Mein Lieferant hat Angst

Mein Lieferant hat Angst. Er hat Angst, dass ihm sein Auto geklaut wird, während er die Pizza ins Haus bringt, ein uralter Wagen, der oft nicht anspringt und mit dem er aber auch privat noch fahren muss. Wurde aber schon geklaut und dann einige Straßen weiter offen gefunden, es gab nichts zu klauen außer dem Wagen selbst. Er hat Angst, dass er zu spät liefert. Er sagt, die Menschen würden bei Verzögerung ihr Geld zurückfordern und die Pizza trotzdem annehmen und er sagt, sie würden ständig schlechte Wutbewertungen hinterlassen, ohne das Gespräch zu suchen. Er sagt, im Sommer sei er einmal bei der Lieferung kollabiert und der Chef habe die Kunden einzeln angerufen, dass er die Lieferung neu rausschickt, aber keiner der Kunden habe Verständnis gezeigt.

Mein Lieferant hat Angst. Angst vor den Kunden, die wütend würden, wenn er bei der Übergabe des Essens aus Versehen ihre Hand berühre. Mein Lieferant hat Angst, dass Menschen die Tür nicht öffnen wenn sie ihn durch den Spion sehen, er habe halt zu dunkle Haut um vertrauenswürdig zu wirken. Mein Lieferant sagt, Menschen hätten sich bereits angeekelt die Hand an der Hose abgewischt, nachdem sie die Pizza von ihm annahmen. Der neue Lieferant sagt beim Klingeln dazu, keine Angst, er sei der Lieferant, nicht hier um jemanden auszurauben, ich rufe zurück dass ich mir nur eben eine Hose anziehen muss, dann lachen wir beide, er erleichtert.

Mein Lieferant hat Angst, wenn jemand mehr Trinkgeld gibt als gewöhnlich. Die Menschen in dieser Stadt gäben nie Trinkgeld. Ich gebe zu Ende des Jahres einen Zehner drauf, der neue Lieferant nimmt ihn zuerst nicht an, fragt misstrauisch was ich dafür will. Mein Lieferant versteht nicht, warum ich bei Essensbestellungen zu Restaurantpreisen auch Trinkgeld nach Restaurantniveau berechne, fragt zögerlich ob ich auch eine gute Bewertung noch hinterlassen könnte, wenn ich den Laden so schätze dass ich Trinkgeld geben möchte. Aber nur wenn ich Zeit habe, alle die Pizza bestellen seien ja sicher vielbeschäftigt.

Mein Lieferant erzählt von seiner Katze. Er findet es schön, dass wir beide eine Katze haben, normalerweise hat er wenig mit den Kunden gemeinsam. Mein Lieferant sagt, bei seinem Stundenlohn könne er sich keine Pizza leisten. Mein Lieferant fügt hinzu, dass daheim ja auch eine Familie säße, die davon leben muss, aber keine Sorge, nicht so wie “andere Migranten”, nur zwei Kinder, er wollte drei aber in Deutschland könne man keine drei Kinder ernähren und dann lacht er und sagt, aber zu Hause kann man ja nicht überleben.