Wie man Berge perfekt vermarktet — ein Lehrstück für Nepal

Berge, vor allem die höchsten, wirken eine magische Anziehungskraft aus. Sie richtig zu vermarkten kann Regionen reich machen. Nepal versucht seit Jahren mehr von seinen Naturwundern zu profitieren — die Schweizer sind weiter, sie flunkern etwas und profitieren.

Der höchste Berge Europas ist der Mont Blanc mit 4810 Meter Höhe — eine tradierte Meinung, aber umstritten. Europa endet am Kaukasus, und da liegt der Mount Elbrus, der mit 5642 Metern deutlich höher ist als der Mont Blanc, der immerhin noch höchster Berg der Alpen bleibt. Aber weder die Franzosen, noch die minder im Mittelpunkt stehenden Italiener, deren höchster Berg der Mont Blanc bzw. der Monte Bianco ist, rütteln an dieser Anschauung.

Ganz in der Nähe liegt das wunderschönen Saastal im Schweizer Kanton Wallis. Hier gibt es hoch über Saas Grund den Rundweg 18 Viertausender, ein weiteres Beispiel guter Vermarktung. Hier kann man all die schönen Berge bestaunen, die auch in der Panoramakarte der „freien Ferienrepublik“ Saas-Fee als 4.000er tituliert sind. Besonders beeindruckend ist der Blick auf den höchsten Berg der vollständig in der Schweiz liegt, der Blick auf den 4.545 Meter hohen Dom, und die diesen umgebende Mischabelgruppe mit dem schneebedeckten Allalinhorn, dem mächtigen Täschhorn, oder dem Nadelhorn.

Leider mogeln die Schweizer etwas, denn längst nicht alle 4.000 Meter hohe Berge, die man in Hochsaas sieht, sind Berge.

Ranglisten über Berge gibt es schon über ein Jahrhundert lang. Um Streitereien über die Höhe von Berge zu beenden wurden topographische Kriterien dafür entwickelt und international abgestimmt, was ein Berg ist, und was nicht — diese Kriterien sind auch von der UIAA (Internationale Vereinigung für Klettern und Bergsteigen) anerkannt. Kurz und knackig: 300 Meter muss die sogenannte „Prominence“ betragen, der Abstand vom Gipfel eines Berges bis zu seinem höchsten Sattel. Sind es weniger als 300 Meter, dann ist der Berg nur ein Gipfel, meistens ein Nebengipfel des nächstgelegen höheren Berges.

Mindestens sieben der 18 Viertausender auf dem Rundweg im Saastal sind Gipfel, keine Berge. Allen voran das Alllaninhorn, das Täschhorn und das Nadelhorn — alles stattliche Erhebungen von bis zu 4.491 Metern Höhe (höher als das Matterhorn), aber eben keine eigenständige Berge. Das Allalinhorn trennt nur 255 Höhenmeter vom Alphubel am gleichnamigen Joch, das Täschhorn erhebt sich nur 210 Meter über das Domjoch und das Nadelhorn nur 206 Meter über das Lenzjoch — das Täschhorn ist also der Südgipfel und das Nadelhorn einer der Nordgipfel des Dom. Wollte man korrekt handeln, so müsste der beliebte Rundweg „11 Viertausender“ heißen.

Aber wen stört das?

Nepalesen sollte es zumindest stören, denn auch sie versuchen sich gut zu vermarkten. Der höchste Berge der Welt ist der Mount Everest, das ist so und letztendlich unumstritten, auch wenn vor allem Amerikaner das gerne anders sehen — die heute überall verbreitet Sehnsucht nach Größe lasst sie diskutieren, dass der Mauna Kea auf Hawaii oder der Denali in Alaska eigentlich höher sind.

Aber was kommt danach? Alleine acht der 8.000er liegen zumindest teilweise in Nepal. Gemessen an Schweizer Maßstäben sind es aber 13. Insgesamt sechs Berge, fünf davon in Nepal, sollen auf Anforderung der Nepalesen — das UIAA Mitglied Ang Tshering Sherpa aus Nepal stellte einen entsprechenden Antrag — anerkannt werden:

— Yarlung Khang — 8505m (alias Kangchendzönga West, Nepal)

— Kangchendzönga South- 8476m (Nepal — Indische Grenze)

— Kangchendzönga Central — 8473m (Nepal — Indische Grenze)

— Lhotse Middle — 8413m (Nepal — Chinesische Grenze)

— Lhotse Shar — 8400m (Nepal — Chinesische Grenze)

— Broad Peak Central (Pakistan — Chinesische Grenze).

Das mächtige Massiv des dritthöchsten Berges der Welt, des Kangchendzönga, beherbergte dann alleine vier Achttausender, so viele wie das Karakorum. Die beeindruckenden dreieinhalb Kilometer hohe Steilwand des Lhotse, des vierthöchsten Berges der Welt, würde dann durch drei Achttausender gekrönt. Das Manko: alle haben eine Prominenz von weniger als 300 Metern, wie das Allalinhorn, das Täschhorn, oder das Nadelhorn.

Nepal, heute eines der ärmsten Länder der Welt und politisch problematisch, kann profitieren. Die Schweiz ist nicht aus Reichweite. Zwar wussten schon die Römer und nach Ihnen alle Mächtigen der Umgebung das Wallis zu schätzen. Aber erst in der Mitte des 19. Jahrhunderts trafen nach der Besteigung des Matterhorn am 14. Juli 1865, dem bekanntesten Berg der Walliser Alpen, vermehrt zahlende Fremde ein. Der Tourismus entdeckt auch das Wallis. Mit der Eröffnung des Simplontunnels im Jahr 1905 erhielt das Wallis eine Eisenbahnverbindung nach Italien. 1913 folgte die Verbindung ins Berner Oberland durch die Lötschberglinie. Spätestens ab diesem Zeitpunkt kamen Touristen auch leicht ins Land.

Die ersten Touristen sind schon lange in Nepal angekommen und der Weg zum Mount Everest wird jährlich leichter. Würden die Nepalesen rein auf den größtmöglichen Effekt setzen, dann wäre der Mount Everest der Aussichtsberg für elf 8.000er, nicht nur für sechs, wie heute. Bevor man vom Süden zum Mount Everest vorstößt könnte man an der Lhotse Flanke schon drei Achttausender bewundern, und von Darjeeling, der weltberühmten Lage für Tee in Indien, würden vier Riesen im Nachbarland statt nur dem Kangchendzönga grüßen. Vielleicht fänden sich dann auch leichter Sponsoren für ein paar Tunnel, die die Region erschließen.