Ghost in the Shell (2017)

Danke Hollywood, jetzt versteht es auch der Dümmste!

Ghost in the Shell (2017) beginnt mit einer wunderschönen Eröffnungssequenz, die den Ton des Originals gekonnt einfängt und zeigt, was man die nächsten zwei Stunden audiovisuell erwarten kann.

Und sofort danach beweist der erste Dialog, wie er diese Atmosphäre ständig zerstören wird.

Während im Original Begriffe wie “Ghost” organisch in den Gesprächen vorkommen, sodass der Zuschauer ohne Pausen schnell begreift, was damit gemeint ist, muss die Neuauflage natürlich einen offensichtlichen Exposition-Text als Pacing-Killer einwerfen. Dieser erklärt auf eine peinlich künstliche Art die Bedeutung des Titels.

Man kann förmlich das Meeting hinter dieser Entscheidung spüren, in dem man sich für den Erklärungstext entschied, weil natürlich nicht jeder sofort kapiert hätte, was die Leute bei der Erwähnung eines Ghosts meinen. Sigh…

Es ist ein kurzer Moment im Film. Keine Minute vergeht, bis der Dialog ausgekotzt wurde, aber er setzt ein deutliches Anzeichen, welche Richtung diese für den Massenmarkt weichgespülte Umsetzung einschlagen wird. Automatisch beginnt man damit, jede Änderung aus dieser Perspektive zu hinterfragen.

Warum zum Beispiel beginnt der Film nicht länger mit Motokos Anschlag, sondern packt ihre Schöpfung an den Anfang? Damit bloß niemand im Kino für einen kurzen Moment verwirrt ist, dass hier Szenen in einer nicht chronologischen Reihenfolge abgespielt werden?

Unimpressed

Ähnliche Fragen folgen im Dauerfeuer. Wieso besitzt Batou seine Augmentation nicht schon zum Beginn des Films? Na, weil der Zuschauer sonst blöde Fragen bezogen auf seine seltsamen Kuckerchen stellen könnte. Stattdessen entsteht hier ein für mich komplett neues Problem, das früher nie existierte: Warum holt sich Batou derart seltsame Visiere, wenn er doch wahrscheinlich auch real aussehende Augen haben könnte? Immerhin müsste er sich dann auch keine Sorgen um die Zuneigung seiner extra für diesen Konflikt eingeführten Hunde machen.

Ich meine, wenn Motoko diese Art der Augmentation erhalten kann, warum zu diesem Zeitpunkt nicht auch Batou? Im Anime bin ich davon ausgegangen, dass er diese Anpassung schon seit langer Zeit besitzt oder sie absichtlich hat installieren lassen, weshalb ich die Logik hinter seiner Entscheidung nie hinterfragte. Stattdessen lenkt der 2017-Film absichtlich die Aufmerksamkeit des Zuschauers auf diesen Aspekt und verliert prompt an Glaubwürdigkeit.

Genauso ist es seltsam, wie manche Szenen aus irgendeinem Zwang heraus in das neue Skript gepackt wurden, ohne auf eine natürliche Einbindung zu achten. Im Original scheinen Motoko und Batou freiwillig zusammen auf dem Boot hinauszufahren. Im Film versucht Batou dagegen, seine Kollegin ohne ihr Wissen zu finden, was die Frage aufwirft, ob er entweder alleine auf das Boot mitten im Wasser geschwommen ist oder Motoko ohne eigenen Kutter Hunderte Meter von der Küste entfernt ihren Tauchgang ausübte.

Am schlimmsten ist jedoch die Neuinterpretation des des­il­lu­si­o­nie­rten Müllmanns. Wurde seine Figur im Original langsam und glaubhaft eingeführt, lässt ihn die neue Adaption nach zwei Sätzen sofort zum gehackten Killer mutieren. Leider geht dadurch die gesamte Kraft der schlussendlichen Punchline flöten.

Just fuck my shit up

Der Anime verrät bis zur Auflösung nicht, dass er auf einer mechanischen Ebene manipuliert wurde. Stattdessen wird er als normaler Charakter eingeführt, der in natürlich wirkenden Sätzen seine Motivation erklärt. Als dann zum Schluss herauskommt, dass diese Hintergründe auf falschen Erinnerungen basieren und das zuvor bereits gezeigte Foto gar nicht seine Tochter zeigt, schlägt es einem auf die Magengrube. Der Anime lässt den Moment ein wenig sacken und erklärt die Situation nur ganz knapp, um dem Zuschauer seinen Freiraum zum eigenen Nachdenken zu lassen.

Die Realverfilmung erwähnt stattdessen bloß eine Charaktereigenschaft und zeigt dann sofort, dass es sich hierbei um eine feindliche Übernahme des Müllmanns handelt. Während der darauffolgenden Erklärung fehlt demnach jeglicher Schock beim Zuschauer. Ebenso, weil seine Motivation nicht ausführlich begründet und das Hologram-Foto zuvor nicht gezeigt wurde. Pretty basic stuff eigentlich.

Ich könnte noch ewig so weitermachen. Warum sind die Wohnungen von Motoko und der Doktorin so unpraktisch in 80er-Zukunftsvorstellungen gekleidet, während das Original ganz normale Einrichtungen platzierte beziehungsweise von Motokos Wohnung überhaupt nichts zu sehen war? Warum muss es mal wieder einen unterentwickelten bösen, weißen Mann geben? Warum gab es überhaupt diesen klischeehaften Origin-Plot zu Motokos Vergangenheit? Warum wurde der fantastische Dialog zum Ende des Animes gegen ein simples “Wir sind beide nicht so unterschiedlich”-Mumpitz eingetauscht, bei dem sich das Verhältnis beider Figuren wie ein Versuch nach Romanze anfühlt? Warum gab es diesen total deplatzierten Einsatz des Spinnen-Roboters? Warum fehlt komplett der Gore?

Und warum zum Teufel führt Motoko am Ende ihre Hand über das Gesicht, obwohl ihr niemand dabei zusieht? Das war im Original eine Art Mittelfinger, gerichtet an ihre Gegenspieler. Stattdessen existiert dieser Stunt hier nur zur reinen Selbstbefriedigung einer sinnlosen Referenz-Quota. Motoko blickt direkt in die Kamera, auch wenn sich im Film niemand dahinter befindet. Sie macht es nur für die Zuschauer. Nur für die Referenz. Und es hätte keinen passenderen Abschluss für diese fehlgeleitete Scheußlichkeit sein können.

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