The Big Straw Bale Gathering 2018 — mein Bericht

The Big Straw Bale Gathering 2018

Ich freue mich, dass ich endlich wieder einmal in Strohblogger-Mission unterwegs sein konnte und dass ich vom Big Straw Bale Gathering 2018 in Wales berichten darf.

Aufgrund des extremen Sommers der auch auf den Britischen Inseln seine Spuren hinterlassen hat, war auf der Veranstaltung auch der Klimawandel immer wieder ein heißes Thema. Die Folgen der Hitzewelle waren auch deutlich an den sonst wunderschönen grünen Englischen Parks zu sehen, denn diese glichen diesmal eher Sizilianischen Weiden.

Vor dem Event war ich mit meiner Frau ein paar Tage im normalerweise grünen London

Extra für das Event gab es dann auch eine Unterbrechung der Hitzewelle und einen lang ersehnten Regentag. Nebenbei möchte ich noch erwähnen, dass ich zum ersten mal in Wales war und weil es so ein wunderschönes Land mit so netten Menschen ist wird es auch sicher nicht das Letzte mal gewesen sein.

Ganz in der Nähe des Down To Earth Center die wunderschöne Three Cliffs Bay

Das dreitägige Event am 10., 11 u. 12. August) wurde vom Straw-bale Building United Kingdom (SBUK) organisiert und war auch so etwas wie eine Generalprobe, für das im nächsten Jahr auch in UK stattfindende European Straw Bale Gathering (ESBG). Es es fand im großartigen Down To Earth Center nähe Swansea in Wales statt und neben den vielen, sehr interessanten Vorträgen, war reichlich Zeit für den gegenseitigen Austausch unter StawbalernInnen.

In meinem Bericht habe ich versucht ein paar hoffentlich interessanteste Aussagen der Vortragenden Gäste zusammenzufassen.

Das Down To Earth Center ist ein Veranstaltungsort an dem gesellschaftliche Verantwortung gelebt wird

Vorweg möchte ich ein paar Worte über den Veranstaltungsort, das aus Stroh gebaute Down To Earth Center verlieren. Es handelt sich dabei um ein Bildungs- und Gesundheitszentrum für ökologisches Bauen und es liegt mitten in einem wunderschönen Naturschutzgebiet. Schon bei der Errichtung des Gebäudes wurden zahlreiche Workshops organisiert, an denen Menschen mit mentalen Problemen zur Rehabilitation teilnahmen. Nach einer schwierigen Phase ihres Lebens wie zum Beispiel auch nach einer Gehirnoperation, finden Menschen im Down To Earth Center Unterstützung in der Gemeinschaft. Auch die Arbeit mit natürlichen Materialien auf der Baustelle trägt wesentlich zur Heilung bei. Nach Fertigstellung des Down To Earth Centers ist “Green Building” weiterhin das zentrale Thema für laufend stattfindende Workshops. Dafür gibt es Schulungsräumlichkeiten in denen Stroh- und Lehmbau-Workshops abgehalten werden. Derzeit ist auch eine Erweiterung des Zentrums für die Unterbringung von Gästen im Bau und auch dabei helfen die Workshop Teilnehmer wieder fleißig mit.

Bauen mit Stroh ist eine sichere Carbon Capturing and Storing Technik mit Win-win-Effekt — Lasst uns das CO2 in unsere Wände packen!

Einen sehr interessanten Ansatz verfolgt Craig White als Architekt und Entwickler von Ressourcenschonenden Baumaterialien. Er schlägt vor den Überschuss an CO2 in unserer Atmosphäre einfach in unsere Wände zu packen, anstatt sie mit teuren großtechnischen Anlagen waghalsig unter unsere Erdoberfläche zu pressen. Er hat vorgerechnet, dass wenn Großbritannien den akut vorherrschenden Wohnungsmangel endlich angeht und nur etwa 15% der notwendigen Wohneinheiten mit Stroh bauen würden, dann könnte die Insel CO2-neutral bilanzieren (vielleicht kann das ja einmal jemand für Österreich nachrechnen?). Weil Stroh, das beim Wachstum mittels Photosynthese eingelagerte CO2 so lange speichert bis es verrottet oder verbrennt, ist die Verwendung von Stroh als Baumaterial eine perfekte Möglichkeit für Carbon Capturing and Storing (Langzeitspeicherung von CO2). Noch dazu wird bei Stroh in der Wachstumsphase sehr viel Kohlendioxid innerhalb nur eines Jahres gebunden. Damit ist es zum Beispiel im Vergleich mit Holz, das zig Jahre für die Bindung von CO2 benötigt, eine vergleichsweise schnelle Carbon Capturing and Storing Methode. Bei der Verwendung von Stroh als Dämmstoff entsteht so ganz nebenbei eine Win-win-Situation, denn Carbon Capturing and Storing passiert ganz nebenbei und verursacht keine Extrakosten :-).

