Seminarfahrten im Referendariat?

Frau S. überlegt. Ihre Referendar*innen sprachen sie ziemlich schnell im Hauptseminar (Allgemeines Seminar) auf eine Seminarfahrt an. Aus anderen Gruppen hätten sie davon gehört, dass alle über das Wochenende in einer Jugendherberge übernachtet hätten — große Begeisterung bei allen Beteiligten. Frau S. ist verunsichert. Eigentlich hat sie auf den Stress mit lauwarmen Duschen, wenig Schlaf und Tee aus Plastiktassen keine Lust mehr. Schließlich ist sie ja auch nicht mehr mit Siebtklässlern befasst, sondern mit Referendaren im Vorbereitungsdienst. Andererseits muss doch etwas dran sein an der Begeisterung der anderen Seminargruppen — ihre eigenen Teilnehmer*innen möchte sie natürlich auch nicht enttäuschen.

Sollten im Referendariat Seminarfahrten durchgeführt werden? Vieles spricht auf den ersten Blick dagegen: Die Anforderungen an die Lehramtskandidaten sind eh schon sehr hoch, der Stress durch die verschiedenen Anforderungen und Instanzen (Ausbildungsschule, Fachseminar, Hauptseminar) immer groß. Durch die Verkürzung und Komprimierung des VD in vielen Ländern (24 Monate nur noch in Bayern, in Brandenburg demnächst 12 Monate) steigt der Druck nochmal mehr. Sollte man die wertvolle Ausbildungszeit dafür verschwenden? Wie sieht es mit den Kosten aus? Und: Kann man das ganze Hauptseminar komplett dazu verpflichten? Was ist mit den Alleinerziehenden, die gerne teilnehmen würden, aber aufgrund der privaten Situation nun wirklich nicht können?

1. Fahrten zu Beginn des Referendariats

Aus meiner Sicht gibt es zwei Formen von Seminarfahrten. Zu Beginn des Referendariats eignen sich Fahrten vorrangig für gruppendynamische Prozesse.

Wie bei Klassenfahrten der Sek. I ist es sinnvoll, Fahrten so früh wie möglich stattfinden zu lassen, damit gruppendynamische Prozesse initiiert und etabliert werden können. Die Euphorie ist zu Beginn meist am größten, die Arbeitsbelastung noch am geringsten und man hat (als Gruppe und als Seminarleiter*in) noch einen langen Zeitraum vor sich, in dem die erreichte Gruppendynamik noch wirksam sein kann.

Inhaltlich bewegt man sich hier meist im Feld von Klassenfahrten und außerschulischen Lernorten etc., z. B. durch…

  • Erkundung von Klassenfahrtszielen
  • Informationen/Programm durch den Veranstalter vor Ort
  • Beiträge von Seminarteilnehmern
  • Durchführung von Aktivitäten auf Klassenfahrt: Rally, sportliche Aktivitäten, Spiele zum Team-Building, “Energizer” etc.
  • Diskussion der rechtlichen Grundlagen

Viele positive Effekte finden hier erfahrungsgemäß nebenbei statt, wie etwa Vier-Augen-Gespräche zu dienstlichen und weniger dienstlichen Themen, und zwar zwischen Seminarleiter und Teilnehmern genauso wie zwischen Teilnehmern untereinander. Als Teilnehmer fühlt man sich nach einer solchen Fahrt noch besser in der Gruppe aufgehoben, als Seminarleiter erhielt ich bei jeder Fahrt ein viel kompletteres Bild von einzelnen LAK, was die Grundlage für die zukünftige Arbeit enorm verbesserte. Durch die veränderte kommunikative Situation können manche Seminarteilnehmer verändert agieren und ihre Rolle verlassen, die sie in der Sozialordnung des Studienseminars im Sitzen einnehmen. Stehende bzw. bewegliche Positionen können die Kommunikation maßgeblich beeinflussen. 🔗https://twitter.com/richardbranson/status/585117694460035074

2. Themengebundene Fahrten

Themengebundene Fahrten, die im Verlauf oder am Ende der Ausbildung stattfinden, bieten ein enormes didaktisches und pädagogisches Potential. Themen oder Vorhaben können umfassender und tiefgründiger behandelt werden. Je mehr die Teilnehmer an der Themenwahl beteiligt werden, umso höher wird das Engagement ausfallen. Z. B. wäre es im Rahmen regulärer Seminarsitzungen unmöglich, Lernvideos in zufriedenstellendem Maße zu produzieren.

