Wenn zu viel Leben das Leben killt…

“Auf einmal ist aus der Liste von fantastischen Vorhaben genau das geworden: Eine Liste. Eine To Do Liste. Und sie will abgearbeitet werden.”

Ein Phänomen

Ich öffne meinen Kalender, sehe mir die kommenden Wochen an. Jeden Abend was vor. Termine, die zum großen Teil versprechen total großartig zu werden: Parties, Einladungen, Treffen mit Freunden, Urlaube, Kurztrips, spannende Vorträge, Veranstaltungen, Nahrung für Hirn und Seele. Es ist immer was los. Viel. Zu viel.

Und mir wird kalt. Ich seufze. Sehe die einzelnen Vorhaben überhaupt nicht. Sehe nur die Masse und fühle jetzt schon, wie ich mich am Ende dieser Odyssee fühlen werde: Ausgelaugt. Erledigt. Platt. Sozialkater!

Auf einmal ist aus der Liste von fantastischen Vorhaben genau das geworden: Eine Liste. Eine To Do Liste. Und sie will abgearbeitet werden.

Wie mein Körper nach einer durchfeierten Nacht, leidet nach einer Woche, in der ich weit über mein Energiebudget hinaus gepowert habe, meine Seele, mein Geist, mein ich. Ich bin nicht mehr ich selbst.

Und am meisten bekommen das die Menschen zu spüren, die mir am nächsten sind. Die mir am wichtigsten sind. Denen eigentlich der Großteil meiner Energie zusteht. Denen ich eigentlich am meisten von mir widmen möchte. Von denen ich dafür am meisten zurück bekomme.

Und dann traue ich mich nicht auf den kleine Pfeil in der Ecke zu klicken, der mir zeigen würde, wie die Folgewoche aussehen wird. Der mir verdeutlichen würde, wie lange ich mein Energiedefizit wohl noch mit mir herumtragen werde.


Und bin ratlos.

Warum kann ich mich nicht richtig freuen? Warum fühle ich mich gestresst beim bloßen Klick auf meine Kalender App?

Klar, die Antwort liegt auf der Hand. Weiß man doch: Einfach zu viel vor. Man liest ja überall, dass man sich Freiraum nehmen soll. Auch mal nichts tun. Also bin ich einfach zu schlecht im Priorisieren?

Gut, endlich die Antwort gefunden. Also los: Besser priorisieren.

Und da stehe ich. Und soll meinen Kurztrip mit meiner Mädelsgang gegen einen Urlaub mit meinem Freund stellen. Das Abendessen mit meiner ältesten Kindergartenfreundin gegen das Abendessen mit diesem wahnsinnig spannenden neuen Kontakt, der für meinen Werdegang gerade verspricht genau die richtige Inspiration zu sein. Soll abwägen was mir wichtiger ist, die Hochzeit eines guten Freundes — der “wichtigste Tag in seinem Leben” — oder das Geburtstagskaffeetrinken meines Opas — vielleicht sein letztes.

Und mir bricht der Schweiß aus. Verschiebe die Priorisierung auf ein andermal. Rolle die Ärmel hoch und mache einfach doch… alles…


Und dann schießt mir durch den Kopf, was in dieser Liste alles noch nicht steht: Der lange überfällige Brunch mit meiner besten Freundin. Endlich mal wieder meine Eltern besuchen. Einfach mal bei meinen Geschwistern vorbei schauen. Die Liste wird endlos.

Und ich. Ich stehe nicht auf dieser Liste.

Und für diesen Gedanken schäme ich mich. Denn sind nicht all diese Termin eigentlich für mich? Sollte ich mich nicht auf jeden dieser Termine freuen? Freude, Kraft und Energie aus ihnen ziehen?

Wann sind die kleinen, schönen Vorhaben zur Terminliste verkommen? Wo habe ich die Vorfreude und Freude selbst verloren?

Wann habe ich aus den lieben Menschen in meinem Leben Punkte auf meiner To Do Liste gemacht?

Ein kaputtgedachtes Terminsystem — ein durchgestresstes Lebensformat

Im Gedanken an die schiere Masse an Verabredungen, Vorhaben, Terminen vergessen wir, dass wir uns jeden einzelnen Termin in allen Kategorien selbst ausgesucht haben. Jeder Termin sollte “Freizeit” sein und uns die Energie zurückgeben, die wir an anderer Stelle investiert haben.

