Was ist dein Problem?

Unser Verstand liebt Probleme. Er liebt sie so sehr, dass er selber welche erschaffen muss, wenn es keine gibt. Das macht ihn aus, das verschafft ihm Genugtuung, denn nur, wenn wir Probleme haben, brauchen wir ihn. Unser Verstand ist wie der Staat — täglich ist er damit beschäftigt, uns neue, nervenaufreibende Probleme zu bereiten, damit wir ihm dankbar sind, seine Hilfe annehmen und auf ihn hören.

Das ist seine Existenzberechtigung. Von der Energie, die wir in die Lösung unserer täglichen Probleme stecken, ernährt er sich. Von dieser Nahrung wird er groß und stark, so stark, dass er immer mehr Macht über unser Leben bekommt. Und mit dieser Macht wiederum erschafft und erfindet er Probleme — Probleme die wir ohne ihn gar nicht hätten.

Aber wie sollen wir ohne Verstand leben? Unmöglich, gewiss, und auch nicht nötig. Es kommt allerdings darauf an, den Verstand in seine Grenzen zu weisen. Ihn nur dort einzusetzen, wo wir in wirklich benötigen. Und ihm dort, wo er stört und unser Leben zur Hölle macht, keinen Zugang zu gewähren. Wie geht das?

Genau jetzt, genau in diesem Moment — was ist dein Problem? Wenn wir unsere Aufmerksamkeit auf den jetzigen Moment richten, nichts anderes gelten lassen, alles andere ausblenden: was ist dann das Problem?

Normalerweise gibt es im jetzigen Moment kein Problem. Eine Situation erfordert entweder, dass man sich mit ihr auseinandersetzt, oder dass man sie akzeptiert. Ein Problem ist das deswegen noch lange nicht. Ein Problem wird aus der Sache erst, wenn wir in der Situation verharren, ohne wirklich handeln zu wollen. Wenn wir uns mit dem Problem geistig identifizieren. Wenn wir uns von ihm beherrschen lassen.

Wir identifizieren uns mit den Umständen unseres Lebens. Mit dem was wir vorhaben, mit unseren 100 Aufgaben, oder mit dem, was wir uns wünschen. Wir setzen unser Leben gleich mit dem, was wir erlebt haben. Mit dem, was uns andere gesagt haben. Das verschafft uns Befriedigung, das gibt uns das Gefühl jemand zu sein.

Aber all das sind wir nicht. Das sind nur Produkte unseres Denkens. Unser Verstand hat Freude daran, uns an diese Dinge zu binden, aus ihnen unsere Persönlichkeit zu erschaffen. Und sobald die Wirklichkeit mit unserer angenommenen Persönlichkeit in Konflikt gerät, haben wir ein Problem — wir empfinden Schmerz.

Eine einfache, aber schwere und radikale Entscheidung: sich selber keine Schmerzen mehr zufügen. Sich selber keine Probleme mehr bereiten, den Verstand nicht die Oberhand über unser Leben bekommen lassen. Dazu müssen wir in jedem Moment im Bewusstsein des gegenwärtigen Augenblicks handeln. Nicht aus der Vergangenheit heraus, nicht aus einer angenommenen Persönlichkeitsstruktur heraus — “So bin ich nun mal! So war ich immer schon!” — sondern spontan und intuitiv. In jedem Moment so reagieren, wie es die Situation erfordert. Entweder handeln oder nichts tun.

Das ist eine lebenslange Übung. Eine Übung für jeden jetzigen Moment.