Die Angst vor der guten Tat.
Fabian Neidhardt
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Ein gutes Beispiel, das mir auch schon mehrfach passiert ist. Ihr Beitrag ist, so glaube ich, neben dem Einzelfall bewusst als Parabel auf unser aller Verhalten formuliert (Auch eine Verkäuferin hätte handeln können oder gegebenenfalls ein anderer Beobachter.) Bei Centbeträgen wäre dieser Ausgleich selbstverständlich, denn es wird nicht ernstlich von der Umwelt als „gute Tat“ registriert, ein Begriff, der die Überhöhung von Selbstverständlichkeiten klar macht. Auch wenn ich die marktwirtschaftliche Ordnung für die einzig richtige halte, so beobachte ich mit Sorge, dass hieran deutlich wird, dass es in uns allen eine zumindest unbewusste Tendenz gibt, ob in die ablehnende oder die bejahende Richtung, bis zum Beweis des Gegenteils die Bedeutung eines Menschen nach seinem Vermögen zu beurteilen, ganz nach der Devise Woyzecks, der Mensch sei, was er isst.

Übersteigt der Betrag mithin ein oder zwei Euro und liegt noch in einem für den Zuschauer leicht verschmerzbaren Bereich, liegt die Bereitschaft zu handeln anders. Dies hat nichts mit Geiz oder Sparnotwendigkeit zu tun (Dabei nehme ich bewusst alle Personen aus, für die auch kleine Beträge viel Geld sind):

Nach meiner Auffassung hat sich verinnerlicht, dass zu den Kardinaltugenden gehört, Menschen nicht zu beschämen. Für die Mehrheit der Kunden, die wie Sie zurecht ausführen, keine Cola an der Tanke kaufen, sondern bewusst Geschäft und Waren auswählen, sind einmalig 30€ selten wirklich schmerzhaft. Damit kehre ich zu dem vorvergangenen Absatz zurück, in dem ich den Impuls beschrieb, die Bedeutung eines Menschen mit seiner finanzielle Leistungsfähigkeit zu korrelieren (in Geld „zu bemessen“ wäre eine übertriebene Formulierung). Die Degradierung der Käuferin für einige Sekunden auf den Stand einer stummen Bittstellerin oder stillen Bettlerin lässt uns aus falschem Taktgefühl zurückschrecken.

Und dennoch: Es ist die Zurschaustellung der in diesem einen, einzigen Moment gegebenen finanziellen Überlegenheit, die die Menschen zurückschrecken lässt. Es mag absurd sein, aber genauso, wie ich mich in der Kirche bei der Kollekte nur deshalb nicht unwohl fühle, einen Geldschein einzuwerfen, weil man auch vermuten kann, dass ich nichts als Gabe opfere, verhält es sich hier an der Kasse: Ganz konkret verweigert man gegenüber dem Nächsten diesen Akt der Hilfe aus vermutlich falsch verstandener Nächstenliebe, weil man die Person nicht beschämen will, aber auch nicht nebenbei buchstäblich als Prolet dastehen will, der ein „Was kostet die Welt“-Gebahren an den Tag legen will.

Wie absurd, ja fast bigott, diese Einstellung im Grunde genommen ist, wird mir für mich selbst stets wenige Minuten später klar, wenn ich meinen Wagen belade, der zwar kein Luxusauto ist, aber für viele ein Statussymbol, dessen Benutzung und damit verbundene Zurschaustellung mir ebensowenig ausmacht wie das Tragen von als solche erkennbarer „Markenbekleidung“.

Ihr Artikel macht jedenfalls mir einmal mehr klar, dass die kritische Selbstreflexion zur gleichen Antwort führt wie der spontane Impuls zu helfen, aber die Sozialisation uns dann absurderweise aus Höflichkeit (!) treibt, dem Impuls nicht zu folgen.

Danke, dass Sie mir jedenfalls geholfen haben, zukünftig mein Verhalten zu revidieren.

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