Der allererste 1. Mai

„Da kann es auch passieren, dass die Kundgebung am 1. Mai zu einer Demonstration gegen die SPÖ-Spitze wird. Da ist was ins Rutschen gekommen“ — sagte Brigitte Ederer vor wenigen Tagen der Tiroler Tageszeitung. Und nach der katastrophalen Niederlage des Faymann-Doskozil-Kurses in der Wahl vergangene Woche geht es am heurigen 1. Mai tatsächlich um eine zentrales Ziel: Den Kampf um einen Neustart innerhalb der Sozialdemokratie! Hans Resel, der Gründer der steirischen SPÖ, startete sein politisches Engagement in gänzlich anderen Zeiten. Bedroht von Militär, Polizei und Monarchie half er mit, die erste Maifeier in der Geschichte dieses Bundeslandes zu organisieren. Seine Erinnerungen an den 1. Mai 1889 schildert er so:

„Die Stimmung der Parteigenossen, die für die erste Maifeier die Agitation betrieben, schilderte Johann Resel, der in der Sackstraße in einer Kellerwohnung hauste, viele Jahre später:
‚Ängstlich sperrte ich die Ladentüre am Morgen des 1. Mai auf, um den ersten Blick auf die Straße zu machen. Wochen hindurch hatten wir, die Genossen, bis zur völligen Erschöpfung im Sinne des Beschlusses des Internationalen Arbeiterkongresses in Paris agitiert. Der erste Blick auf die Straße mußte mir zeigen, ob die Arbeiterschaft dem Rufe gefolgt war.
Ein Stoß, die Tür flog auf. Zuerst sah ich feiertägig gekleidete, mit roten Nelken geschmückte Arbeitergruppen. Dann sah ich die Straße entlang — sie hatte ein sonntägiges Gepräge! Alle Passanten waren im Sonntagsstaat. Auf den zwei Neubauten in der Straße ruhte die Arbeit! Freudig atmete ich auf und trat rasch in den Laden zurück, geschwind schlüpfte ich in meinen Rock und lief auf den Schloßberg. Atemlos hatte ich den ersten Aussichtspunkt über die Stadt erreicht; es flimmerte mir vor den Augen. Als mein Blick frei wurde, entfloh ein freudiges Ah! meinen Lippen — keiner der Fabrikschlote rauchte, festlich gekleidete Menschengruppen bevölkerten die Straßen der Arbeiterviertel.
Dieser Tag war mir wie Tausenden und Abertausenden der denkwürdigste im Leben, der denkwürdigste 1. Mai. Man war nicht der Arbeit entflohen, aus Lust, die Natur zu genießen, nicht um der Lustbarkeit zu frönen, ruhte die Arbeit. Nein, sie ruhte um kundzugeben, daß die Lohnsklaven aller Länder und Zungen des gleichen Sinnes sind, die Sklaverei zu brechen, die Freiheit des Wortes zu erringen, als Lohn für die Arbeit ihre Produkte zu genießen, den herrlichen Grundsatz: Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit zur Wahrheit zu machen. Dieser 1. Mai setzte an Stelle des sentimentalen Sinnes, an Stelle des hungernden Verlangens, des verzweifelten Ringens den zielbewußten Kampf um die Rechte der arbeitenden Menschheit.’
In so freudiger Stimmung sprach dann Resel vormittags in einer Massenversammlung in der Puntigamer Bierhalle über die Maifeier und das sozialdemokratische Programm.
Die politische Geschichte war ironisch genug, 30 Jahre später, 1918, den Abgestraften und politisch Verfolgten zum Militärbevollmächtigten von Steiermark zu machen.“*

Hans Resel, der so emotional die allererste Maifeier der Steiermark beschreibt, war in einer Zeit aktiv, als politisches Engagement noch nicht von den heutigen Grundrechten geschützt war — einer Ära, in der Streik oft Kündigung, die Teilnahme an Versammlungen oft Überwachung und öffentliche Reden oft Gefängnis bedeuten. Als einer der „Radikalen“ innerhalb der Arbeiterbewegung lag es an ihm, die Basis für die Einheit der österreichischen Linken am Einheitsparteitag von Hainfeld 1888/1889 zu schaffen. Von jenem historischen Ort stammt auch sein Zitat:

„Wer sagt: Er sei radikal, soll das dadurch zeigen, daß er mit allen Kräften vorwärts arbeitet und für die Sammlung der Kräfte der sozialdemokratischen Partei Österreichs kämpft.“*

Das gilt heute wohl mehr denn je.

* zitiert aus „Man, Heinz; Steiermarks Sozialdemokraten im Sturm der Zeit (Selbstverlag, Graz, 1988)

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