgaben können sich die Schüler entscheiden, ob sie die Aufgabe auf Papier oder digital erledigen. Die Aufgabe steht immer auf Google Classroom. Das hat auch den Vorteil der Archivierung. In meinem Klassenzimmer können die Schüler auf stationäre PCs, iPads oder private Geräte (Laptops, Smartphones, BYOD) zugreifen. Google Classroom ist plattformübergreifend überall nutzbar. Im nachfolgenden Tweet kann man sehen, auf welch unterschiedliche Weise die Schüler mit der gleichen Aufgabenstellung umgehen. Analoge Arbeitsergebnisse können von den Schülern natürlich im Handundrehen mit der App hochgeladen werden. Ein Vorteil: Wir können bei den unterschiedlichen Vorgehensweisen Vor- und Nachteile und individuelle Vorlieben reflektieren.

Schüler L. mit leuchtenden Augen: »Dann haben wir ja jetzt komplett ein papierfreies Klassenzimmer!«

Außerdem genießen die Schüler bei mir das Privileg, ihre Arbeitsergebnisse oder Materialien im Klassenzimmer 🖨auszudrucken. Das kommt relativ selten vor und der Druckaufwand ist noch immer immes geringer als beim Kopieren von Arbeitsblättern für jeden Schüler.

Die Digitalisierung der Aufgaben führt dazu, dass Bilder, Videos und Audios aller Art eingebunden werden können und auch von den Schülern produziert werden können. Das Spektrum der Möglichkeiten wird erhöht, ohne dass automatisch besser gelernt würde. Wie das jeweilige Setting gestaltet wird, hängt immer noch vom Lehrer ab, aber dessen Entscheidungsspielraum ist größer.

Hohe Kompatibilität

Ein weiterer Vorteil von Google Classroom ist die hohe Kompatibilität mit unterschiedlichen Dateiformaten. Mir ist noch kein Dateiformat begegnet, das von einem Schüler nicht als Assignment angehängt werden konnte. Wenn Schüler beispielsweise an LibreOffice gewohnt sind wie an meiner Schule, schreiben sie dort ihre Texte und posten sie bei GoogleClassroom, das ist möglich. In der iPad-App kann diese Datei dann allerdings nicht angezeigt werden (oder man benötigt einen entsprechenden Interpreter). Kollaboratives Arbeiten ist natürlich leichter möglich, wenn die Schüler in GoogleDocs schreiben. Die Schüler sollten also ihre Dateien vor dem Posten in ein gängiges Format konvertieren; oder — und dazu bin ich jetzt vermehrt übergegangen — ich stelle von vornherein GoogleDocs zur Bearbeitung bereit. An dieser Stelle lassen sich mit den Schülern sehr gut die Mechanismen der Digitalindustrie thematisieren. Die Vielfalt einsetzbarer Apps und Datei-Formate führt zu einer größeren Vielfalt in der Form der Arbeitsergebnisse, z. B. auch zu der Möglichkeit, statt eines geschriebenen Textes eine Audio-Aufnahme einzureichen.

»Das Abgeben meines Textes als Audio-Aufnahme hat mir zu Hause sehr viel gebracht. Ich musste mir alles nochmal genau durchdenken.« (Schülerin M.)

Das führt nicht nur zu größerer Motivation der Schüler, sondern auch dazu, dass ich als Lehrer motivierter bin, mich mit den individuellen Ergebnissen auseinanderzusetzen und mit den Schülern teilweise in einen Rückmelde-Überarbeitungsprozess eintrete, der zu besseren Ergebnissen und zu Metareflexion und höherer Verantwortungsübernahme der Schüler für eigenes Lernen führt. Erhebliche didaktische Werte, die sich nicht zwangsläufig oder automatisch einstellen, aber m. E. durch den intelligenten Gebrauch von Google Classroom wahrscheinlicher erreichbar werden.

Leistungsbewertung

Spannend war für mich die Frage, wie sich der Einsatz von GoogleClassroom auf die Leistungsbewertung auswirkt. Ich berichte dazu zunächst (live), wie ein Test in Geschichte stattfand, um danach das Verfahren zu bewerten. In diesem Moment, in dem ich diesen Text verfasse, sitzen meine Schüler des Leistungskurses Geschichte an einem Test zum Thema Aufklärung. Die Aufgabe befindet sich für die Schüler auf Google Classroom in der Anwendung Formative (siehe screenshot). Der große Vorteil von Google Classroom liegt hier in der leichten Implementierung dieser externen Apps. Z. B. in Moodle könnte ich natürlich auch einen link posten, aber die Schüler müssten sich dann noch einmal neu mir einem Account in GoFormative anmelden, während sie hier direkt auf der Aufgabenseite landen, da ich GoFormative als Lehrer vorher verknüpfen konnte.

