Ich verstehe da was nicht…

Warum habe ich mit meinen 30 Jahren das Gefühl die Verantwortung der Welt laste auf meinen Schultern? Und auf meinen allein?

Ich bin doch groß geworden mit den Worten “Du kannst alles sein was du willst” in den Ohren. Ich habe nicht gelernt mir Sorgen um die Welt zu machen. Die Welt war da.

Freiheit, Demokratie, Pressefreiheit, Datenschutz? Keine Themen, die mich je interessieren sollten.

Selbstverwirklichung? Ja, das war und ist mein Thema. Wer bin ich? Wer möchte ich sein? Das ist meine Hauptaufgabe auf diesem Planeten, oder nicht? Eine schier endlose Herausforderung, der ich mich kaum gewachsen fühle und die mein Leben ausfüllt.

Denn ich werde immer wieder von mir weggezogen. Mein Außen sagt mir, wer und was ich zu sein habe. Wem ich Konformität schulde und welchen Markengöttern ich zu huldigen habe.

Und wirklich glücklich bin ich dabei nicht. Denn irgendwie weiß ich, dass da mehr ist. Und ich suche weiter. Unterhalte mich hinter vorgehaltener Hand darüber, dass ich doch eigentlich was “sinnvolles” tun möchte und doch weiß ich irgendwie nicht was das sein soll, denn mein Außen gibt mir nur leere Hüllen, die zwar mein nagendes Fragen für eine kurze Weile ruhig stellen und doch irgendwie leer sind und immer mehr wollen.

Ich bin ein Junky auf der Suche nach meiner wahren Droge.

Und in meiner Verzweiflung schaue ich mich um.

In kurzen Momenten traue ich mich die Augen zu öffnen und — wenn ich ganz mutig bin — gestehe ich mir sogar ein, was ich sehe.

Dann sehe ich eine Welt, die vor die Hunde geht. Und…. voll Schrecken, dass wir alle das selbe sehen. Und wegsehen.

Und dann verstehe ich da was nicht.

Niemand von uns steht morgens auf, mit dem Gedanken “Und heute werde ich die Welt ein Stückchen weiter zu Grunde richten.” Und doch tun wir es. Alle. Gemeinsam. Erstaunlich.

Meine Welt, die Welt meiner Nachbarn, die Welt meiner Eltern, meines Freundes und seiner Kinder, die Welt meiner besten Freundin, meines besten Freundes und seiner ungeborenen Tochter.

Genau die Welt, die mir als heile übergeben wurde. Von der mir versprochen wurde, dass ich sie nutzen kann, wofür auch immer. Um mich selbst zu finden, mich auszudrücken und ein Leben zu leben, das ich für lebenswert halte. Dass ich alle Zeit dieser Welt habe, herauszufinden was das für mich bedeutet. Die Welt, die doch immer für mich da sein sollte.

Stattdessen nimmt man mir, und uns allen, Stück für Stück die Füße, auf die wir unser Leben stellen möchten. Freiheit, Demokratie, Frieden, unseren Planeten in seiner Gänze.

Wir alle sehen es. Und wir wollen es nicht sehen. Denn was wir sehen nimmt uns nicht nur die Luft zum Atmen, sondern die Grundlage zu unserem wackeligen, im Entstehen begriffenen Sein. Wie soll ich mich um eine Welt kümmern, wenn ich selbst noch nicht weiß, wer ich bin? Wenn ich mich doch so sehr um mich selbst kümmern muss?

Ich verstehe da was nicht.

Wie gelingt es uns so kollektiv die Verantwortung für diese große Scheiße, die wir hier gemeinsam fabrizieren, abzugeben. Und an wen?

Man nimmt uns die Füße, auf die wir unser Leben stellen möchten? Wer ist man? Wer ist denn zuständig für Kriege, Flüchtlingswellen, Trumpocalypse und den Klimawandel? “Die da oben”? Die bösen Konzerne? Die Regierungen? Unser Nachbar, der sich sein 3. Auto gekauft hat?

NEWSFLASH! Die Konzerne sind WIR! Wir kaufen, was sie produzieren. Kein Konzern produziert etwas, was niemand kauft.

Die Regierung? Die Regierung sind WIR! Niemand verspricht und tut Dinge, die nicht zu Wählerstimmen führen. Ob vom “kleinen Mann” oder einer starken Lobby.

Tja, aber unser Nachbar! Und auch unser Nachbar sind WIR! In unserer Gesellschaft gilt es immer noch als schick Dinge zu tun, die unsere Welt kaputt machen. Ein drittes Auto? Den schnellsten Schlitten? Benzinschleuder vor dem Herrn, aber hauptsache schick? Alles halb so schlimm.

