Enderal ist Skyrim: New Vegas

Ich habe ja in meiner Zeit schon viele imposante Mods (= Fan-Modifikationen von Spielen) gesehen. Zum Beispiel Deus Ex: The Nameless Mod, eine fünfzehnstündige Single-Player-Kampagne, die das Gameplay aus dem Hauptspiel in eine große, zusammenhängende Welt hievt und eine vollkommen irre Meta-Story erzählt. Brytenwalda für Mount & Blade: Warband hat das Grundspiel für mich uninteressant gemacht. Und wer von den neuen Thief-Games enttäuscht war, aber Thief 2x nicht kennt, der ist selbst schuld. All diese Add-Ons sind auf Vollpreis-Niveau und ich hätte für sie Geld bezahlt, aber sie sind sage und schreibe umsonst zu haben, geschaffen von verrückten Enthusiasten in ihrer Freizeit.

Enderal, eine jüngst erschienene Mod für Skyrim, übertrifft alles, was ich bisher in dem Sektor gesehen habe. Wir reden hier von einem kompletten Rollenspiel mit einer angegebenen Spielzeit zwischen 30 und 100 Stunden in einer bis ins kleinste Detail ausgestalteten Open-World. In attraktiver State-of-the-Art-Grafik. Umsonst. Da fällt es schwer kritisch zu sein, aber ich bemühe mich Projekte dieser Art um ihretwillen mit den gleichen Maßstäben zu bewerten wie ein kommerzielles Profi-Game im vergleichbaren Rahmen.

So gesehen ist Enderal trotz der knackigen Headline vielleicht kein Fallout: New Vegas (but then again, what is?), spielt aber durchaus mit den Gothics dieser Welt in einer Liga. Und dieser Vergleich ist nicht willkürlich gewählt: Die Entwickler hinter der Mod, SureAI, kommen aus Deutschland, und das merkt man nicht nur am dahinterliegenden Arbeitsethos, sondern blitzt auch in Sachen Lore, Mechaniken, Struktur, Story und Ästhetik durch.

Im Kontrast zu Skyrim hat die Welt von Enderal, auch wenn sie durch die Engine naturgemäße Ähnlichkeiten hat, neben diversen klimatischen Umgebungen einen distinkt europäischen Fantasy-Look, der schon bei The Witcher 3 erfrischend war. Gleich in den ersten Stunden fühlt man sich zwischen den Holzhütten mitten in den Quasi-Alpen und den frühlingshaften Wäldern mit plätschernden Bächen wie in einem Grimm-Märchen. Was im Kontext der Story wiederum spannend ist, denn: Man spielt einen traumatisierten Flüchtling, der als blinder Passagier auf einem Schiff ins sichere (?) Enderal gekommen ist und aus einem völlig anderen Kulturkreis stammt. An einer Stelle spricht mich eine Dame im idyllischen Dörfchen Flusshaim auf meine Hautfarbe an und fragt mich zaghaft über meine Sitten aus.

Die Welt von Enderal ist nicht viel kleiner als die von Skyrim, und hat ein deutlich handgemachteres Feel. Wo man in Skyrim nach der Zeit immer wieder gleiche bis ähnliche Dungeon-Bausteine gesehen hat, freut man sich in Enderal über die clever designten, verwinkelten Höhlen und Minen. Die Open-World ist eine Spur kontrollierter, teilweise wird man durch geschickt plazierte Sträucher und Felsen auf dem vorgesehenen Pfad gehalten, und auch wenn die ganze Welt von Anfang an beggehbar ist, merkt man an der Stärke der Gegner recht schnell, ob man schon hier sein sollte (was einen naturgemäß nicht abhalten muss). Spätestens, wenn man in die Hauptstadt Ark kommt - vielleicht die bisher größte immersive-simmy Umgebung dieser Art in einem Spiel- öffnet sich Enderal in alle möglichen Richtungen. Was es nur sehr eingeschränkt gibt, ist eine Fast-Travel-Funktion, aber keine Sorge — das Spiel ist darauf hindesignt und sorgt dafür, dass man auf seinen nie zu langen Wegen ständig auf Quests und sonstige Ablenkungen trifft.