Denn eigentlich will ich sie doch alle. Alle Termine einzeln und isoliert für sich gesehen. Die Freude, die Energie und das Potenzial aufzutanken gehen erst verloren, wenn sich alles zusammenschließt zu einer Masse an “Ich muss noch”s, die eigentlich “Heute möchte ich noch”s gewesen sind und alleine für sich gesehen auch immer noch sind.


Eine Erkenntnis: Mein Energiebudget

Ich habe Energie. Sogar eine ganze Menge. Und es gibt Dinge, die mich Kraft kosten und Dinge, die mir Kraft geben. Manchmal auch beides.

Und ich brauche Zeit für mich. Zeit mit mir allein zu sein. So wie jeder Mensch. Menschen sind besonder hier sehr unterschiedlich. Einige brauchen 5 Minuten pro Tag alleine, andere 5 Stunden, wieder andere noch mehr. Und jeder Mensch hat hierfür sein ganz persönliches Gefühl.

Ein Gefühl wo Schluss ist. Ab wann man “drauf zahlt”. Wie bei der halben Stunde, die man doch noch länger auf der Party bleibt, obwohl man doch eigentlich gehen wollte. Oder bei der Verabredung zum Kaffee, die “es” irgendwie am Ende nicht wert war.

Ich habe ein Kontingent an Kraft und Energie, das ich der Welt geben kann und möchte. Ein Budget, das ich in die Welt investieren kann.

Der Gedanke an Return on Invest drängt sich auf und fühlt sich direkt egoistisch an. Falsch. Unfair. Und doch geht es genau darum. Was bekomme ich zurück, wenn ich Energie mit meiner Umwelt teile?


Ein neuer Gedanke: Ich habe eine Verantwortung

Ich habe die Verantwortung für mich und jeden einzelnen “Termin” meines Kalenders.

Mit jedem Vorhaben, das zusätzlich den Eintrag in meine Wochenplanung und damit meine Energie-Budgetplanung findet, laufe ich Gefahr nicht nur diesen Termin, sondern ALLE in der kompletten Woche nicht richtig genießen zu können.

In dem Moment, in dem ich mein Budget überreize, kippt die Wahrnehmung meines Lebens von Spaß in Stress. Nicht nur der Termin, der “irgendwie zu viel” war kippt, sondern alle im Umkreis.

Deshalb kann ich nicht auf meinen Terminplaner schauen und Termine gegeneinander abwägen. Priorisieren, was mir wichtiger ist. Sondern muss mich bei jedem Termin der hinzukommt fragen, ob er mir Wert ist, dass potenziell alle Termine im Umkreis einen Teil ihrer Farbe verlieren, ein Stück ihrer Freude einbüßen und mir die Fähigkeit rauben sie zu genießen.

Eine egoistische Einstellung? Im Gegenteil.

Ich habe eine Verantwortung.

Mein Budget, das bin ich. Ich gebe Stückchen von mir selbst in die Welt und wenn ich alle bin ist nichts mehr von mir übrig.

Jeder von uns kennt insgeheim sein Energiebudget. Unser Bauchgefühl ist sehr deutlich — wenn wir uns trauen zuzuhören.

Also habe ich doch auch die Aufgabe darauf aufzupassen, dass am Ende des Tages noch genug von mir übrig ist, damit ich nach dem Abendessen heute auch morgen, beim Kaffeetrinken mit meinem Opa noch in der Lage bin, ihm genau so viel von mir zu schenken, wie ich es möchte.


Die unangenehme Konsequenz

Versuche ich allen gerecht zu werden, werde ich keinem gerecht, denn ich bin eigentlich gar nicht da. In Gedanken bin ich schon weiter gezogen. Im nächsten Wochenende, dem nächsten Abendessen, der Planung, wie ich alles dazwischen gemanagt kriege. So hat eigentlich niemand etwas von mir. Ich beleidige alle, indem ich sie mit Resten von mir abspeise. Besonders mich selbst.


Was hilft?