Ich möchte die Menschheit — und damit meine ich uns alle — ohrfeigen und fragen: WAS IST LOS MIT DIR?! Und gleichzeitig weiß ich, dass selbst das nichts bringen würde.

Wir sehen uns als Opfer eines Systems, das uns scheinbar dazu zwingt Dinge zu tun. Denn was können wir schon tun, richtig? “Das ist halt so.”

And yet another NEWSFLASH!

Niemand zwingt uns zu irgendetwas. Wir sind alle, immer und überall frei in unseren Entscheidungen. Und doch ist es so viel einfacher sich hinter einem kaputten System zu verstecken. Solange Regierungen, Konzerne und Nachbarn schuld sind, müssen wir uns nicht bewegen.

Denn so schlimm ist es doch nicht, wenn unser Salat fünf Mal in Plastik verpackt ist.

So wichtig ist unsere Stimme bei der Wahl nun auch wieder nicht.

Und eigentlich — wenn ich ehrlich bin — wenn ich könnte würde ich mir so ein Auto auch leisten, denn mit meiner harten Arbeit habe ich es mir doch wirklich verdient. Oder?!

Ich verstehe da wirklich etwas nicht.

Warum habe ich das Gefühl diese Welt reparieren zu müssen? Und warum habe ich das Gefühl es alleine tun zu müssen? Wir sind doch so viele und trotzdem fühle ich mich alleine und umgeben von so vielen “Das ist halt so”s, “Ich kann da sowieso nichts tun”s und “soll ich jetzt alles auf einmal ändern, oder wie?”s. Nein, nicht alles auf einmal. Aber zwei halbe Vegetarier sind auch ein Ganzer.

Ich glaube ich habe da was verstanden.

Uns wurde die Welt geschenkt. Als heile, unendlich und voller Möglichkeiten verkauft. Und teilweise ist sie das noch. Nur eines der Versprechen war nicht korrekt. Dass sie immer für uns da sein wird, ohne, dass wir etwas dafür tun müssen. Unsere Welt ist krank und wir müssen sie wieder heile machen. Sonst ist bald nichts mehr von ihr — und uns — übrig.

Wir können zetern, schreien, weinen, uns beschweren. Bockig auf dem Boden liegen und mit Fäusten trommen. Und — das wissen wir eigentlich alle — NEWSFLASH: Wenn wir die Welt nicht retten, rettet sie keiner.

Die, die die Grundlagen verbockt haben, werden nicht mehr hier sein, um die Suppe auszulöffeln. Aber die, die die Suppe weiter köcheln lassen sind wir.

Wenn ich die Augen aufmache und die Dinge sehe, wie sie sind, fühle ich mich überfordert. Denn ich bin ein Mensch und ich kann viel bewegen, aber alleine schaffe ich es nicht. Denn ich bin eben nur ein Mensch.

Aber zusammen sind wir viele.

Keine von uns braucht den großen Masterplan der Welterrettung. Und doch könnte ich schwören, dass jeder von uns sofort mindestens 2–3 Ideen hat, wie er seine kleine Welt zwischen sich und seinem Nachbarn ein wenig verbessern könnte.

Was dafür nötig ist, ist Bewusstsein. Bewusstsein und Mut mit dem wir uns eingestehen müssen, dass wir die Verantwortung für die Welt haben. Für den ganzen Planeten. Wir alle zusammen. Ob wir wollen oder nicht. Denn “with great power comes great responsibility”.

Fühlt sich scheiße an? Ja! Das tut es. Denn jeder von uns denkt, er müsse die Welt alleine retten. Also reden wir uns besser ein, es gäbe nichts zu retten.

Was wäre, wenn jeder von uns sich alleine fühlte? Wenn jeder von uns lieber wegsieht, weil hinsehen zu Fragen führt, die wir uns alleine nicht beantworten können?

Was wäre, wenn wir endlich verstünden, dass wir nicht alleine sind und dass es uns allen gleich geht?

Trauen wir uns die Augen aufzumachen und die Dinge zu sehen, wie sie sind. Trauen wir uns Dinge wirklich anzupacken. Ganz kleine Dinge, jeden Tag. Und aus Kleinen werden Große werden.

Mit dieser Hoffnung möchte ich heute einschlafen und morgen mit dem Wissen aufwachen, dass ich mir die Nachrichten statt mit einem resignierten, mit einem Gefühl ansehen kann, das mir sagt, dass es viel zu tun gibt. Für uns alle zusammen.

“‘I’m just a drop of water.’ said the ocean wave with one billion different voices.”

Meditator, Sinnsucher, Weltretter, Brandredner, Pusteblume, Scrum Master, NLP- und Agile-Team-Coach.

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