Das Islam-(Un)Gesetz

Die Forderung nach einem Islamgesetz zieht sich mal wieder in der Wahlkampfsaison durch die Reihen der Politiker. Lasst uns mal kurz das Grundgesetz ignorieren und schauen was die Hauptforderungen sind.

  1. Ein Moscheeregister
  2. Keine Auslandsfinanzierung von Moscheen
  3. Imam-Ausbildung mit deutschem Islam und deutsche Predigten

Moscheeregister

Der Wunsch von diversen Politikern aus dem populistischen Spektrum ist ein Register von Moscheen. Laut diesen Politikern wisse man nicht wo die Moscheen in Deutschland zu finden sind, sie seien versteckt und wollen sich nicht zeigen.

Parallel dazu werden Moschee-Bauten, die die Moscheen in den Vordergrund bringen würden, blockiert und protestiert. In seinem neuesten Blogpost schrieb Murat Kayman:

Wer wie die CDU-Politiker wissen will, wo Moscheen sind und was in ihnen passiert, braucht kein Islamgesetz. Er müsste lediglich auf populistische Kampagnen verzichten, wenn wiedermal eine Moscheegemeinde endlich ihre Industriebrache oder ihren Hinterhof verlassen will und sich um die Errichtung einer neuen Moschee mit Minarett bemüht. Es ist ja nicht so, dass Muslime unsichtbare, versteckte Gebetshäuser errichten wollen. Vielmehr sind es fast immer Politiker des konservativen Spektrums, die sich an der Sichtbarkeit von Moscheen im Stadtbild stören.

Ein Moscheeregister ist der gleiche populistische Mist wie der MuslimBan von Donald Trump in den USA. Es dient der Stimmungsmache und Profilierung von ambitionierten Politikern, die hoffen, der AfD ein paar Stimmen zu stibitzen. Abgesehen davon, dass kein freiheitlich-rechtsstaatliches Land solche Forderungen umsetzen wird ohne die Judikative einzuschalten.

Auslandsfinanzierung

Der Wunsch nach Freilegung der Finanzen und dem Stopp von Auslandsfinanzierungen ist ein alter Wunsch, der schon dem Inssan Projekt in Berlin Probleme gemacht hat. Obwohl der Verein aus großen Teilen der muslimischen Gesellschaft finanziert wurde, konnte er die kompletten Kosten damit nicht decken. Man hat sich an Geldgeber aus dem Ausland gewidmet, diese haben meistens keine Forderungen an diese Gemeinden, weil sie es als Pflicht sehen, Moscheen zu bauen.

Das beste Beispiel hierfür ist die Moschee in Wolfsburg, welche von einem reichen Finanzier unterstützt wurde, er jedoch nichts zu sagen hat im Alltagsgeschehen und der Art von Islam, welches die Moschee unterrichtet.

Wollen wir tatsächlich die Auslandsfinanzierung abschaffen, dann muss es für alle Religionsgemeinden im Inland gelten, sowie umgekehrt für Finanzierungen ins Ausland. Aber der Staat muss es ausgleichen durch staatliche Subventionen, sonst ist es nur ein stilles Entfernen von nicht-christlichen und nicht-jüdischen Gemeinden, die nicht von der Kirchensteuer profitieren.

Imam-Ausbildung – Deutsche Predigten

Diese Forderung ist die absurdeste von allen. Das zu fordern ist einfach, den Ausmaß zu verstehen, ist eine ganz andere Geschichte.

Zuerst müssen wir uns fragen, warum werden überhaupt Imame aus dem Ausland in die Gemeinden geholt? Warum werden keine Imame in Deutschland ausgebildet?

Um diese Fragen zu beantworten müssen wir uns die sozialen Strukturen in den Moscheen anschauen. Die große Mehrheit der Moscheen sind als Rückzugsorte für Gastarbeiter und Migranten entstanden, welche nach Deutschland kamen und von der hiesigen Gesellschaft ignoriert worden und als „Gäste auf Zeit“ gesehen worden sind. Das sie ein Teil der deutschen Gesellschaft sein werden, wurde nie in Betracht gezogen. Das Ergebnis war ein Fehlen von Integrationsprojekten und Deutschprojekten. Es haben sich Parallelgesellschaften gebildet, welche bis heute ihre Nachwehen zeigen, obwohl sie nicht mehr existieren.