Aufgelevelt wird nicht wie in Skyrim dadurch, das man Dinge einfach oft genug tut, sondern durch die Lektüre bestimmter nicht gerade billiger Lehrbücher. Der beste Nebeneffekt davon ist, dass Geld immer eine wichtige Ressource bleibt und sich Nebenquests und fleißiges Erforschen so wirklich lohnen. Überhaupt hält Enderal den Spieler ein bisschen mehr zwischen seinen Mechaniken fest und sorgt so dafür, dass er immer herausgefordert ist und interessante Minute-to-Minute-Entscheidungen zu treffen hat, anders als der “What kind of awesome do you want to be today?”-Vergnügungspark von Skyrim. Alles fühlt sich um das eine kleine und so wichtige Stück bedeutsamer an. Als ich es zum ersten Mal geschafft habe, meinen getreuen Langbogen durch zielgerichtetes Basteln mit einem Feuerzauber upzugraden, war ich stolzer und aufgeregter als ich es jemals beim Craften in Skyrim gewesen bin.

Noch ein Punkt für Enderal: Ich habe selten ein RPG erlebt, in dem sich das Spazieren durch und Erkunden der Gegend so lohnend und befriedigend angefühlt hat. Das liegt natürlich einerseits daran, wie hübsch die Welt aussieht: Enderal ist gegenüber Skyrim noch einmal mit zusätzlichen Effekten und einer kräftigeren Farbpalette aufgeschönt. Die liebevoll handgemachte Map lässt fast jeden Winkel einzigartig wirken und sorgt für pittoreske Vignetten.

Zudem muss ich mir ohne Schnellreisefunktion wirklich jedesmal gute Routen zu meinem Ziel überlegen. Aus Gedanken wie “Vielleicht komm ich ja schneller zurück ins Dorf, wenn ich hier statt nach links nach rechts abbiege, im Wald den Fluss überquere und irgendwie einen Kletterpfad über die Klippen finden kann” wird schnell ein ganzes Abenteuer voller neuer Entdeckungen. Dass ich dabei ganz nebenbei ein Gefühl für die Geographie der Gegend bekomme, so dass ich auch längere Strecken zurücklegen kann, ohne auf die Karte schauen zu müssen, ist mir in einem Open-Word-Spiel schon lange nicht mehr passiert. Mich in seine Welt zu ziehen, das ist etwas, das Enderal souverän gelingt.

Das liegt auch an etwas anderem, das ebenfalls besser ist als in Skyrim: Story und Dialoge. Zu Beginn gibt es ein bisschen viel Fantasy-Exposition auf einen Haufen, aber insgesamt ist der Plot tatsächlich ein Stück spannender und vielschichtiger, die Figuren ein Stück lebendiger und die Unterhaltungen ein Stück tiefgehender als in Bethesdas Spiel. Die Mod ist auch aus irgendeinem Grund komplett professionell vertont, und das Verrückteste ist, ich kann nicht sagen, wann ich zuletzt so gute deutsche Sprachausgabe in einem Spiel gehört habe. (Die englische Version habe ich nicht ausprobiert, soll aber auf dem gleichen Niveau sein.)

Ich verstehe immer noch nicht ganz, wie Enderal überhaupt existieren kann, bin aber sehr glücklich, dass es auch etliche Jahre nach meinen ersten Erfahrungen mit überraschend guten Half-Life-Fan-Kampagnen von der PC-Games-Heft-CD, die mir teilweise mehr Spaß gemacht haben als das Original, immer noch Freizeitprojekte dieser Art gibt — also große, ambitionierte Single-Player-Mods, die einem den Mund offen stehen lassen. Glorious PC Gaming Master Race indeed!

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