Flying Factory eine intelligente Methode für die effiziente Errichtung von Strohhäusern

Craig White hat auch noch von einer sehr innovativen Methode berichtet, die seine Firma Modcell sehr erfolgreich anwendet und mit der er schon einige größere Projekte realisiert hat. Um seine Fixkosten und gleichzeitig die Transportwege zu minimieren hat er das Konzept der Flying Building Factory zur Vorfertigung von mit Wandmodulen mit Strohdämmung entwickelt. Dafür sucht er in der Nähe der jeweiligen Baustelle bei Landwirten nach einer geeigneten Halle und mietet diese für einige Tage oder Wochen an. Wenn es soweit ist, dann rückt ein eingespieltes Team mit allen notwendigen Werkzeugen an und die beim Holzproduzenten vorbestellten und exakt zugeschnittenen Teile werden zusammengebaut und mit Stroh gedämmt. Die fertigen Module werden dann zur Baustelle gebracht und mit einem Kran in sehr kurzer Zeit zusammengesetzt.

Die Zukunft liegt im “Rebailing” von Großballen zu Kleinballen — das “Baustroh-Versorgungsproblem”

Auf der Veranstaltung war auch immer wieder Thema, dass es viel schwieriger geworden ist, die zum Bauen verwendbaren Kleinballen rechtzeitig zu bekommen. Nur mehr sehr wenige Landwirte verfügen über Strohpressen für kleinformatige Ballen und können auch damit umgehen. Auch Barbara Johnes hat bei ihrem Vortrag betont, dass sie die Zukunft in einer Versorgung mit stationären oder auch mobilen Anlagen zur Umpressung von den leicht verfügbaren großen, Rund- und Quarderballen zu entsprechenden Kleinballen sieht. Mit der erfreulicherweise zunehmenden Anzahl an Projekten braucht man nun professionelle Versorger für Baustroh, auf die man sich punkto Qualität und Lieferfähigkeit verlassen kann.

Nachhaltig leben als Voraussetzung für neues Bauland in Wales

Chris Vernon hat sein persönliches One Planet Projekt vorgestellt: Die Regierung von Wales hat sich für ihre Bürger ein geniales Widmungskonzept für Bauland überlegt. Wer sich dazu bekennt ein nachhaltiges Leben zu führen der bekommt eine Baugenehmigung auch auf Grundstücken die bisher nicht als Bauland ausgewiesen waren. Eine der Bedingungen ist, dass das neu errichtete Gebäude ein “Zero Carbon Home” wird. Das heißt die Errichtung und der Betrieb des Gebäudes muss CO2-Neutral erfolgen. Weitere Bedingungen sind zum Beispiel ein hoher Grad an Selbstversorgung und eine regionale wirtschaftliche Eigenständigkeit der Personen, die in dem Gebäude leben. Um die Genehmigung für ein One Planet Projekt zu bekommen muss im Vorfeld ein Business Plan erarbeitet werden, der später für die Regierung auch als jährliches Evaluierungsinstrument dient. Das kleine Wales ist mit der One Planet Policy ein Vorreiter in Sachen nachhaltig Leben und es wäre schön, wenn weitere Länder diesem Beispiel folgen würden.