Die Moscheen sind also mehrheitlich von Muslimen der ersten, vielleicht der zweiten Generation besucht. Sie leiden von den gleichen Symptomen, wie die Kirchen in Deutschland: Die Jugend fehlt. Es ist in der Realität ein Teufelskreis, den die meisten Gemeinden nicht brechen können:

Moschee-Besucher sprechen xyz > Imam wird aus xyz geholt > Jugend versteht nur die Hälfte > Jugend kommt nicht mehr > Moschee-Besucher sprechen nur xyz > …

Einige vorbildliche Gemeinden haben den Schritt gemacht, deutsch-sprachige, vor allem aber in Deutschland sozialisierte Imame einzusetzen, zum Beispiel Sheikh Ferid Heider (Berlin), Sheikh Mohamed Ibrahim (Wolfsburg), Ali Özgür Özdil (Hamburg) oder Mohammed Naved Johari (Frankfurt). Dieser Schritt ist aber kein einfacher gewesen, denn man musste zwei Imame parallel beschäftigen, die die verschiedenen Besuchergruppen der Moscheen unterstützen.

Leider kann nicht jede Moschee dieses teure Investment machen. Vor allem da der Erfolg davon von vielen Faktoren abhängt. Die Mehrheit der Jugendlichen mit muslimischen Hintergrund, die in der zweiten, dritten oder sogar vierten Generation in Deutschland leben, haben nur ganz minimal mit den Islam zu tun und besuchen sie nur an bestimmten Tagen, ähnlich wie es in den christlichen oder jüdischen Gemeinden geschieht.

Wenn wir eine transparente Gesellschaft haben wollen, dann müssen wir das erreichen, in dem wir Vertrauen in die Gemeinden zeigen, so wie es der Berliner Oberbürgermeister Müller gemacht hat mit dem großen Projekt “Weltoffenes Berlin”. Die selben Moscheen, die hier mit allen anderen religiösen Gemeinden zusammenarbeiten, werden wiederum mit Misstrauen aus Politik und Medien begegnet. Das führt zu nichts und nur zur Marginalisierung von muslimischen Gemeinden.

Schnappschuss während der Kundgebung “Weltoffenes Berlin” / © NBS e.V.

Was nehmen wir mit?

Wollen wir nicht alle das Gleiche? Eine inklusive, freie, deutsche Gesellschaft in der jeder seine Meinung sagen kann, auch wenn sie neu oder anders ist. In der wir kritisch miteinander sprechen und nicht gleich mit Misstrauen begegnen. Schönes Vorbild war diese Aktion der Wolfsburger Moschee in der letzten Woche (via Mustapha Balti):

By the way, der Herr Constantin #Schreiber ist im Rahmen eines Berichts des Kulturjournals des #NDR, zu Besuch in unserer Wolfsburger Moschee heute. Er nimmt an dem Freitagsgebet in einer Moschee Teil, die zu den ersten Deutschlands zählte, welche von der Kanzel aus, wie von seinen Befürwortern gefordert, auf deutsch gepredigt wird. Mittlerweile seit fast einem Jahrzehnt.
Mehr noch Mohamed S. Ibrahim, veröffentlicht all seine Predigten online. 
Wir sind besonders nachdem heutigen Artikel von Daniel Bax gespannt zu welchem Ergebnis #Schreiber kommen wird. Unser Geschäftsführer Herr Ibrahim hat sich richtigerweise dafür stark gemacht, dass die Begegnung stattfindet. Wir sind gespannt.
Constantin Schreiber und Sheikh Mohamed Ibrahim / © Mustapha Balti

Die muslimischen Gemeinden haben sehr große Herausforderungen, die angegangen werden müssen, aber es sind nicht die, die Jens Spahn, Julia Klöckner oder Constantin Schreiber beschreiben. Ich lade jeden Politiker ein, seine lokale Moschee oder überhaupt eine zu besuchen und mit dieser Wählerschaft zu sprechen. Erstens sind das Stimmen, die man gewinnen kann, mehr als in der rechten Szene und zweitens erfährt man mehr über die genauen Herausforderungen, mit denen man Ergebnisse erzielen kann. Auch wenn man am Anfang selbst als das Problem konfrontiert wird, das lässt sich schnell ändern, wenn man in den Dialog tritt.

Wer Rechtschreibfehler findet, darf sie behalten. 😌