Das Paradies

Iguazú Wasserfälle

Kürzlich ist das Paradies bei mir nebenan eingezogen. Neugierig beobachtete ich meinen neuen idyllischen Nachbarn beim Einzug. Mit einem kam ich direkt ins Gespräch. Er war sehr interessant und sympatisch. Es gefiel mir, mich mit ihm zu unterhalten.

Von ihm geblendet bemerkte ich nicht, wie sie anfingen eine lange, hohe Mauer zu errichten, um unsere Grundstücke klar voneinander abzugrenzen. Diese war zum Glück aus Glas, sodass es mir erlaubt war sämtliche Schätze zu sehen, die sich im Paradies verbargen.

Immer neugieriger wurde ich, verschlang es förmlich mit meinen Augen. Je mehr ich sah, desto neugieriger wurde ich. Ich war ein kleines Kind, dass einem Geheimnis auf die Spur kommen wollte! Ich lief am Rand meines Grundstücks auf und ab, schaute und starrte. Meine Nachbarn und alles, was sie besaßen, waren atemberaubend und von einer Art, die ich nie zuvor gesehen hatte.

Schließlich setzte ich mich und presste mein Gesicht an die Scheibe. Wenn ich doch nur auf der anderen Seite wäre! Ich saß da, stellte es mir vor und vergaß dabei die Zeit…

Es wurde Abend, als ich einsah, dass ich gehen musste. Aber meine Gedanken blieben sitzen. In den nächsten Tagen und Wochen schaute ich zu meinen Nachbarn herüber so oft es ging. Über längere Zeit hinweg beobachtete ich sie, ohne zu bemerken, wie unfreundlich ich wirken musste. Dann setzte ich mich wieder auf meinen angestammten Platz vor die Scheibe und ließ Stunden vergehen. Soviel Ungewohntes, Neues, Schönes hatte ich noch nie zuvor an einem Fleck gesehen. Ganz leise spielte eine Musik, die durch eine leichte Brise herüber getragen wurde. Ein sonderbarer Geruch begleitete sie. Es roch frisch, verborgen, verheißungsvoll.

Ich schätzte das Paradies, bewunderte es, verliebte mich sogar ein wenig und schwelgte dabei in dem Anblick und meiner Phantasie. Immer mehr verliebte ich mich, immer mehr sehnte ich mich auf die andere Seite und immer deutlicher wurde die harte Scheibe, die mich trennte. Ich klopfte gegen das Glas, hämmerte. Es brach nicht. Die Bewohner schauten zu mir herüber. Schauten nur, taten nichts. Und dann sahen sie wieder weg. Ich fing an zu weinen, klopfte wieder. Erneut schauten sie her, dieses Mal lächelten sie gönnerisch. Nicht schadenfroh, sondern von Herzen, als wenn sie mir sagen wollten, dass sie mich wirklich gern hätten. Einige winkten sogar. Dabei blieb es. Sie würden nichts für mich tun, konnten es vielleicht nicht. Und so blieb ich sitzen und weinte still vor mich hin.

Immer öfter setzte ich mich gebannt davor und weinte früher oder später. Bis ich endlich eine Entscheidung fällte: Es war zwecklos, ich hatte aufzuhören, musste mich erneut um mein eigenes Grundstück kümmern. Viel wichtiger noch hatte ich mich auf mein eigenes Leben konzentrieren müssen. War ich nicht glücklich gewesen, BEVOR das Paradies hier eingezogen war ?

Ich rieb mir die Tränen aus den Augen, fasste mir den Mut aufzustehen und mich umzudrehen, doch erschrak ich:

War mein Grundstück schon immer so farblos gewesen? So fad? So einsam?

Ich war glücklich gewesen, redete ich mir ein und versuchte wieder in mein altes Leben zu finden. Aber es wollte nicht funktionieren. Immer wieder erwischte ich mich dabei, herüber zu sehen.

GENUG !

Dieses Mal brachte ich einen Vorhang an meiner Seite der gläsernen Mauer an, damit ich von nun an keine quälende Einsicht haben würde. Der Stoff war schwer und tiefblau.

Von nun an lief es besser: Ich lebte mein Leben wieder wie bisher. Äußerlich jedenfalls. Doch die Sehnsucht blieb. Sie wurde genährt von dem Wissen, dass es einen Steinwurf entfernt ein besseres Leben gab.

„So schön war es nicht!”, redete ich mir ein, „Meine Verliebtheit hatte das Paradies perfekt aussehen lassen!”

Die Frage danach, wie es wirklich war und meine Sehnsucht quälten mich mit ihren Griffen. Ein Windstoß lüftete den Vorhang ein wenig und was ich sah, verschlang mir sofort den Atem. Konnte es sein? Ich musste es ein letztes Mal sehen.

Noch einmal lugte ich durch den blauen Vorhang und war verblüfft: Ja, es war tatsächlich so schön!

Und die gläserne Mauer war nach wie vor da!

Aber was war das? Ich entdeckte etwas durch die Scheibe, das ich zuvor nicht kannte. Es war etwas wunderschönes, das meine Nachbarn sogar noch idyllischer machte. Ich spürte in mir meine verbannt geglaubte Verliebtheit wachsen. Die Traurigkeit, die seitdem in mir wohnte, kehrte sich nach außen und ummantelte mich.

Erneut versuchte ich, meinem bisherigen Leben nachzukommen und kämpfte dabei gegen das Wissen einer schöneren Wirklichkeit auf der anderen Seite an.

Es war unmöglich. Einer von uns beiden musste gehen, entweder das Paradies, oder ich!

Wieder ging ich zurück zum Paradies und wollte mit dessen Bewohnern reden. Erwartungsvoll erwiderten sie meinen Blick. Sie waren ein bisschen verwirrt, dass ich mich dieses Mal nicht um ein Lächeln bemühte. Ich machte den Mund auf, machte ihn wieder zu und lächelte. Sie erwiderten mein Lächeln freudig.

Es konnte so nicht weiter gehen. Ich konnte das Paradies nicht bitten zu gehen. Stattdessen packte ich meine eigenen Koffer, mit einem Lächeln auf dem Gesicht. Endlich würde ich frei sein, denn dort draußen wartete noch eine ganze irdische Welt auf mich, um entdeckt zu werden.

Ich konnte es kaum erwarten.

Diejenigen, die das Paradies noch nicht kennen, wissen es vielleicht nicht, aber…

Ohne lebt es sich schöner!