Quizze als Bestandteil zeitgemäßer Bildung?

Ein Praxisbericht

Björn Nölte ☕
Jul 7, 2018 · 4 min read

Die Begeisterung für digitale Quizze: An einigen Orten ist sie ungebrochen, an einigen ist sie schon wieder Geschichte. Kürzlich lernte ich den Leiter eines sogenannten „Landesmedienzentrums“ kennen, der auf meine Frage, was er denn mit Lehrkräften in Fortbildungen mache, sofort antwortete: „Zuerst kommt eine theoretische Einführung und am Ende spiele ich Kahoot, das kommt immer gut an.“ Doch die Zeit, in der Kahoot, learningsnacks & Co überall bei jeder sich bietenden Gelegenheit zum Einsatz kamen und für Furore und Staunen sorgten, ist inzwischen einer gesunden Skepsis gewichen: Die Abfragerei im Stil von Fernsehshows könne ja nur den sogenannten Anforderungsbereich I bedienen, also das Erlangen von isolierten Einzelkenntnissen ohne z. B. das Herstellen von Zusammenhängen oder gar eine (fachspezifische) Beurteilung. In den Quizfragen wird der Geist von F. B. Skinners learning machines aus den 50er Jahren wiedererkannt, daran kann auch die große Begeisterung bei ihrem Einsatz nichts ändern. Heißt das jetzt, gegen die „Quizifizierung“ vorzugehen oder zumindest ein breites Bewusstsein dafür zu schaffen, dass das zwar Spaß macht, aber nichts mit zeitgemäßer Bildung zu tun hat? Oder gibt es Wege, auf denen die hohe motivationale Kraft der Quizze (für Schüler und Lehrkräfte) mit den Ansprüchen einer zeitgemäßen, tiefgründigen Bildung vereint werden kann? Ich möchte mit praktischen Erfahrungen aus dem letzten Schuljahr dazu einen Teil der Antwort geben.

Variante 1: Schüler reflektieren über Quizze

»Damit kann man in Spanisch super Vokabeln lernen, aber in Deutsch ist das ziemlich oberflächlich.« [Schüler]

In diesem Zitat zeigt sich, dass Quizze immerhin als Anlass dienen können, um ein kritisches Schülerbewusstsein zutage zu fördern, um dann sinnvolle Anwendungsgebiete anzusteuern. Wie gelangen Schüler zu solchen Aussagen?

  • durch eine Lernatmosphäre, die von Offenheit, Kritikfähigkeit und erwünschten Fragen gekennzeichnet ist
  • durch beherztes Bewusstsein des 4K-Modells, hier insbesondere des Kritischen Denkens

Noch geeigneter (und konkreter) ist folgendes Vorgehen: Zu vielen Lerngelegenheiten offeriere ich den Schülern eine breite Auswahl von möglichen Lernprodukten, darunter auch die Erstellung von Quizzen. Eine Teilaufgabe besteht dann stets darin, die Auswahl des erarbeiteten Produkts zu begründen und zu reflektieren. Bei dieser Gelegenheit werden dann durchaus Limitierungen (und Möglichkeiten) dieser Form deutlich.

Variante 2: Quizfragen als Diskussionsanlass benutzen

Im Deutschunterricht setzte ich Quizizz unkonventionell ein, indem ich nicht von Frage zu Frage sprang, sondern die Fragen als Diskussionsanlass nutzte, also nach einer Frage den Fortgang stoppte und unter Bezug auf das Antwortergebnis die Frage problematisierte:

Hier kam z. B. sofort die Frage auf: „Was heißt politisch?“ und weiter wurde darüber diskutiert, was heute politisch bedeutet und was es in Bezug auf den zeitgeschichtlichen Kontext bedeutet. Und sofort waren wir entfernt von der richtig/falsch-Situation à la Jauchscher Fernsehbildung und in einer angeregten Diskussion. Das geht auch ohne Quiz, aber in dem Quiz hatte jeder Schüler eine Antwort gegeben und fühlte sich (hoffentlich) dadurch etwas involvierter. Weitere Beispiele folgen in den drei Screenshots:

Hier wird m. E. durchaus deutlich, dass man die Quizfragen auch so gestalten kann, dass komplexere Denkprozesse angeregt und verbalisiert werden können:

Variante 3: Schüler entwickeln Quizze

Die Quizzerei lässt sich didaktisch natürlich auch flippen, d. h. Schüler erstellen Quizze. Ich richtete dazu einen Account ein, auf den alle Schüler zugreifen konnten. Dann erstellten die Schüler Quizze, nach Möglichkeit berücksichtigten sie dabei die Erkenntnisse der vorangegangenen Reflexion. Der Reihe nach können dann die Quizze gespielt werden, wobei die jeweiligen Urheber natürlich aussetzen. Neue Möglichkeiten, z. B. auch Bilder als Antwortoptionen einzusetzen, motivieren zwar die Schüler, führen aber nicht immer zu anspruchsvollen Fragen:

Sind Quizze also eine Methode (auch) für zeitgemäße Bildung?

Björn Nölte ☕

Written by

Teaching & Learning in Potsdam / Berlin, Germany

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