
Das Dilemma der Menschheit
Ach ja, die selbsternannten Adrenalin-Junkies — die sich an Gummibändern in die Tiefe stürzen, mit einem Stück Stoff am Rücken aus Flugzeugen springen, abseits der Pisten durch menschenhohen Tiefschnee fahren und ungesichert Berge erklimmen. Sie alle glauben, unter Adrenalin wären sie die großen Helden. Kampfbereit, voller Energie und unbesiegbar. Das Leben funktioniert aber anders.
Adrenalin ist ein Stresshormon. Ja, es verschafft einen Kick. Es lässt den Körper auf Hochtouren laufen. Und selbst das Müdigkeitsloch danach ist nicht schlimm, sondern fühlt sich an wie die angenehme Erschöpfung nach einer hart erbrachten Leistung. Der Adrenalin-Kick gibt dem Junkie das Gefühl, etwas Außergewöhnliches geschafft zu haben. Aber die besondere Leistung ist nur vorgetäuscht.
Adrenalin wird nämlich ausgeschüttet, wenn jemand Angst hat oder sich in einer Situation befindet, in der er unter Druck steht. Dabei geht es ums nackte Überleben. Das passiert in Extremsituationen und auf der Flucht, aber auch im alltäglichen Leben — wenn jemand unbewusst dafür sorgt, stets unter Volldampf zu stehen. Wenn er Aufgaben immer auf den letzten Drücker erledigt und sich selbst Zeitdruck macht. Oder wenn er Konflikte erzeugt, um etwas zu lösen zu haben.
Auf Dauer sorgt ein hoher Adrenalinpegel für Ruhelosigkeit, Nervosität und Angstzustände. Und sinnvolles Denken und Entscheiden wird durch reines Handeln abgelöst. Nicht unbedingt das, was einen leistungsfähig macht.
Der Mensch kann nämlich nur dann echte Höchstleistung bringen, wenn er Dopamin produziert. Das Glückshormon, das einen motiviert und den Antrieb steigert. Und das schüttet der Körper nicht aus, wenn er im Stress ist. Im Gegenteil: Dopamin wird dann produziert, wenn der Mensch leidenschaftlich ist, wenn er begeistert das tut, was er tatsächlich tun will. Wenn er sich so fühlt, wie er sich fühlen will — kurz: Wenn er seine Grundintention erfüllt.
Und hier sind wir am Dilemma der Menschheit angekommen — die Frage: Was will ich tatsächlich? Viele verknüpfen das mit Personen, Dingen, Situationen und Handlungen. Dabei geht es in Wirklichkeit um ein Gefühl — ein Gefühl, das einen erfüllt, das einen glücklich macht, das die eigenen Bedürfnisse befriedigt. Wer dieses Gefühl trifft, schüttet Dopamin aus — und ist dadurch glücklich und leistungsfähig. In jederlei Hinsicht.
Und die Adrenalin-Junkies? Die stehen in Wirklichkeit auf das Dopamin, das vor lauter Freude darüber, überlebt zu haben, ausgeschüttet wird. Aber das klingt eben weit weniger aufregend.