Selbstbau als Social-Event wird zum Trend

Die Pioniere des Strohbaus in den 80er und 90er Jahren mussten sich selbst zu helfen wissen. Es gab keine Profis die mit Stroh als Baumaterial Erfahrung hatten und man hat damals begonnen interessierte Helfer zusammen zu trommeln um ganz einfach selber Hand anzulegen. Viele der damaligen Pioniere haben sich heute zu Profis im Strohbau entwickelt und veranstalten Workshops direkt auf den Baustellen und der Zulauf wird immer größer. Menschen sehnen sich nach gemeinschaftlichen Aktionen bei denen selbst mitgearbeitet werden kann und wobei am Schluss ein sinnvolles Ergebnis “zum Angreifen” herauskommt. Zwei von diesen Pionierinnen, Barbara Jones und Mary Rawlinson haben die School of Natural Building aufgebaut und leisten damit wirklich großartige Informations- und Aufklärungsarbeit für den Strohbau. Emma Appleton gehört zur jungen Generation der Self Builder und hat mit einem leidenschaftlichen Vortrag über ihre Arbeit als Frau im Natural Building Bereich bei den Teilnehmern Eindruck hinterlassen.

“Embodied Carbon” wird mit dem Passivhaus zu einem relevanten Faktor

Judith Thornton von der Aberystwyth University hat sich mit der Verwendung von Stroh als Baustoff wissenschaftlich tiefgehend befasst. Sie hat uns in ihrem Vortrag einen Einblick in ihr umfangreiches Wissen gegeben. Zum Beispiel hat sie mit einer schönen Grafik dargestellt, dass mit der zunehmenden Energieeffizienz von Gebäuden die Energie für die Errichtung von Gebäuden immer relevanter wird. Über den gesamten Lebenszyklus eines Passivhauses zum Beispiel, ist der Anteil der für die Errichtung notwendigen Energie über 50%.

Judith Thornton hat auch einige kritische Punkte aufgezeigt, die vielen in der Strohbau Community möglicherweise nicht so gut gefallen. Zum Beispiel hat sie angesprochen, dass das Image von der “billigen” Art zu bauen mit Stroh zu einem großen Teil von der Community selbst erzeugt wurde und nicht sehr hilfreich ist bei der Etablierung von Stroh als Hochqualitatives Baumaterial für den breiteren Einsatz. Sie hat auch darauf hingewiesen, dass ein Großteil des heutigen Baustrohs aus der konventionellen Landwirtschaft kommt, die mit dem Einsatz von giftigen Pflanzenschutzmitteln nicht Zukunftstauglich ist. Auch Details wie die negativen Auswirkungen von nicht gerade verputzten Wänden auf die Wärmedämmungseingenschaften von Wänden hat sie ausführlich untersucht.

Sehr interessant war auch ihr Bericht über das erste Haus das mit Miscanthus Strohballen gebaut wurde. Miscanthus ist eine rund 2 Meter hohe Energiepflanze die auch gut zu Strohballen verarbeitet werden kann.

Urbanes ökologisches Bauen mit Holz, Stroh & Lehm mitten in der Stadt

Peter Schubert der Wiener Architekt von Capital [A] Architects will mit seinem urbanen Baugruppen Projekt den Strohbau auf eine neue Stufe heben. In seinem Vortrag hat er sein Wiener Strohhaus Projekt vorgestellt mit dem er gesundes Wohnen mitten in der Stadt realisieren möchte. Das Projekt soll auch ein Referenzprojekt für zukünftige noch mehrgeschossige Gebäude in nachhaltiger und gesunder Bauweise werden. Außerdem wird das Gebäude von einer Baugruppe errichtet und damit werden die Overheadkosten eines Bauträgers eingespart.

Unter vielen anderen sehr interessanten Leuten habe ich Glyn Clark und seine Partnerin, die Künstlerin Georgie Moore kennen gelernt. Glyn arbeitet für einen Hauptsponsor des Events, die Firma Huff and Puff Constructions. Die Firma plant und baut Strohballenhäuser und organisiert auch Ausbildungen. Das Interesse an Strohhäusern ist offensichtlich auch in Großbritannien sehr groß, denn die Firma hat bereits sehr viele Projekte realisiert und die Auslastung ist nach wie vor ausgezeichnet.

Es gab natürlich noch eine Vielzahl an weiteren interessanten Vorträgen und Gesprächen über die ich hier nicht berichtet habe. Wenn du Fragen oder Anregungen hast dann schreib mir einfach: contact@Strohblogger.com

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Links:

Straw-bale Building United Kingdom (SBUK)
Down To Earth Center
Huff and Puff Constructions
Künstlerin Georgie Moore
Craig White
Modcell
Wiener Strohhaus Projekt
Peter Schubert Capital [A] Architects
Erste Miscanthus Haus
School of Natural Building
Barbara Johnes
Chris Vernon
One Planet Projekt