  1. Sich frei machen. Frei vom Gedanken auf jeder Hochzeit tanzen zu müssen. Auf jeder Hochzeit tanzen zu KÖNNEN. Von der Illusion, “dass es doch eigentlich alles total schön ist”. Dass “das schon irgendwie geht”. Jenseits unserer ganz persönlichen Budgetgrenze zahlen wir drauf und keiner kann unser Haushaltsloch wieder stopfen, außer uns.
  2. Das eigene Budget klar kriegen. Jeder Mensch ist anders. Jeder Mensch hat ein unterschiedliches Energiebudget, das er mit der Welt teilen kann. Wie viele Termine, Vorhaben und Unternehmung kriege ich unter? Und zwar ganz ehrlich? Was sagt mein Bauchgefühl? Wo spüre ich, dass aus einem “Au ja, da hab ich Bock drauf” ein “ja, das krieg ich schon irgendwie hin” wird? Niemand außer uns selbst kann uns sagen, wo diese Grenze liegt. Und sie zu finden bedarf bestimmt ein wenig Herumexperimentieren und eine mutige Portion Achtsamkeit.
  3. Terminsorten abgrenzen. Es ist ok, wenn mich ein Abendessen mit einem entfernten Bekannten mehr Energie kostet, als ein Bierchen mit dem besten Freund. Drei Mal Bierchen mit dem Besten in einer Woche wäre für mich wahrscheinlich überhaupt kein Problem. Bei drei geplanten Verwandtendinnern in einer Woche sähe meine Einstellung der Woche gegenüber anders aus. Und das ist völlig in Ordnung.
  4. Absagen im Kopf neu denken: “Sorry, ich kann nicht.” Ein Satz, der uns so schwer über Lippen oder Whatsapptastatur geht. Implizit können wir auf der anderen Seite fast hören, wie unser Gegenüber denkt “Ich bin ihr also nicht wichtig genug.” Stattdessen denke ich meine (und andere) Absagen neu. Ich weiß, dass ich, würde ich diesen Termin wahrnehmen, niemandem mehr gerecht würde. Weder mir, noch dem Abgesagten, noch allen anderen lieben Menschen, denen ich meine Energie schenken möchte. Ich habe die Verantwortung meinen Freunden gegenüber auf mich achtzugeben, damit ich ihnen die Energie widmen kann, die sie verdienen. “Es tut mir leid. Ich könnte dir an diesem Abend nicht gerecht werden. Du bist mir zu wichtig, als dass ich dich an diesem Abend mit dem, was dann noch von mir übrig ist abspeisen möchte.”

Eine neue Wahrnehmung

Besonders der letzte Gedanke hat mein Empfinden von Verabredungen verändert.

Wenn ich da bin, bin ich da. Und das erwarte ich auch von anderen.

Ich wünsche mir, dass andere ebenso auf sich achtgeben wie ich es tue. Ich bin wählerischer geworden, was die Beziehungsqualität meiner Verabredungen angeht.

Ich empfinde es nicht als Kompliment, wenn ein Freund mich zwischen zwei Städtetrips noch eben auf einen Kaffee quetscht, fahrig mit halbem Kopf bei seiner Erledigungsliste ist und ich 90% des Gesprächs gestalte. Ich sehe seinen guten Willen und wünsche mir trotzdem, er hätte mir abgesagt.

Ich empfinde Absagen von Freunden als Wertschätzung, nicht als Beleidigung. Und ja, das erfordert manchmal einen sehr bewussten extra-Gedanken und ein wenig Bemühung.


The struggle is real

Und jeden Tag ist dieses Umdenken wieder eine Herausforderung. Mich selbst als Priorität 1 zu sehen, mein Energiebudget zu erkennen und dann vor allem zu akzeptieren, dass es endlich ist, ist schwer. Und oft schlittere ich wieder in die Falle meine Woche zu voll zu packen, weil doch irgendwie alles so wichtig ist.

Und dann zahle ich unweigerlich drauf… Und mag kein einziges meiner doch so schönen Vorhaben mehr so richtig.

Ich möchte ein Leben in Farbe. Ein Leben mit Vorfreude und Freude. Und dafür muss ich weniger davon machen. Dann ist weniger tatsächlich so viel mehr.
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