Mein Jahr ohne Alkohol — eine freiwillige und überraschende Grenzerfahrung

Vor genau einem Jahr setzte ich mir ein Ziel. Es sollte ein Experiment sein. Ein Jahr lang würde ich keinen Alkohol trinken. Null. Nada. Zero. Bye bye Feierabendbierchen. See you Cocktails-mit-den-Mädels. Hasta la vista Entspannungsrotwein nach einem anstrengenden Tag.

Warum das Ganze?

Einerseits hatte ich gerade ein Meditationsretreat hinter mir und war wild entschlossen das mit der Meditationspraxis jetzt wirklich mal ernst zu nehmen. Und damit einher ging nunmal der klare Verzicht auf Alkohol.

Andererseits… nun ja… Neugier. Ging das überhaupt? Welche Rolle spielten Sektchen und Weinchen in meinem Leben wirklich?

Zugegeben: Ich zählte mich nicht zu den großen Trinkern. Und doch gehörte ein gemeinsames Bier mit Kollegen, ab und zu ein Glas Rotwein zur Entspannung nach einem stressigen Tag, mit dem Freund auf dem Balkon oder die Weißweinschorle am Mädelsabend einfach dazu. Und selbst das bloße Wegdenken fiel mir schwer. Dennoch fasste ich den Entschluss. Und zog ihn durch. Ein Jahr lang.

Eines vorab: Die größten Herausforderungen lauerten dort, wo ich sie nicht erwartet hatte. Und sie auch überhaupt nicht gebrauchen konnte.

1. Grenzen

Eines musste ich sehr schnell erkennen: Mit den unbegrenzten Möglichkeiten des Alkohols fiel eine zentrale Methode in meinem Leben weg, über meine natürlichen Grenzen hinauszugehen. Eine Party auf der ich nach zwei Stunden genug von Menschen hatte? Ein Glas Rotwein später hätte ich wieder Power für weitere zwei Stunden gehabt. Ohne Rotwein? Akku leer. Und zwar spürbar leer. Nicht wegzudiskutieren leer. Schmerzhaft leer.

Und so lernte ich meine natürlichen Grenzen sehr schnell, sehr spürbar und sehr genau kennen.

Ich musste mir eingestehen, dass das gemütliche Glas Rotwein am Abend für mich oft mehr gewesen war, als nur Gemütlichkeit: Meine Strategie Ruhe zu finden. Ein Entspannungsknopf mit einer Einwirkzeit von ca. 10 Minuten.

Ohne diesen Knopf war ich zunächst rat- und rastlos. Gehetzt. Gestresst. Irritiert und reizbar. Trotz Meditation. Und fand nur schwer alternative Strategien um runterzukommen.

Laufen gehen. Lesen. Malen. Noch mehr meditieren. Nichts entspannte mich nach einem stressigen, vollgepackten Tag so schnell und effektiv, wie es ein Glas Rotwein getan hätte.

Ich musste mich aushalten. Uneingeschränkt.

Und so nahm — ganz ohne Alkohol — etwas anderes Einzug in meinem Leben:

Sozialkater. Das Gefühl keinen anderen Menschen ertragen zu können, weil man sich selbst nicht erträgt.

Der Kater nach der einen Stunde Menschen zu viel. Dem einen „eben noch“ zu Ende geführten Gespräch, das dann doch noch eine halbe Stunde dauerte. Der einen „eben noch“ ausgehaltenen halben Stunde, weil ich doch wirklich nicht jetzt schon gehen konnte. Dem einen kleinen Umweg (ja, klar bringe ich dich „eben noch“ nach Hause), der dann doch (ja nee, trink ruhig „eben noch“ ganz in Ruhe aus) noch eine Stunde plus auf’s Partykonto zaubert. Aufs Menschenkonto. Die eine Stunde zu viel. Die eine halbe Stunde zu viel. Die eine Minute zu viel. Das eine „eben noch“ zu viel.

Ich wurde immer sensibler für diesen magischen Punkt, den Energiezenit in meinem Tag, an dem ich irgendwann in der Lage war mit absoluter Sicherheit zu sagen: Ab hier zahle ich drauf. Ab jetzt verschulde ich mich bei mir selbst. Ab diesem Moment wird mir jeder Schluck Mensch morgen leid tun.

Und ich schämte mich. Ich war doch dankbar für meine Freunde, Kollegen und Familie. Für all die wundervollen Menschen in meinem Leben. Liebte es mit ihnen zusammen zu sein. Und begann mich für mein mangelndes Durchhaltevermögen zu verurteilen. Fühlte mich verachtenswert undankbar.

Und gleichzeitig war ich wütend auf mich selbst. Rasend im Angesicht meiner Unfähigkeit auf mich aufzupassen und „einfach zu gehen“, wenn der Zeitpunkt dafür gekommen war.

Und so verbrachte ich so manche Autofahrt nach Hause in lautlosen Streitgesprächen mit mir selbst, in denen meine Undankbarkeit mit meiner Unfähigkeit um die schillerndsten Farben von Selbstverachtung stritten.

