A Migrantenbonus a Day…

Der Pekinger Verkehr verwirrt so manchen Auslaender (Symbolbild) — Quelle: Wikipedia/Wikimedia

Im zumindest medial letzter Tage aufgewuehlt daherkommenden Land zwischen Rhein und Oder ist mancherorts zu hoeren: Schluss mit dem Migrantenbonus! Mitgefuehl und fuenfe mal gerade sein Lassen fuer Fremde, fuer Einwander_innen, die sich noch nicht recht auskennen? — Pustekuchen, damit muss jetzt Schluss sein.

Nun ist der Bonus ja auch aus ganz anderen Gruenden in Misskredit geraten, aber das gehoert jetzt nicht hierher. Ich moechte nun ueber meinen kleinen, aber feinen Migrantenbonus schreiben, den man mir als Migranten einst in Beijing zugutekommen liess. Er schmeckte so suess! — aber der Reihe nach.
Keine Ahnung wieso genau, aber ich kann im Flugzeug einfach nicht schlafen. Vor mir koennte ein Terrorist sitzen, das Triebwerk koennte Feuer fangen oder die Piloten koennten aus Versehen giftigen Fisch gegessen haben — man kennt das aus Funk und Fernsehen. Abgesehen davon ruckelt und rauscht es in Permanenz, und in der Preisklasse, die ich mir leisten kann, ist zudem das Platzangebot eigentlich eines fuer Sardinen.

Also stieg ich mit Augenringen, die mich — wuerde ich noch an einem Bambuszweiglein herumknabbern — glatt als Panda haetten durchgehen lassen, nach neun Stunden aus dem Flieger und in die Arme der Bekannten meiner Freundin, die den Auftrag erhalten hatte, mich an mein naechstes Ziel in Nordchina bringen. Schon fuer ausgeschlafene Pekinger ist die Stadt eine staendige Herausforderung, mit ihrem Tempo, ihrer Wuseligkeit und einer Geraeuschkulisse, die fiebrig oszilliert zwischen Kakophonie und Beautiful Noise. Was sollte ich als vom Schlafdefizit gezeichnete Langnase da erst sagen?

Nun, zunaechst sagte ich gar nichts, denn mein Chinesisch war noch duerftig, so dass ich die Organisation der Weiterreise getrost meiner Bekannten ueberlassen wollte.
Die aber, selbst auch keine Hauptstaedterin, entpuppte sich ebenfalls als leicht ueberfordert, schwankte zwischen offiziellen und schwarzen Taxis hin und her, bis sie nach entnervenden zwanzig Minuten endlich eine Fahrgelegenheit zum naechsten geeigneten Busbahnhof parat hatte.
Unsere Verstaendigung, oder besser gesagt der Mangel daran, taten ein Weiteres, um mich zu verunsichern, denn ich konnte nicht verstehen, wie, wann und wo wir in die Nordprovinz kommen sollten. Sie sprach gefuehlte fuenf Woerter Deutsch und noch weniger Englisch, waehrend mein Chinesisch erstens nur eines aus dem Schulbuch und zweitens im Alltag noch nie erprobt worden war.

Angekommen an jenem ZOB fuer Fernbusse verstaerkte sich mein Eindruck, gestrandet zu sein. Meine Bekannte liess mich auf dem staubigen Trottoir mit unserem zahlreichen Gepaeck allein, um sich ohne ueberzeugenden Erfolg am Ticketschalter und bei anderen Reisenden nach unserem Bus zu erkundigen. Mir fielen die Augen zu, mein Magen knurrte, und ich empfand diesen Ort als denkbar raetselhaft und ungemuetlich. Es war verstaubt, und wir waren dort wie abgeschnitten: Hinter dem Busbahnhof lag eine abgezaeunte Brache, vor uns eine zwei Mal vierspurige Ringstrasse ohne jegliches Anzeichen eines Fussgaengerueberwegs. Schilder, Fahrplaene und dergleichen suchte man vergebens. Dafuer stolzierte ein dicker Mittvierziger mit ueber den Bauch hochgerolltem T-Shirt auf und ab, waehrend er unaufhoerlich „Taaaxii, Taaaxii, heyy!“ rief. Meine naechste ungeduldige Frage, wann und wie es denn nun endlich weitergehe, beantwortete meine Begleiterin mit einem entschuldigendem Laecheln. Das war zu viel. Ich rief meine Freundin in Deutschland an und raunzte sie auf Deutsch lautstark an: Was ihr denn einfiele, die Weiterreise derart schlecht geplant und unsere gemeinsame Bekannte derart duerftig instruiert zu haben, polterte ich in den Hoerer.

Ich musste eine Mischung aus Rumpelstilzchen und heulendem Kleinkind im Koerper eines erwachsenen Mannes abgegeben haben. Ich war laut, hatte in aller Oeffentlichkeit meine Fassung verloren. Beides gilt Chinesen als hoechst peinlich — und unzivilisiert. Aber man reagierte auf mich, diesen peinlichen Rohling aus dem fernen Westen: mit einem Apfel.

Ein Busfahrer tuschelte mit meiner Bekannten, dann lotste er mich mit Haenden und Fuessen zum Parkplatz der Busse, der sich abseits des Wartebereichs befand. Er fuehrte mich in eines der Fahrzeuge und deutete einladend auf einen Liegeplatz. Verwirrt, aber dankbar bettete ich mein muedes Haupt in das graue Kissen. Der Fahrer ging nach vorn und kam mit einem Apfel wieder zurueck, den ich unglaeubig annahm. Dann entfernte er sich, waehrend ich schlummern konnte, bis unsere Fahrt losging.
Was ich beschreibe, ist eigentlich ein First World-Problem. Ich hatte Geld in der Tasche, sprach ein paar Brocken in der Landessprache, hatte eine Begleiterin und — last but not least — einen Studienplatz in Beijing.

Um wie viele tausend Mal gesteigert waeren meine Verwirrung und meine Angst an jenem Busbahnhof gewesen, wenn…
Um nun trotzdem den ziemlich gewagten radikalen migrationspolitischen Bogen zu schlagen, gebe ich hiermit die Parole aus:

Verschenkt ein, zwei, viele Aepfel!