Die Referendare haben sich bei dieser Fahrt intensiv der Erprobung von selbstgedrehten Lernvideos widmen können, wobei ein Effekt auftrat, den man auch bei Schülern beobachten kann: Die Filmproduktion führt durch Gedanken, die man in Richtung Zuspitzung, Visualisierung und Transfer aufwenden muss, zwangsläufig auch zu einer inhaltlichen Vertiefung.

Differenzierung

Individuelle Stärken können bei themengebundenen Seminarfahrten wunderbar entfaltet werden. So entpuppte sich z. B. bei uns unter den Referendar*innen eine ehemalige Mangazeichnerin als Glücksfall oder in einer anderen Gruppe brachte sich ein unerwartetes stimmliches Talent ein. Ganz natürlich ergaben sich weitere Differenzierungsformen: Die Gruppengrößen schwankten zwischen 1–6 Mitgliedern. Auch die Dauer der Arbeitszeiten unterschied sich sehr, obgleich sämtliche 6 Gruppen zu einem Ergebnis kamen.

Lernpsychologie

Echte Kollaboration kann man mit Seminarfahrten sehr gut erzeugen. Von der schulförmigen Gruppenarbeit in Seminarsitzungen unterscheidet sich die Zusammenarbeit auf einer Seminarfahrt signifikant hinsichtlich persönlichen Engagements und inhaltlicher Verantwortungsübernahme. Da neben dieser tiefen sozialen Eingebundenheit auch Autonomie- und Kompetenzerleben in hohem Maße ermöglicht werden, sind alle drei Momente der Motivationstheorie nach Deci & Ryan erfüllt.

Der Ort

Natürlich hat es großen Einfluss, wohin die Fahrt erfolgt. In jedem Fall lernt man Optionen für künftige eigene Fahrten mit Schülern kennen und kann konkrete Möglichkeiten vor Ort ausloten und ausprobieren. Selbst vor Ort übernachtet und gegessen zu haben ermöglicht einen authentischeren Auftritt, wenn es darum geht, das Klassenfahrtsziel z. B. mit Eltern zu diskutieren. Für die themengebundene Fahrt ist es besonders wichtig, den Ort auf das Ziel abzustimmen. In unserem jüngsten Beispiel hatten wir das Glück, dass eine Referendarin Zutritt und Generalschlüssel für ihre Ausbildungsschule (Privat-Campus) organisieren konnte. Das Flair und die räumliche Ausstattung sorgten für eine hohe Motivation, insbesondere die Arbeitsmöglichkeiten im Atelier des Hauses. Daneben passte die technische Ausstattung (W-Lan, Computer, Musikstudio etc.) ideal zu dem Vorhaben der Video-Produktion.

Fazit

Die Arbeitsbelastung der Seminarleiter*in ist schon dadurch minimiert, dass man die Organisation einzelnen Teilnehmern übertragen sollte: Ein ideales Erprobungsfeld für künftige Lehrkräfte in Vorbereitung und Durchführung der Fahrt. In Brandenburg müssen die LAK einen Seminarbeitrag im Hauptseminar leisten – die Organisation der Fahrt bietet sich hier sehr gut an. Die Rolle des Seminarleiters verändert sich und dieser automatische Hierarchie-Abbau ermöglicht Gespräche, die sich stärker auf Augenhöhe bewegen können und ermöglicht Offenheit, die für Gespräche nötig sind, die die LAK wirklich bewegen. Die Bereitschaft zur Teilnahme ist erfahrungsgemäß extrem hoch, die Quote betrug bei allen meinen Fahrten 90-100%. Ich empfehle allen Seminarleitern, das Angebot zu Seminarfahrten zu lancieren, wenn die Anfrage nicht sowieso schon aus dem Kreis der Teilnehmer*innen kommt.