Es reihte sich Sozialkater and Sozialkater. Denn um etwas zu ändern lag die Antwort lange einfach zu schmerzhaft auf der Hand:

Ich durfte es erst gar nicht so weit kommen lassen. Ob ich wollte oder nicht musste ich sie anerkennen. Meine natürlichen Grenzen. Offen, nackt und dreist breiteten sie sich in ihrer unendlich arroganten Daseinsberechtigung in mir aus. Kompromisslos. Indiskutabel.

Also lernte ich es irgendwann dann doch: Ich lernte — und lerne noch — besser auf mich acht zu geben. Zu gehen, wenn ich spüre, dass ich gehen muss. Nein zu sagen, wenn ich spüre, dass ein „ja“ zu teuer wäre.

Dafür musste ich verstehen, dass der Respekt vor meinen eigenen Grenzen nichts mit Undankbarkeit gegenüber den Menschen in meinem Leben zu tun hat. Im Gegenteil. Präsenz und Aufmerksamkeit ist Wertschätzung in Reinform. Und zu was für einer Wertschätzung wäre ich morgen in der Lage, wenn ich mich heute verausgabte? Wenn ich da bin, will ich da sein. Voll und ganz. Und ohne Kater, egal welcher Art.

2. Heimliche Verbündete

Alkohol gehört in unserer Gesellschaft zum guten Ton, wie das Händeschütteln. Durch das gemeinsame Trinken entsteht schnell eine Beziehung, eine nonverbale Aussage über Zugehörigkeit — Rapport. Die abendliche Einladung auf ein Bier unter Kollegen ist viel mehr als das. Sie ist eine Bestätigung des Wir-Verständnisses, ein gemeinsamer Ebenenwechsel, eine Vertrauensfrage.

Ich konnte mich dabei beobachten, wie ich meine Alkoholabstinenz immer wieder damit rechtfertigte, dass es ein Experiment sei, dass ich das jetzt durchziehen wolle und dass ich ja, natürlich, und wie, sehr darunter litt und viel viel viel lieber auch ein Bier wollte… dazugehören wollte… es nicht meine Schuld war… eigentlich ja gar nicht meine Entscheidung… denn das Experiment war ja schuld.

Wie einfach wäre es gewesen zu sagen ich sei schwanger. Denn auch dann wäre jemand anders „schuld“ gewesen und ich hätte ja „keine Wahl“ gehabt. Denn ich hatte die Wahl. Immer wieder. Und so musste ich meine Entscheidung immer wieder neu treffen: „Und auch heute trinke ich nichts.“

Dabei wollte ich um alles in der Welt vermeiden, dass andere sich für ihr Bier be- oder verurteilt, für ihren Versuch mich einzubeziehen vor den Kopf gestoßen fühlten und ihr Beziehungsangebot abgelehnt wähnten. Denn nichts lag mir ferner.

Und nach einiger Zeit häuften sich die überraschenden Gespräche und Reaktionen auf mein Experiment. Plötzlich fand ich heimliche Unterstützer: Kollegen, Freunde und Bekannte, die es herrlich entspannend fanden, mal einen Abend bei Tee, Bionade oder alkoholfreiem Sekt zu verbringen. Eine Geburtstagsparty mit zwei nüchternen Gastgebern, auf der sich die gesamte Dynamik — trotz alkoholischen Angebots — ausgesprochen nüchtern entwickelte und einige Gäste am Ende des Abends freudestrahlend verkündeten: „Boah, ich kann ja jetzt sogar mein Auto nach Hause nehmen. Ich hab gar nix getrunken.“. Immer öfter wurden meine Freunde und Bekannte ganz konkret: „Es ist echt schön auch mal nichts trinken zu müssen.“

Müssen… Ein Wort, das mir zunehmend auffiel, wenn es um Alkohol ging.

Hatte ich mich aus Versehen aus einem Zwang herausgewunden, der mir bis dahin gar nicht so richtig bewusst gewesen war? Ein Missverständnis im menschlichen Beziehungschaos?

Je mehr ich darüber nachdachte und Erfahrungen sammelte, desto mehr gelang es mir, Bier, Wein und Co. wieder als das zu sehen, was sie sind: Getränke. Und als solches wurden sie für mich wieder austauschbar.

Heute kann ich meine Zugehörigkeit genau so mit Lemonaid, Bionade oder Kaffee zelebrieren, wenn ich mir und anderen bewusst mache, dass es gerade um Zugehörigkeit geht. Das ich eine Einladung zu einer menschlichen Beziehung aussprechen oder eingehen möchte.

Wie das geht? Eigentlich ganz einfach: „Was? Feierabendbier? Moment, ich mach mit.“ Limo auf, anstoßen, quatschen und Feierabend genießen. Connectet wird genau wie mit „richtigem“ Bier, wenn die innere Haltung stimmt. Und zwar meine eigene.

3. Der Morgen danach

Eine direkte Belohnung für jede nicht-durchzechte Nacht (vorausgesetzt der Part mit dem Respekt vor den eigenen Grenzen hat funktioniert): Der Morgen danach. Nach einer Feier oder langen Nacht aufzuwachen und sich fühlen, als wäre nichts gewesen, ist etwas woran ich mich lange nicht gewöhnen konnte und worüber ich mich bis zum Schluss freuen konnte. Dazu gehörte ein köstliches kleines Triumphgefühl, wenn ich nach einem langen Abend in mein Auto stieg und einfach nach Hause fuhr. Kein Warten auf die Bahn. Keine Taxikosten, die sich immer irgendwie überflüssig anfühlten.

4. Realitäten. Plural.

Die andere Seite dieser Medaille: Jedes Feiern und jeder Abend in einer Bar war und blieb echt. Unverzerrt. Klar. Die angenehmen Weichzeichner, die Alkohol über das Erleben legt und alles etwas angenehmer, etwas schöner, etwas interessanter und mich selbst etwas charmanter, entspannter, lustiger und offener machten, fielen einfach weg. Der Abend war genau so interessant, die Begleitungen genauso unterhaltsam, die Gespräche genau so tiefgründig und ich genau so charmant, witzig und entspannt, wie ich nun einmal war. Nicht mehr. Nicht weniger. Was in mir war, war in mir. Was nicht… nun ja… halt nicht.

Zunächst dachte ich, mir entginge durch meine Abstinenz auf Partys die Möglichkeit auf Gemeinschaft mit meinen Freunden, bis mir klar wurde, dass sich mit steigendem Pegel jeder von jedem entfernt und stattdessen in seine ganz eigene Welt eintaucht. Wer schon einmal mitbekommen hat, wie sich zwei Betrunkene „unterhalten“, während jeder eigentlich seinen eigenen Monolog hält und beide strikt aneinander vorbei reden, weiß wovon ich spreche.

Die Krux an der Sache: Beide denken später, sie hätten das beste Gespräch ihres Lebens geführt. Ich in meiner Beobachterposition würde sagen, sie lügen beide. Doch wer bin ich, dass ich meine Realität über die ihre stelle? Also haben wir alle Recht? Und wer hatte jetzt den schöneren Abend? Wer soll das beurteilen?

Und so stand für mich immer wieder eine Entscheidung im Raum: Welche Art von Abend wollte ich erleben? Einen in Klarheit, nackter Echtheit, ungetrübt und ohne Filter? Mit allen Vor-, Nachteilen und den mir eigenen unverhandelbaren Grenzen? Oder einen farbig, bunt besprühten, mit Spezialeffekten gepimpten, um mich am Morgen danach mit gequältem Kopfschmerz-Lächeln an die Illusion von Gemeinschaft zu erinnern, denn „das war es allemal wert“?

Meine Antwort heute, nach einem Jahr Klarheit, Echtheit und brutalem Neonlicht: Ich liebe die Echtheit. Und manchmal darf es auch eine Prise Illusion und Weichzeichner sein. Meine Wahrheit liegt, wie so oft, irgendwo in den Millionen Regenbogenfarben zwischen schwarz und weiß.

Ein Fazit

Uneingeschränkt nüchtern durchs Leben zu gehen hat mir eine Beziehung zu mir selbst ermöglicht, die ohne diese Erfahrungen nicht möglich gewesen wäre. Ich habe mich kennengelernt. Ungeschminkt unter Neonlicht. Ich bereue keinen einzigen nüchternen Tag oder Abend. Auch die nicht, an denen es mir so schwer fiel standhaft zu bleiben und Getränke als Getränke zu sehen. An denen ich nichts mehr wollte, als mich zu entspannen, dazu zu gehören, mein Leben und meine Wahrnehmung der Welt bunt zu malen und mir selbst aus dem Weg zu gehen. Den Kopf mit dem ersten Schluck Rotwein in den Nacken zu legen und mit einem Seufzer die Last der Welt, die ich mir selbst auf die Schultern geladen hatte, herunterzuschlucken. Nur für den einen Abend.

Die soziale Gravitation und der Ausweg aus dem eigenen Kopf sind besonders stark, wenn sie aussehen, wie ein Aperol Spritz in der Abendsonne am Rhein.

Ich weiß jetzt, wie ein Entspannungsknopf im Rotweinkostüm schmeckt.

Ich weiß, wie Zugehörigkeit ohne Alkohol geht.

Ich weiß, wie sich der Punkt meiner Energiekurve anfühlt, an dem die Kurve kippt.

Ich weiß, dass ich nüchtern bei weitem keine so große Partykanone bin, wie angetrunken.

Und ich weiß, dass mein Ich, so wie es ist, auch ohne Weichzeichner ganz ok ist.

Meditator, Sinnsucher, Weltretter, Brandredner, Pusteblume, Scrum Master, NLP- und Agile-Team-Coach.

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