Lernen Schüler immer dann am besten, wenn sie es gar nicht sollen?

350.000 Lehrer machen sich in Deutschland wochentags darüber Gedanken, wie ihre Schüler*innen am besten lernen (oder sollten es zumindest). Bei der Lektüre von Felix Stalder , Kultur der Digitalität (erschienen bei Suhrkamp im Mai 2016), begegnete ich dem Begriff der community of practice. Er fokussiert die Erkenntnisse von Jean Lave und Étienne Wenger,

dass professionelles Lernen in den meisten Fällen (etwa bei Hebammen in einer ihrer Fallstudien) nicht als einseitiger Wissens- oder Fertigkeitstransfer stattfindet, sondern sich wesentlich als offener Austausch zwischen Personen mit unterschiedlichen Wissens- und Erfahrungsniveaus vollzieht, häufig außerhalb formaler Lernumgebungen. [Stalder, S. 135]

Außerhalb formaler Lernumgebungen… könnte das auch bei schulischem Lernen so sein? »Aber«, werden viele sagen: »Lave und Wenger bezogen sich auf Professionswissen von Hebammen; das ist nicht vergleichbar mit schulischer Bildung! Erwachsenenbildung ist etwas vollkommen anderes!« Stimmt beides. Auf der anderen Seite gibt es eine Reihe von Erfahrungen, die durchaus Grund zu der Vermutung nahelegen, dass das Lernen außerhalb formaler Lernumgebungen besonders effektiv ist.

Ich habe zum Beispiel mit Schülern die Erfahrung gemacht, dass das Lernen in meinen AGs (z. B. in einer Film-AG) für die einzelnen Schüler teilweise bedeutsamer war als das Lernen im Unterricht. Selbständigkeit, Verantwortungsübertragung, Lernen in größeren Zusammenhängen jenseits schubladiger Unterrichtsfächer führten dazu, dass sich die Schüler daran noch eher erinnern als an den aufwändigsten Geschichtsunterricht. Selbst veranstaltete Kulturabende, Poetry Slams, Lernen an außerschulischen Orten — hier zeigten sich immer besondere Lerneffekte, die nicht mit dem Lehrer-Imperativ »Hier sollst du jetzt lernen!« daherkamen. Selbstverständlich lernt man auch im Unterricht 😉. Der Effekt des Lernens außerhalb formaler Lernumgebungen beruht meines Erachtens aber nicht nur auf der Abwesenheit von Unterricht und allen damit zusammenhängenden Zwängen, sondern hat eine eigene Qualität.

Ähnliche Beobachtungen mache ich als Seminarleiter im Referendariat. Wo beobachte ich bei meinen Referendaren oftmals ganz besondere Lernleistungen? Dort, wo der formale Weg der Lernumgebung verlassen wird: Bei einer Exkursion an Schulen in Nordirland, beim eigentlich nicht vorgesehenen Team-Teaching von Referendar und Seminarleiter oder etwa, dann, wenn ich Referendare als meine Kollegen „auf Augenhöhe“ mitnehme zu Fortbildungen, die wir gemeinsam an Schulen abhalten. Das Gemeinsame dieser Aktivitäten am Rande ist schnell ausgemacht:

  • Erhöhung der Selbständigkeit durch Übertragung von Verantwortung
  • Abbau von Hierarchie bzw. Statusunterschieden und damit
  • Neujustierung der Beziehungsqualität
  • Zielrichtung komplexerer Projekte oder Arbeitsergebnisse

Meine Schlussfolgerung lautet nicht, formale Lernwege komplett zu verlassen, vielleicht aber lassen sich die o. g. Erkenntnisse in den pädagogischen Alltag integrieren?

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