Ich sehe jetzt live, welcher Schüler wie vorgeht. X schreibt sich z. B. bei einer Frage nach deutschen Aufklärern zunächst die Namen ins Antwortfeld, um dann andere (für X leichtere) Aufgaben zu bearbeiten und kehrt dann zu der Aufgabe zu den deutschen Aufklärern zurück.

GoFormative: Ansicht 1 zum Live-Verfolgen der Schülerbeiträge

Diese Veränderung bringt für die Leistungsbewertung m. E. einen großen Vorteil. Es wird nicht mehr geprüft, wie gut man sich unter Anspannnung linear auf die Aufgaben der Reihe nach konznetrieren kann, sondern Veränderbarkeit, Erweiterbarkeit etc. sorgen für ein realistischeres Abbild der Leistung im Rahmen der Arbeitszeit.

GoFormative: Ansicht 2 zum Live-Verfolgen der Schülerbeiträge

Eine gute Beschreibung der Funktionsweise und des didaktischen Potentials von Formative findet sich hier:

Wie man auf dem folgenden Screenshot sehen kann, hat J. sich entschieden, nicht am Computer zu schreiben, sondern auf Papier.

Sein Ergebnis bekommt auch er anschließend als GoogleDoc-Rückmeldung. Für mich ist es höchst interessant zu sehen, wie sich sein Arbeitsprozess von dem der anderen unterscheidet. Alle digital arbeitenden Schüler überarbeiten ihre Antworten im Verlauf der 45 Minuten — sei es nur durch Korrekturen der sprachlichen Richtigkeit oder durch neu eingefügte Absätze, Streichungen oder (besonders raffiniert) in einem Fall: zwei Lösungen aufzuschreiben und sich kurz vor Abgabe zu entscheiden und eine der Aufgaben zu streichen. J. nahm keine oder kaum Änderungen vor — die handschriftliche Form hinderte ihn daran nach meiner Beobachtung im Vergleich zu den anderen. 8 Minuten vor Testende gab J. seine handschriftlichen Ergebnisse ab…

Die Kritik: Behaviorisierung des Lernens?

Es kommt auf die didaktischen Entscheidungen des Lehrers an, ob das geplante und durchgeführte Lernsetting der befürchteten Behaviorisieriung entspricht oder eine anspruchsvolle Verwirklichung des 4K-Modells wird.

4K-Modell des Lernens

  • Kommunikation
  • Kollaboration
  • Kreativität
  • Kritisches Denken

Mit Google Classroom ist beides möglich: Behavioristisches Bulimie-Lernen genauso wie anspruchsvolles 4K-Lernen, so wie es Lisa Rosa dargestellt hat:

CC BY Lisa Rosa: https://shiftingschool.wordpress.com/2016/10/24/welche-digitale-bildungsrevolution-wollen-wir

Es kommt nicht auf die App an, sondern auf das Lernen. Die Möglichkeiten für die rechte Seite der Tabelle erhöhen sich mit Google Classroom.

Datenschutz

Ich muss dazu etwas etwas schreiben, da ich weiß, dass viele Fragen diesen Punkt betreffen.

Meine grundsätzliche Haltung dazu geht in diese Richtung:

@danianduchamps hat hierzu einen sehr treffenden Text geschrieben:

Meine Schule ist bei Google registriert, so dass wir regulär als Bildungseinrichtung das System nutzen. Als registrierte Schule verwalten wir die Accounts der Schüler selbst. Kein Schüler muss sich einen privaten GoogleAccount zulegen oder sich mit seiner privaten Email-Adresse anmelden. Wir erstellen für jeden Schüler eine eigene (fiktive) Email-Adresse, mit der der Zugang zu GoogleClassroom möglich ist. Damit können die Schüler zwar keine Emails empfangen, sie können aber über den Desktop-Zugang oder die mobile App sämtliche Funktionen, inklusive des gegenseitigen Kommentierens nutzen. Selbst im datenschutztechnisch abgeregelten Süddeutschland scheint diese Vorgehensweise in Ordnung zu sein:

Nach Rücksprache haben einige Schüler nun auf eigenen Wunsch den Account mit dem persönlichen Google-Konto verknüpft, um nicht auf dem Handy zwischen zwei Accounts hin- und herwechseln zu müssen und die Kalenderintegration noch einfacher zu realisieren.

Es ließe sich natürlich noch sehr viel mehr schreiben, möglicherweise ergänze ich meinen Bericht demnächst. Auf der wikipedia-Seite zu Google Classroom findet sich weitere links zu Tutorials u. ä.: