Ein Morgen in Hongkong

“You’re in Hong Kong, you don’t need sleep!” Der Spruch, der in dem
Mehrbettzimmer meines Hostels öfter fiel, wenn jemand
unvorsichtigerweise geweckt worden ist, habe ich mir während meiner
Zeit dort zum Motto gemacht. Anstatt nachts lange und ausgiebig zu
ruhen, hat sich mein Schlafrhythmus auf ungefähr drei Stunden in der
Nacht und drei Stunden am Nachmittag eingependelt, so hatte ich viel
vom Tag und genug Energie für das Nachtleben. Besonders angenehm ist
es, die ersten Morgenstunden auszukosten, wenn diese ultralebendige
Stadt noch ein wenig verschlafen ist. Die Metros sind um sechs Uhr noch
vergleichsweise menschenleer und auch die Hauptstraßen und kleinen
Einkaufsgassen wirken friedlich im Licht des Sonnenaufgangs.

Martial Arts für wenig Geld

In manchen Touristenführern und Webseiten steht, dass das Hongkong Tourist Board an einigen Tagen gratis Tai-Chi Stunden anbietet. Diese Info
ist leider veraltet, das Programm wurde anscheinend eingestellt. Ich erfuhr aber, dass jeden Montag, Mittwoch und Freitag um 07:30 Kurse in Tsim Sha Tsui stattfinden. Diese sind zwar nicht umsonst, gehören aber für 50 HKD (derzeit knapp unter 6 €) in dieser Stadt zu den eher günstigen Aktivitäten.

Am Victoria Hafenbecken, direkt an der Waterfront Promenade in Tsim Sha Tsui mit Blick auf eine der krassesten Skylines der Welt gelegen, ist der Ort des Kurses nicht weniger als perfekt gewählt. Die Gruppe fand sich vor dem Cultural Centre an der großen Treppe zusammen. Geleitet wurde sie von William und Pandora, erkennbar an ihren weiß-glänzenden traditionellen Trainingskostümen. William, der aus einem Cartoon über einen alten Kung Fu Meister gesprungen sein könnte, erklärte der Gruppe zu Anfang, was wir in den folgenden 90 Minuten lernen würden: eine kurze und eine lange Tai Chi Form, eine Qi Gong Übung, etwas Kung Fu
und zum Schluss eine kurze Einweisung in den traditionellen Fächerkampf.
Ein Rundumschlag um die traditionellen Bewegungskünste also, nicht
schlecht!

Kein Neuling braucht sich davor scheuen, bei solchen unbekannten
Übungen schlecht auszusehen. Alle Formen werden vom Meister
vorgemacht und die Gruppe ahmt sie nach, so gut es geht. Am besten ist
es, sich als Anfänger nach hinten zu stellen und den Meister und die
fortgeschrittenen Schüler genau zu beobachten.

Vier kultivierte Künste

Tai Chi, oder Tai Chi Chuan, ist das klassische chinesische Schattenboxen.
Wobei es nicht wirklich nach Boxtraining aussieht, es sind sehr langsame,
weiche und schöne Abläufe, die den ganzen Körper in einen
Bewegungsfluss bringen, der sowohl entspannend als auch belebend ist.
Tai Chi ist in China Volkssport und wird jeden Morgen an öffentlichen
Plätzen von Menschen jedes Alters praktiziert um in Schwung zu kommen.
Fortgeschrittene können Tai Chi auch zum Kampf einsetzen.

Qigong, oder Ch’i-Kung bedeutet Arbeit mit dem Qi, also der Lebenskraft.
Diese taoistische Kunst ist sozusagen der Übervater von Tai Chi und von
Nicht-Experten nur schwer zu beschreiben. Die Formen bestehen im
Gegensatz zu Tai Chi und Kung Fu nicht aus Schlag-, Tritt- und Blockkombos, sondern konzentrieren sich eher darauf bestimmte Stellen des eigenen Körpers gezielt zu stimulieren. So gibt es spezielle Übungen für Herz, Gesicht und innere Organe wie die Nieren.

Kung Fu ist die im Westen wohl bekannteste chinesische Kampfkunst.
Wobei es sich hierbei um einen Überbegriff für unterschiedliche Stile
handelt, die sich nur durch mühevolle, repetitive Arbeit erlernen lassen.
Kung Fu Schulen aus den Shaolin Klöstern oder das von Bruce Lee populär
gemachte und weiterentwickelte Wing Chun kennen wir alle aus
einschlägigen Filmen. Es ist anstrengend, hart und kampfbetont.

Den Fächerkampf hatte ich bisher noch gar nicht auf dem Schirm. Wie mir
ein älterer Kursteilnehmer aus den USA erklärte, wurden besonders Frauen in den vergangenen Jahrhunderten, die alleine und schutzlos auf Reisen gegangen sind, darin ausgebildet. Die halbkreisförmigen, oft mit chinesischen Motiven verzierten Fächer gibt es auch aus Metall und können richtig eingesetzt zu eleganten und gefährlichen Waffen werden. In Japan sind sie unter dem Namen Tessen zu finden. Die Übungen erinnerten mich ein wenig an den Säbelkampf aus dem Kung Fu. Gekonnt, sehen sie auch bei Männern cool aus.

Entspannt in den Park

Nach dem Training fühlte ich mich leicht und beschwingt und hatte das Gefühl den kommenden Tag mit voller Energie angehen zu können. Ich ließ den Tag dann langsam beginnen mit einem kleinen Frühstück aus einem der hervorragenden kleinen Bäckereilädchen und einem
meditativen Spaziergang durch den nahegelegenen Kowloon Park. Die Menschen hier nutzen Parks noch richtig aus: es wird gruppengetanzt, Tai Chi und Kampftraining absolviert, die Füße auf speziellen Massagepfaden stimuliert und meditiert. Nach solchen Morgenritualen ist es kaum ein Wunder dass die Hongkonger ihre Wahnsinnsstadt mit solch einer Gelassenheit durchwandern.

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