Wiener Willkommensgruß

Hunderte Freiwillige begrüßten mit Spenden Flüchtlinge am Wiener Westbahnhof.

Es hätte Tote gegeben, hätten die Flüchtlinge nicht bald den Budapester Bahnhof verlassen, meinte der Flüchtlingsexperte Mark Speer in der ZiB2 vom Montag.

Zum Glück waren zur gleichen Zeit tausende Flüchtlinge bereits in Sicherheit in Wien. Bei ihnen: Hunderte Freiwillige, die halfen.

Um 22:30 Uhr war der Westbahnhof so voll, dass man Mühe hatte, sich durch die Massen zu drängen. Fünf Personen sperrten einen Teil von Bahnsteig 1 ab, um Spenden zu sammeln. Sie seien von keiner Organisation, sagten sie, sondern Freiwillige, wie alle hier. Das Rote Kreuz stand zustätzlich bereit, die Caritas schenkte Suppe aus. (Hier ein sechsminütiges Video von dort)

Viele ließen sich von der Unmittelbarkeit inspirieren: Kauf eine Flasche Wasser und gib’ sie einem erschöpften Flüchtling. Im Supermarkt an der U3 herrschte großer Andrang. Die Supermarkt-Mitarbeiter schoben die Vorräte aus dem Lager unsortiert auf den Flur, Wasser und Hygieneprodukte wie Feuchttücher und Damenbinden waren um 23:00 Uhr fast ausverkauft.

Die letzten Wasserflaschen, die es um 23:00 Uhr noch zu kaufen gab.

Menschen aus unterschiedlichen Milieus — Teenager mit Dreadlocks, Männer mit Hemd und gegelten Haaren, ältere Frauen, Familienväter mit ihren Söhnen — alle kauften für Flüchtlinge ein. “Was können die wohl brauchen?” standen sie meist rätselnd vor dem Regal. Eine Frau Mitte Zwanzig breitete die Arme vor ihrer Brust aus und sagte zu ihrer Freundin: “Lad’ auf, was Platz hat.” Das waren geschätzte 20 Packungen Damenbinden. Eine andere Dame nahm 10 Tuben Duschgel mit, ein junger Mann griff nach Kinder-Zahnbürsten und Zahnpasta.

Ein paar Minuten später waren die Produkte in den Händen der hunderten Flüchtlinge, die auf den Bahnsteigen auf die Weiterreise nach Deutschland warteten.

Die Polizei hätte sie laut Gesetz daran hindern müssen — eigentlich. Sie ließ die Menschen jedoch passieren. Einen so enormen “Besucherstrom” könne man nicht kontrollieren, so Polizeisprecher Roman Hahslinger.

Um 23:30 Uhr bat die ÖBB via Durchsage, Bahnsteig 1 komplett zu räumen. Nur eine handvoll Freiwilliger, die Spenden verteilen wollten, blieben.
Dann fuhr der Zug ein:

Wenn in der Flüchtlingsfrage in letzter Zeit etwas von Schönheit war, dann dieser Moment. Erschöpfte Flüchtlinge stiegen aus und wurden mit Getränken, Jubel und Applaus empfangen. Es war — nach Wochen der zunehmenden Fremdenfeindlichkeit — ein zivilgesellschaftlicher Akt der Widerrede.

Die Flüchtlinge passierten die Menschenmenge durch einen Korridor und verschwanden im Getümmel.

Das war’s. Eine kleine Aktion, zugegeben.

Ein Freiwilliger meinte im Nachhinein, dass es ihn nicht gebraucht hätte. An der Asylproblematik ändere seine Anwesenheit wenig. Das stimmt. Ungarn wird seinen Zaun deswegen nicht einreißen. Und die österreichische Regierung wird nicht plötzlich Asylwerber in vier Wänden unterbringen (was sie seit vier Monaten nicht schafft). Innen- und Außenminister wollen das “Einwanderungsland Österreich” auch weiterhin noch “unattraktiver” machen. Die Menschen am Wiener Westbahnhof haben am Monntagabend nichts Großes vollbracht. Sie haben gesagt, was die österreichische Bundesregierung bisher leider noch nicht über die Lippen gebracht hat: “Willkommen!”

Und — hallo! — seht euch diese Gesichter an.

Diskutieren Sie mit mir auf Twitter und Facebook.