Ein Jahr ohne Zeug #2 — Wie mich meine Oma unterstützt hat. #gutschein

“Meine Spielregeln für 2015. Wer möchte mitspielen? :)
1) Kaufe nur Dinge, die Deiner Ernährung, Gesundheit oder Hygiene dienen und dabei an Masse verlieren.*
2) Leihe, tausche, stricke, besitze kollektiv, upcycle, verzichte.
3) Nimm das Spiel spielerisch, aber die Hintergründe ernst.
4) Hinterfrage Spielregeln — nicht nur die letzten drei. Mach Dir Deine eigenen.
*Du hast 2 Joker für das Jahr”
Mit diesem Facebookpost bin ich das Jahr 2015 in ein “Jahr ohne Konsum” gestartet. Jetzt ist es bald vorbei und ich möchte in mehreren Geschichten, auf die Fragen antworten, die mir am häufigsten begegnet sind.

“Aber schenken dürfen wir dir schon noch was oder?” fragte meine Oma. Es war Weihnachten im letzten Jahr. Die Absicht, das Konsumexperiment im Jahr 2015 durchzuziehen, war bereits fest in mir verankert. Meine Familie väterlicherseits war zusammengekommen. Ich würde in den nächsten 12 Monaten häufiger anderen mein Experiment erklären müssen. Warum also nicht bei der Familie anfangen. Und üben.

“Naja… alles außer gekaufte Gebrauchsgegenstände halt.”

“Puh. Achso. Ja, aber man braucht doch schonmal ein paar neue Klamotten. Also sowas gönnt man sich doch mal übers Jahr.”

“Darauf werd ich verzichten können. Also ich hab ja genug zum Anziehen. Selbst, wenn da was kaputt geht, reicht das immer noch. Und nähen könnt man das zur Not ja auch noch. Ja und ehrlich gesagt, so richtig wichtig war mir nie, wie meine Klamotten aussehen oder was ich anhabe. Das ist jetzt keine große Umstellung für mich.”

“Mmh. Nee, als das würd mich zu sehr einschränken.”

Das Gespräch ging noch ein bisschen hin und her. Das Zusammenkommen löste sich irgendwann auf und wenige Tage später startete ich in das “Jahr ohne Zeug”. Natürlich war ich ein wenig neugierig, was mir meine Oma dieses Jahr schenken würde. Es ist nicht so, dass sie mir sonst immer Gebrauchsgegenstände gekauft hätte. Aber zumindest etwas, das mir in diesem Jahr wenig nutzen würde: Sie schenkte mir in einer gewissen Zuverlässigkeit Gutscheine für Media Markt oder Saturn.

Vor allem für Speicherkarten und USB-Sticks machten sich diese gut. Um ehrlich zu sein, tauschte ich die Gutscheine aber in der Regel bei anderen Familienmitgliedern wieder gegen ihren Geldbetrag ein. Nicht immer brauchte ich was aus einem Elektrofachgeschäft. Doch besonders in meinem “Jahr ohne Zeug” würden diese Gutscheine keinen Nutzen für mich haben.

Zu meinem Geburtstag erhielt ich eine SMS von meiner Oma:

“Glueckwunsch zum geburtstag lieber pierre.kleines geschenk geht nach friedrichsha. gruss oma”

In “friedrichsha” bin ich aufgewachsen. Dort lebte ich bis vor 2 Jahren mit meiner Mama bis ich in eine WG weiter drinnen in Berlin gezogen bin. So schnell würde ich nicht zuhause vorbeikommen, um das Geschenk von Oma abholen zu können. Alternativ hätte es mir meine Mama mitbringen können, hätten wir uns dafür irgendwo in Berlin verabredet. Da ich das nicht so dringend gesehen habe und ich sowieso in ein paar Wochen meine Mama besuchen wollte, kümmerte ich mich erstmal nicht weiter drum.

Eine Woche später kam die zweite SMS:

“Lieber pierre, ist der gutschein angekommen? Schreibe mir.gruss”

“Liebe Oma, ich hab es noch nicht geschafft, das Geschenk zuhause abzuholen, aber Mama hat gesagt, dass es auf jeden Fall angekommen ist. Ich schreibe dir, wenn ich es in den Händen halte. Liebe Grüße, Pierre”

Gutschein. Da war es wieder. Ich überlegte mir schon, ob meine Mama den eventuell brauchen könnte. Als ich dann aber zwei Wochen später bei ihr war, kam es doch anders.


Meine Mama überreichte mir Omas Geburtstagsbrief. Darin befand sich eine Postkarte mit Strandmotiv auf der Vorderseite und darauf gedruckten Buchstaben:

Auf ein neues Lebensjahr voller…

Mut Stärke Hoffnung Kraft Liebe Träume

Das gefiel mir. All die sechs Dinge konnte ich in mein aktuelles Leben einordnen. Manchmal haben Geburtstagspostkartenmotive auf mich etwas Beliebiges und Austauschbares. Aber das hier zauberte mir ein Lächeln ins Gesicht. Ich fühlte mich gesehen.

Ich klappte die Postkarte auf.

“Lieber Pierre, ich gratuliere Dir recht herzlich zu Deinem Geburtstag, wünsche Dir Gesundheit, alles Liebe und Gute, Oma

Nebenbei ein kleines “Geschenk” von mir.

bitte sag mir Bescheid, wenn es angekommen ist!”

Beim Aufklappen entdeckte ich das Geschenk.

Es war — wie erwartet — ein Gutschein.

Es war — nicht wie erwartet — ein Gutschein für Kaufland.

Und das ändert alles. Meine Oma hat mich und das, was ich vorhabe verstanden. Sie hat verstanden, dass mir ein Kauflandgutschein nützt. Dass ich dort Lebensmittel kaufen kann und keine Dinge. Gleichzeitig hat sie mir nicht einfach bloß Geld geschenkt. Und das macht einen Unterschied. Das Geld hätte ich höchst wahrscheinlich in mein Porte-Monnaie gepackt und ab da wäre es nicht mehr “Omas Geschenk” gewesen. Einfach nur mehr Geld in meinem Porte-Monnaie. Beim Gutschein ist das anders. Das ist Omas Gutschein. Und wenn ich bei Kaufland einkaufen gehe, dann mit Omas Gutschein.

“Hallo Oma, ich halte nun deine Postkarte in meinen Händen. Vielen vielen Dank! Ich habe mich sehr über den Gutschein gefreut und werde damit Lebensmittel für eine leckere Mahlzeit mit meiner Freundin kaufen! Liebe Grüße, Pierre”


PS: Ich habe im Laufe des Jahres von einigen Personen (unter denen auch einige die Geschichten hier lesen) Dinge geschenkt bekommen. Um Missverständnissen vorzubeugen: Das war nicht schlimm und ich habe mich auch darüber gefreut :). Mir war, was Schenken angeht, besonders wichtig, dass mir nicht jemand nur deswegen was gekauft hat, weil ich es mir selbst nicht hätte kaufen können. Das wäre in meinen Augen unsinniges Regelumgehen gewesen. Deswegen habe ich es z.B. abgelehnt, dass mir Menschen Schuhe, Kopfhörer, einen Tabletakku usw. kaufen. Danke, dass das respektiert wurde :).


Hat euch diese Geschichte gefallen? Was bekommt manchmal widerwillig geschenkt? Welche ‘überflüssigen’ Sachen schenkt ihr manchmal, bloß um was zu schenken?


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