Der Stand der Agilität — mehr populär als konstruktiv

Sebastian Thielke
Sep 3, 2018 · 5 min read

Wenn man den Berichten, Errungenschaften und Entwicklungen in Unternehmen und Organisationen derzeitig so folgt, dann gibt es einen Umschwung der Agilität und der Arbeitsweise. Unternehmen bekommen Preise für diese Veränderungen und deren Mut. Es entstehen wundervolle Best Practice Fälle, die alle anderen motivieren. Und dann ist da die Realität. Sicherlich sind viele Initiativen und Beispiele sehr erfolgreich und bringen die Organisationen oder zumindest deren Teams voran. Doch bedeuten diese Leuchttürme auch wirklich die Veränderung der Organisation? Sie sind ein Impuls, sie sind ein gutes Vorbild aber sie sind keine Realität und schon gar nicht für eine Organisation — egal wie offen, flach in Hierarchien und digital alle sind. Vielmehr entstehen aus den Best Practices hohle Masken und Handlungen, von denen, die Erfolge nur kopieren wollen. Grundsätzlich ist hier die Best Practice schon der Fehler im System.

Hohle Phrase: Agilität

Leider ist dies die Realität- wie so oft schon. Der Hype beginnt mit denen, die den Erfolg gesehen haben und mit denen, die den einfachsten Weg gehen wollen. Da steckt meistens der Gedanke dahinter, dass sich Erfolge doch einfach kopieren lassen müssen. Wenn eine Organisation erfolgreich auch nur in einem Feld ist, dann sagen viele, dass muss nur kopiert werden und tappen in die Falle der Best Practice. Doch warum passiert das? Warum will man den leichten Weg gehen und das Lernen ausblenden?

Diese Vermeidung rührt aus mehreren Quellen aber vor allem vom Zwang schnell Erfolg und Umsetzungen zu generieren und vor allem alles ohne Fehler umzusetzen. Dies ist jedoch schon grundsätzlich falsch. Es kann nicht gelernt, erkannt und verbessert werden, wenn die Fehler nicht gemacht werden. Agilität funktioniert nur damit, dass es knirscht, knackt und raucht. Wenn dies nicht passiert, dann sollte sich die Frage gestellt werden, wo die Agilität fehlläuft. Agilität, wie auch immer sie mit welcher Methode umgesetzt wird, braucht die Fehler und das daran gebundenen Lernen. Wird dies ausgeschlossen, weil man angeblich schon alles perfekt hat, dann wird die Agilität niemals fußfassen bzw. funktionieren.

Fremde Feder auf alten Pelzen

Noch befremdlicher wird die Umsetzung von Agilität, wenn man die Methoden aber vor allem die Denk- und Arbeitsweisen über bestehende Konstrukte einfach aufsetzt. Wenn man plötzlich die eigene Arbeit, die sich seit Jahren nicht verändert hat, einfach umbenennt und mit den Schlagworten, die man gehört hat oder aus kurzfristigen Lehrseminaren mitgenommen hat, den Status Quo beibehält und schön die Straße der Gewohnheit weiterfährt. Da werden dann aus Aufgabendelegationen Backlog Packages, die wir im Team distributen. Aber schön alleine bestimmen, wer welche Aufgabe macht und wann wer was reportet. Hier werden die alten Pelze der Hierarchie getragen, in denen die Motten und Macken der Fremdbestimmung anderer hausen.

Was ist hier passiert, fragen sich die, die das Neue wollen. Angst und Kontrollverlust sind hier die Tonangeber. Angst davor, dass man die eigene Bedeutung verliert, dass die Arbeitswertigkeit, die Wichtigkeit, die Macht verloren geht. Kontrolle ist ein so schönes Instrument, die eigene Macht zu erhalten und zu fördern. Wieso also all dies abgeben für Dinge, die weder in der eigenen Erfahrung noch im Lernen erkannt werden. Wieso dem neumodischen Kram eine Chance geben, wenn wir doch mit den alten Pelzen warm und gemütlich leben? Die Probleme sind hier klar auf den individuellen Ebenen der Verantwortlichen bzw. vermeintlichen Umsetzer zu finden. Sie rühren von den eingeübten Prinzipien und Arbeitsweisen, die wir über Jahre immer wieder bestätigt und normiert wurden. Eingeübtes und gewohntes ist schwer aus dem zu verlernen, wenn lernen kein Prinzip der Arbeit ist.

Was tun und aufbrechen

Es mag zwar wie die immer wiederkehrende Phrase der Change Agenten und Gurus klingen, aber “Verlasse Deine Komfortzone” ist der einzige Weg, sich diesen Herausforderungen zu stellen. Wenn man sich folgende Punkte klarmacht und auch versucht, diese zu beherzigen, realisieren und in das tägliche Handeln einfließen zu lassen, dann verlässt man die hohlen Phrasen, wirft die alten Pelze ab und stellt sich der Agilität.

1. Lernen und lernend ist der Weg, die Agilität zu verstehen, einzusetzen und umzusetzen. Wenn wir nicht mehr lernen oder nur noch aufnehmen, dann werden wir uns nicht mehr gewahr, was sich warum ändern muss, damit wir in den neuen Umgebungen und mit den neuen Herausforderungen arbeiten können.

2. Es gibt keine einfache und kurze Lösung. Wir müssen uns den Änderungen, Veränderungen und auch dem Ungemütlichen stellen. Wir müssen neue Perspektiven einnehmen und vor allem müssen wir über unsere Schatten springen auch wenn wir die andere Seite nicht sehen.

3. Veränderung bedeutet nicht immer Verlust. Das augenscheinlich direkt vor unseren Augen liegende, wird sich an anderen Orten wiederfinden und unsere Arbeit, unsere Bedeutung und unsere Aufgaben werden dennoch da sein. Wir müssen nur wissen wie wir sie erkennen und dazu müssen wir lernen und unsere Perspektiven ändern.

4. Nichts ist dauerhaft und nicht wird für immer bleiben. Alles ist in Veränderung. Auch diesen Aspekt müssen wir annehmen und gewähren lassen. Wenn sich schon die Welt um uns herum so entwickelt, warum glauben wir dann, dass dies für unsere Realität und unsere Arbeitswelt nicht gilt?

5. Fehler machen und jedes System als etwas Neues ansehen. Sicherlich lassen sich Muster und Erfolge übertragen aber niemals in der Art und Weise, dass es der einfache Weg wird. Critical Thinking, Liminal Thinking und Multikausalität sind hier die prägenden Denkweisen. Wir müssen Fehler machen egal wie gut wir sind. Wir müssen mit Fehler lernen, sonst lernen wir nie.

Wenn wir mit diesen einfachen Punkten anfangen und uns vor allem nicht durch Selbstblendung im Weg stehen, dann wird das was mit der Agilität, dann werden wir konstruktiv und lösen uns vom populärem Gewäsch um die Themen. Denn vor allem geht es um das Machen und nicht ums Reden.

Sebastian Thielke

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Digital Enthusiast, Collaboration Enabler. Holacracy Embracer. Agile Practitioner and Listener to people.

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